Die Unsrigen und die Anderen. Menschen auf der Flucht

Der Krieg in der Ukraine bewegt zurzeit viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und in Österreich oder Deutschland Schutz und Hilfe zu suchen.Zugleich macht sich eine Ungleichbehandlung von flüchtenden Menschen entlang natio-ethno-kultureller Grenzen breit (Mecheril 2003). Bettina Brandstetter reflektiert eine persönliche Erfahrung vor dem Hintergrund postkolonialer Theorien.

Dieser Artikel ist bereits am 26. Mai 2022 auf dem Blog theocare des Instituts für Praktische Theologie erschienen. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

(M)ein Zug voller flüchtender Menschen

Samstagnachmittag, Ende April 2022. Müde von einem intensiven Blockseminar stehe ich am Bahnhof und warte genervt auf den Zug nach Hause, dessen Verspätung sich im fünf-Minuten-Takt verlängert. Endlich, mit 40 Minuten Verspätung, kann ich in den Zug einsteigen. Ich suche nach dem Ruheabteil, denn ich möchte die Zugfahrt wie üblich zum Arbeiten nutzen. Doch der Zug ist übervoll. Frauen mit Babys auf den Armen und Kinder. Kinder über Kinder. Selbstbezogen, müde und besessen von der Idee, meine Arbeit nicht ins Wochenende mitzunehmen, spähe ich nach einem Sitzplatz zum Arbeiten. Endlich winkt mir eine Frau um die Sechzig zu und macht mir den Fensterplatz neben sich frei. Ich lasse mich erleichtert nieder. Sofort erklärt sie mir, dass sie den Sitzplatz nicht an eine der „Roma-Frauen“ freigeben wollte. „Das sind keine Flüchtlinge aus der Ukraine“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „Das sind Roma. Sie nutzen die jetzige Situation aus, um nach Deutschland zu kommen und vom Sozialsystem zu profitieren. Sie sind organisiert, sie wissen genau, wo sie hinmüssen, um Geld und Unterstützung zu bekommen.“

In Rassismus verwickelt

Augenblicklich überfällt mich ein Gefühl der Ohnmacht und der Beschämung. Ich bin zur Privilegierten geworden auf Kosten der Diskriminierung anderer, auf Kosten von Frauen und Kindern auf dem Weg in eine hoffnungsvollere Zukunft.

„Was soll ich tun? Gleich wieder aufstehen und gehen? Prompt entgegnen? Allianzen suchen?“

Was soll ich tun? Gleich wieder aufstehen und gehen? Prompt entgegnen? Allianzen suchen? Oder meinen Laptop öffnen und tun, was ich tun wollte? Vorerst geht nichts von alledem. Ich sinne nach. Über die Irritation, über meine Ohnmacht und über die Optionen, die ich gewählt habe und die es darüber hinaus gegeben hätte. Die vielfach kritisierte Zwei-Klassen-Migrationsordnung, nach der zwischen legitimierten „Kriegsvertriebenen“ und unerwünschten „Flüchtlingen“ unterschieden wird, hatte mich voll erwischt und ich saß mittendrin.

Europäer*innen und ihre Anderen

Die Differenzierung meiner Sitznachbarin erinnert mich an das von Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak entwickelte Konzept des Otherings (Said 1978, Spivak 1985). Es bezeichnet im Kontext postkolonialer Theorien die diskursive „Herstellung“ der „Anderen“ als Gegenüber zu einem fiktiven „Wir“. Im deutschsprachigen Raum wird dieses Konzept zunehmend auch in der Theologie aufgegriffen (Silber 2021), um das Fortwirken kolonialer Verhältnisse in gegenwärtigen Gesellschaften aufzuzeigen. Das Gedankengut der Überlegenheit, Aufklärung und des Fortschrittes besteht im postkolonialen Europa fort und führt über Praktiken der Abwertung bzw. Exklusion zur Schlechterstellung „Anderer“ in „modernen“ Gesellschaften.

„Mittels Othering wird den als „anders“ bezeichneten Gruppen und Individuen ein Ort in der Gesellschaft zugewiesen, der sie kontrollierbar macht, diszipliniert und deren Benachteiligung oder Ausgrenzung legitimiert.“

Solche Verhältnisse sind nicht auf ehemalige Kolonialmächte beschränkt, sondern durchziehen auch die österreichische und deutsche Gesellschaftspolitik. Die Konstruktion der „Anderen“ erfolgt dabei in binären Gegensätzen zu einem hegemonialen „Wir“ und dient dessen Selbstvergewisserung. Sie ist als Negativfolie konstitutiv für die Definition und Legitimation einer privilegierten Position, des „Eigenen“ und „Normalen“ und nützt der Absicherung vorherrschender Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Mittels Othering wird den als „anders“ bezeichneten Gruppen und Individuen ein Ort in der Gesellschaft zugewiesen, der sie kontrollierbar macht, diszipliniert und deren Benachteiligung oder Ausgrenzung legitimiert. Mit dem zugewiesenen sozialen Ort sind gesellschaftliche Positionen, soziale Ressourcen und Privilegien bzw. Benachteiligungen sowie Bildungs- und Aufstiegschancen verbunden. Soziale Ordnungen sind allerdings nicht in Stein gemeißelt, auch darauf weisen postkoloniale Theoretiker*innen hin, und machen Praktiken des Widerstands gegen ungerechte Strukturen, der Subversion hegemonialer Diskurse oder der Ermächtigung einzelner Individuen sichtbar.

Ökonomisierung von Flucht

In der gegenwärtigen Flüchtlingsfrage lässt sich eine solche binäre Kodierung feststellen. Die Kriegsvertriebenen, die als Ukrainer*innen gelesen werden, erhalten Unterstützung, die anderen Menschen aus Kriegsgebieten nicht zuteil wird. Ukrainer*innen erfahren zurzeit eine Willkommenskultur, wie sie 2017 rasch wieder abgeklungen ist. Sie erhalten von Anfang an einen rechtlichen Status, den andere Menschen mit Fluchterfahrungen nur mühsam oder gar nicht erreichen können. Ukrainer*innen werden als Europäer*innen, als Nachbar*innen angesehen und damit der „Wir“-Gemeinschaft zugerechnet. Eine rasche Einbindung in die Arbeitswelt wird von ihnen erwartet. Der Verdacht einer Ökonomisierung von Flucht liegt nahe, wenn bei Ukrainer*innen die Grenzen nur scheinbar national gezogen werden. Denn etwa Sinti*zze und Rom*nja, Menschen, die eine dunklere Haut haben, aus ärmeren Verhältnissen kommen und ihre sozialen Beziehungen anders organisieren, gehören zu den „Anderen“, wenngleich auch sie aus den Kriegsverhältnissen der Ukraine flüchten (Petrus 2022). Mittels der binären Unterscheidung werden nationalstaatlich organisierte Systeme gesichert, die die Verteilung sozialstaatlicher Ressourcen regeln, aber auch internationale und globale kapitalistische Verhältnisse legitimiert.

Von der Schwierigkeit zu handeln

Meine Sitznachbarin greift diesen politisch-gesellschaftlich geführten Diskurs auf und fühlt sich durch die Migration der Frauen und ihren Kindern, die sie als Rom*nja identifiziert, offenbar irritiert. Ich spreche mit ihr darüber, wie betroffen mich die Situation dieser Frauen und ihrer Kinder macht, gleich wo sie herkommen. Später sehe ich, wie sie ihre zwei mitgebrachten Jausenbrote mit der Romni auf der anderen Seite des Ganges teilt.

Ich beobachte, wie die fremden Frauen ihre Kinder versorgen, ihnen zu Essen geben, sie necken und kosen, ihnen einen Schlafplatz auf dem Schoß und sogar unter der Bank zurecht richten. Sie verhalten sich sehr ruhig.

„Meinen Sitzplatz wollen sie nicht annehmen. Die Zurückweisung ist nicht rückgängig zu machen. Doch das Lächeln wird erwidert und fühlt sich für mich an wie eine kleine Erlösung inmitten meiner Ohnmacht.“

Die Frauen und auch die Kinder sprechen leise, fast verschämt miteinander. Ich beobachte, wie ein Kind lange aus dem Fenster blickt, gedankenverloren, irgendwie hoffnungsleer und müde. Schließlich schläft es ein.

Stille Begegnung jenseits rassistischer Zuschreibungen

Ich suche den Blickkontakt zu den Frauen und versuche, meine Anteilnahme und Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Meinen Sitzplatz wollen sie nicht annehmen. Die Zurückweisung ist nicht rückgängig zu machen. Doch das Lächeln wird erwidert und fühlt sich für mich an wie eine kleine Erlösung inmitten meiner Ohnmacht. Bin ich es, die hier etwas, nämlich eine Ent-schuldigung braucht? Die stille Antwort der Frau ermöglicht eine Begegnung über nationale oder ethnische Grenzen hinweg. Sie erzeugt einen Zwischenraum jenseits der binären Kodierung. Das machtvolle Gefälle bleibt, denn schließlich bin ich es, die die Situation steuert, während dies der Frau auf der anderen Seite nicht möglich ist.

Als Europäerin lebe ich in einem gesellschaftlichen Raum, der von kolonialen, hegemonialen und rassistischen Strukturen durchdrungen ist. Ich kann mich subtilen und offensichtlichen Ungleichbehandlungen, Diskriminierungen und Alltagsrassismen, die vielfach von mir als Privilegierte mitverantwortet sind, nicht entziehen. Binäre Diskurse und Praktiken zu überwinden, in hegemoniale Diskurse einzugreifen und öffentlich Stellung zu beziehen ist nicht leicht, aber unausweichlich.

Dieser Artikel ist bereits am 26. Mai 2022 auf dem Blog theocare des Instituts für Praktische Theologie erschienen. Wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Bettina Brandstetter ist zurzeit Universitätsassistentin postdoc am Institut für Praktische Theologie, Fachbereich Religionspädagogik, an der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Wien und hat ab September die Forschungsprofessur für Interreligiöses an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz inne. Sie beforscht machtvolle Differenzierungspraktiken im Bildungssystem und in der Gesellschaft.


Literaturverzeichnis:

Mecheril, Paul, Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit, Münster, 2003.

Said, Edward W., Orientalismus, Frankfurt, 1978.

Silber, Stefan, Postkoloniale Theologien, Tübingen 2021.

Spivak, Gayatri Chakravorty, The Rani of Simur. An Essay in Reading the Archives, in: Barker, Francis et al. (Hrsg.), Europe and its Others. Colchester 1985.

Petrus, Klaus, Flüchtlinge zweiter Klasse, in: Amnesty Journal. Ukraine, 2022, abrufbar unter: Flüchtlinge zweiter Klasse | Amnesty International (20.5.2022)


Bildquelle: Maria Teneva on Unsplash


RaT-Blog Nr. 15/2022

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