„Stadt des Tanzes“. Paul Tillich in Dresden (1925 – 1929)

Das Wirken Paul Tillichs (1886–1965) in Dresden steht im Zentrum eines Kongresses, der kommenden Juli ebendort stattfinden wird. Christian Danz nutzt die Gelegenheit dazu, uns einen kurzen Einblick in den kulturellen Horizont des weltgewandten protestantischen Theologen zu geben und macht so Lust auf mehr.

„Das Wort Tanz weckt in mir Erinnerungen an die zwanziger Jahre in Dresden. In jenen Jahren wurde Dresden mit Recht die ‚Stadt des Tanzes‘ genannt. Ich war damals Professor für Religionswissenschaften an der dortigen Technischen Hochschule und fand Kontakt zur Wigmanschule. Mary Wigman wurde – wie auch heute noch – als die bedeutendste unter den Schöpfern des modernen Ausdruckstanzes angesehen.“ Mit diesen Worten erinnerte sich der protestantische Theologe Paul Tillich 1957 in New York an seine Zeit in der Elbmetropole gut dreißig Jahre zuvor. Am 31. August 1925 wurde er zum ordentlichen Professor für Religionswissenschaften an der kulturwissenschaftlichen Abteilung der Technischen Hochschule berufen, wo er bis zum Wintersemester 1928/29 lehrte. Tillichs Wirksamkeit in Dresden war äußerst produktiv. Die relativ junge kulturwissenschaftliche Abteilung in Dresden bot dem religiösen Zeitdeuter, der um 1900 in Berlin, Tübingen, Halle und wieder Berlin studiert hatte, in den turbulenten Jahren der Weimarer Republik die Möglichkeit, sein Programm einer Theologie der Kultur durchzubuchstabieren. Religion, so seine Grundüberzeugung, sei die Substanz der Kultur und Kultur die Form der Religion. Für seine Suche nach dem religiösen Gehalt der modernen Kultur fand Tillich in Dresden hervorragende Gesprächspartner. Enge Kontakte pflegte er zu dem Philosophen Richard Kroner, dem russischen Soziologen Fedor Stepun, dem Romanisten Victor Klemperer, dem Architekten Heinrich Goesch und anderen.

In der nach dem Ersten Weltkrieg blühenden Elbmetropole wandte sich Tillich in seinen Vorträgen und Veröffentlichungen Themen wie Technik, Architektur, bildender Kunst sowie dem Ausdruckstanz zu. Zu Letzterem gewann er Zugang durch Mary Wigman, aber auch durch Gret Palucca und Gertrud Steinweg. Für Tillich verkörperte der Ausdruckstanz geradezu seine Formel von der religiösen Substanz der Kultur und der kulturellen Form der Religion: „Der Tanz weckte in mir die unbeantwortbare Frage, wie die verlorengegangene Einheit von Kult und Tanz auf dem steinigen und wenig aufnahmebereiten Boden des Protestantismus wiedergewonnen werden könnte.“ Im Ausdruckstanz erschließt sich eine Schicht der Wirklichkeit, die ihn zum Symbol für eine göttliche Dimension werden lässt. Gerade das Zusammenspiel der individuellen Tänzerinnen und Tänzer lässt eine Einheit aufscheinen, die unterhalb der Gegensätze der zersplitterten und fragmentierten Kultur liegt.

Tillichs Wirksamkeit in der Elbmetropole widmet sich der vierte Kongress der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft e.V. Paul Tillich in Dresden. Intellektuellen-Diskurse in der Weimarer Republik, der vom 6. bis 9. Juli 2022 in Kooperation mit dem Institut für Evangelische Theologie der Technischen Universität Dresden und dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung im Tillich-Bau der Technischen Universität Dresden stattfinden wird. In den fünf Sektionen – 1. Streit über die Weimarer Republik, 2. Dresdener Intellektuellenmilieus, 3. Dresdener philosophische Diskurse, 4. Kairos, Religion und Kultur: Theologische Zeitdeutung und 5. Theologische Diskurse in der Weimarer Republik – beleuchtet der öffentliche Kongress die unterschiedlichen Facetten und Netzwerke von Tillichs Dresdener Zeit vor dem Hintergrund der Deutungskämpfe über die Weimarer Republik. Hinweise zum Programm finden sich auf der Website des Kongresses: https://tu-dresden.de/gsw/phil/iet/tillich-kongress.


Christian Danz ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und RaT-Mitglied.


Bildquelle: Deutsche Paul-Tillich-Gesellschaft, (C) Renate Albrecht


RaT-Blog Nr. 13/2022

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