Entdeckungsreise ins Jenseits: Hölle, Purgatorium und Himmel in Dantes Divina Commedia. Teil 1

Dante Alighieris Tod jährt sich heuer zum 700-Mal. Pünktlich zum Abschluss des Jubiläumsjahres stellt uns Jan-Heiner Tück im ersten Teil seines Beitrags die Biographie des berühmten Florentiners vor und nimmt uns mit auf eine theologisch-literarische Reise durch eines der zentralsten Werke europäischer Literaturgeschichte.

Einleitung

Dante Alighieri (1265-1321), dessen 700. Todestag wir in diesem Jahr begehen, hat mit der Divina Commedia einen Klassiker der Weltliteratur vorgelegt, der nicht nur in der bildenden Kunst und Musik ein vielfältiges Echo erzeugt, sondern neben literaturwissenschaftlichen auch theologische Kommentare[1] auf den Plan gerufen hat. Der Ausblick auf das Jenseits verändert den Blick auf das Diesseits. Die Imagination einer eschatologischen Wahrheitsdurchleuchtung leitet zur Überwindung der Dämmerung von Lüge und Zweideutigkeit an – schon hier und heute. Der italienische Dichter erinnert jedenfalls daran, dass das Leben hier nicht gleichgültig ist. Das Schiff unserer Existenz, um die nautische Symbolik der Kirchenväter aufzugreifen, versinkt nicht im Ozean des Vergessens: Wir werden erwartet, wir werden befragt, wir werden gerichtet …

Dantes dreigestufte Topographie des Jenseits von Hölle, Purgatorium und Himmel schließt an die mittelalterliche Eschatologie an. Sie ist kühn, denn sie nimmt das Gericht Gottes vorweg und überspringt den eschatologischen Vorbehalt, der daran erinnert, dass wir den Standpunkt Gottes nicht vorwegnehmen können. Dantes eschatologische Vision ist zugleich sprachmächtig und innovativ: der Dichter hat sein Werk nicht auf Latein verfasst, sondern in der italienischen Volkssprache in kunstvollen Versen, deren Klang und Dichte unübertroffen sind. Dadurch hat er seinen Landsleuten die Sprache gegeben, die sie bis heute sprechen und schreiben.

Biographisches Präludium

Die Divina Commedia ist dem Exil abgerungen. Dante ist 1265 als Spross einer alt eingesessenen adeligen Familie in Florenz geboren worden, er war nicht nur Dichter und Privatgelehrter, sondern hat sich auch als Lokalpolitiker betätigt. Die in wirtschaftlicher Blüte stehende Stadt am Arno war seit Mitte des 13. Jahrhundert zerstritten, die papstreuen Guelfen und die kaisertreuen Ghibellinen standen sich gegenüber, ja befehdeten sich hartnäckig. Aber auch die Guelfen, denen Dante zugehörte, splitterten sich in zwei Parteien auf, die sich bekämpften: die „Weißen“, die dem Papst die Gefolgschaft aufkündigten, und die „Schwarzen“, die ihm die Treue hielten.

Dante, der sich in die Zunft der Ärzte und Apotheker eintragen ließ, um politisch aktiv werden zu können, hatte sich im Rat der Stadt engagiert und war vom 15. Juni bis zum 15. August 1300 sogar einer der neun Prioren von Florenz gewesen – eine Tätigkeit, die ihm am Ende zum Verhängnis wurde. Rückblickend notiert er selbst: „Alles Unglück, ‚alle‘ Widerwärtigkeiten meines Lebens hatten ihre Ursache und ihren Anfang in den unglückseligen Begebenheiten meines Priorates.“[2] Obwohl Dante zunächst politisch neutral agierte, schlug er sich mehr und mehr auf die Seite der „Bianchi“, die sich den Plänen des mächtigen Papstes Bonifaz VIII. widersetzten. Mit dem Einzug von Karl von Valois in Florenz, der im Auftrag des Papstes handelte, erhielten 1301 die papstfreundlichen „Schwarzen“ die Oberhand.

Die Folge war, dass Dante 1302 der Prozess gemacht wurde. In Abwesenheit wurde er wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und wegen Widerstand gegen den Papst mit einer hohen Geldstrafe belegt. Da Dante sich weigerte, vor Gericht zu erscheinen und die Geldstrafe zu entrichten, wurde er am 10. März 1302 zum Tod durch Verbrennung verurteilt. Um sein Leben zu retten, musste er fliehen. Er hat seine Heimatstadt bis zu seinem Tod 1321 nicht mehr wiedergesehen.[3]

Man kann den traumatischen Einschnitt in seinem Leben nicht hoch genug veranschlagen. Seine Familie bleibt in Florenz zurück, sein Ruf als Politiker und Bürger der Stadt ist beschädigt, er verliert seinen Freundeskreis, später wird auch sein Besitz konfisziert. Er wird zu einer provisorischen Existenz verurteilt, die auf Kosten anderer lebt; stabil bleibt allein die Instabilität. In der Commedia lässt Dante seinen Urahn Cacciaguida das harte Los im Exil vorausschauen:

Und alles, was du liebst, wirst du verlassen!

  Dies ist der erste Pfeil, den du siehst steigen

  Aus der Verbannung, die dir sprach ihr Hassen.

Dann wird sich dir am eignen Leibe zeigen,

  Wie salzig jedes fremde Brot uns schmecket

  Und wie es hart ist fremde Stiegen steigen.

(Par. 17, 55-59)

Seine Frau Gemma di Donati und seine vier Kinder Pietro, Giovanni, Jacopo und Antonia hat er in der Stadt zurücklassen müssen. In nautischer Metaphorik hat er selbst das harte Geschick des Exils eindrücklich zum Ausdruck gebracht:

„Wahrlich, ich war ein Schiff ohne Segel und ohne Ruhe. Vom kalten Wind, der die schmerzensreiche Armut durchdringt, zu vielen Häfen und Buchten und Stränden getrieben, und ich bin in den Augen vieler, die sich, vielleicht auf Grund meines Ansehens, mich in anderer Gestalt vorgestellt hatten, nicht nur in meiner Person herabgewürdigt worden, sondern auch in allem, was ich vollbracht habe und noch zu vollbringen gedenke.“ (Convivio)

Die Infamie der Verbannung hat Dante durch die Fama seines Werkes zu kompensieren versucht. Der Romanist Karlheinz Stierle spricht von „dichterischer Selbstbehauptung im Exil“. Und tatsächlich ist Dante schon zu Lebzeiten als Dichter berühmt geworden. Seine Heimatstadt Florenz aber hat er nie wieder betreten können. 1321 ist er in Ravenna gestorben, nachdem er die Divina Commedia beendet hatte.

Die Zahl „drei“ als kompositorisches Strukturprinzip der Commedia

Das Langgedicht der Commedia ist mit seinen 14 233 Versen streng durchkomponiert. Die Zahl drei hat bestimmende Macht auf der Makro- und auf der Mikro-Ebene. Das Werk hat drei große Teile – Inferno, Purgatorio und Paradiso –, die jeweils dreiunddreißig Gesänge umfassen. Ein eröffnender Canto ist dem Ganzen vorangestellt, so dass das Werk insgesamt aus 100 Gesängen besteht. Dreimal wird jeweils zu Beginn der drei Jenseitsorte die Muse angerufen als Anzeichen, dass die Quelle der Imagination von anderswoher kommt. Als dichterische Reimform aber hat Dante die Terzine erfunden. Das eine Werk, das in drei Teilen die Jenseitslandschaft vorstellt, die dreifache Anrufung der Musen, das Reimschema der Terzinen, das alles lässt sich als Hommage an das Mysterium der Dreifaltigkeit lesen. Die Zahl 100 aber ist Symbol der Vollendung.

Man ist „fasziniert von der eisernen Energie, der Umsicht, der Geduld, dem Einfallsreichtum und der Nuancierungskraft, mit denen der Sprachbildhauer Dante aus den unendlichen Kombinationsmöglichkeiten seiner Sprache immer wieder die eine Formulierung schlägt, die die geballte Kraft des Endgültigen hat.“[4] Vor allem, und das ist theologisch bedeutsam, trägt er die unerfüllte Liebe zur früh verstorbenen Beatrice bis in den Himmel, was für scholastische Theologen eine Provokation sein mag. In der seligen Gottesschau wird das Lächeln der Geliebten nicht negiert oder aufgehoben. Der Sehnsuchtspfeil menschlicher Liebe reicht ins Eschatologische und findet erst dort seine Erfüllung. Dantes Reise durch die Jenseitslandschaften von Hölle, Purgatorium und Paradies aber geht über die literarischen Vorlagen bei Homer und Vergil bei weitem hinaus. Dante hat sein Werk „als einen Ausritt in Neues, Unerforschtes empfunden“, wie Hans Urs von Balthasar in seiner theologischen Ästhetik treffend notiert[5].

Die Reise ins Jenseits als „alt(r)o viaggio“

„Auf unseres Erdendaseins Wegesmitte / Erfand ich mich in einem dunklen Wald / Da abgeirrt vom rechten Pfad die Schritte“ (Inf. 1,1-3). So setzt die Commedia ein. Dante lässt das Werk am Karfreitagsmorgen 1300 beginnen, dem ersten Heiligen Jahr, das Papst Bonifaz VIII. ausgerufen hatte. Im dunklen Wald (selva oscura) wird er von drei wilden Tieren bedrängt, einem Luchs, einem Löwen und einer Wölfin. Die Bestien stehen für die Laster der Überheblichkeit (superbia), des Neides (invidia) und der Habgier (avaritia), die das gesellschaftliche Leben der Stadt Florenz vergiftet haben (vgl. Inf. 6, 74). Dante gerät in eine lebensbedrohliche Krise, die manche Interpreten als dichterische Andeutung einer akuten Suizidgefahr gelesen haben. Stierle spricht von einem „Tiefpunkt der Selbst- und Weltverlorenheit.“[6]

In der äußersten Not – das Wort „paura“ durchzieht den ersten Gesang (V. 6, 15, 19, 53) – aber spürt Dante plötzlich den Blick eines anderen auf ihm ruhen. Er sieht, dass er gesehen wird. Das hilft. Der Blick, der Anblick, die Optik, das spielt bei Dante immer wieder eine wichtige Rolle. Dieser andere ist Vergil (70–9 v. Chr.), der römische Dichter. Er hilft ihm, einen rettenden Ausweg aus der Gefahr zu finden: „Dir tut eine andere Reise not – A te convien tenere altro viaggo.“ (Inf. 1,91) Er begleitet Dante als „Führer“ (guida: Inf. I, 113) auf seinem Weg hinab bis in den untersten Schlund der Hölle, wo der gefallene Erzengel Luzifer im Eismeer feststeckt; er spornt ihn an, den Gipfel des Läuterungsbergs zu erklimmen, der auf der südlichen Hemisphäre der Erde aus dem Weltmeer herausragt; an der Schwelle zum himmlischen Paradies muss Vergil als Heide allerdings passen.

Hier übergibt er das Geleit an Beatrice, die früh verstorbene Geliebte, die donna beata e bella (Inf. II, 53), die wiederzusehen Dante sich sehnt, die ihn aber zunächst streng empfängt und ihn mahnt, Buße zu tun. Mit ihr zusammen lenkt Dante den Blick in die ewige Sonne, das Licht der Lichter. Diese Welt wäre ärmer, wenn es den Ausblick auf die andere nicht gäbe. – Beginnen wir die Jenseitsreise mit dem Inferno:

Das Inferno – hinab bis in den eisigen Erdmittelpunkt

Auf dem Höllentor zu Beginn des Inferno ist folgende Inschrift zu lesen:

Durch mich geht’s ein zur klagenreichen Stätte,

Durch mich geht’s ein zum ewiglichen Leid,

Durch mich zu der Verlorenen langen Kette.

Den höchsten Schöpfer trieb Gerechtigkeit,

In erster Liebe sich zu offenbaren

In seiner Allmacht und Allwissenheit

Vor mit war nichts Geschaffenes zu gewahren

Wie Ewige, so wie ich ewig bin

Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

(Inf. III, 1-9)

Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate. Das Tor zur Hölle ist weit geöffnet, um die zu empfangen, die den breiten, bequemen Weg gegangen sind. Dante und Vergil durchschreiten das Portal, aber Dante fragt gleich, ob das alles nicht zu hart sei, ob es denn keine Hoffnung für die Verlorenen gebe. Vergil antwortet, jeder Hintergedanke müsse hier weichen, jedes Mitleid ersterben. Es habe keinen Sinn, über die Unglücklichen und ihr unabänderliches Schicksal zu reden. „Guarda e passa, schau und geh vorüber“ (Inf. III, 51), so lautet der Rat des erfahrenen Begleiters. Dante aber verliert beim schrecklichen Anblick der Verdammten das Bewusstsein. Er bekommt gar nicht mit, wie der Höllenwächter Charon sie in seinem Kahn den Totenfluss überqueren lässt.

Sie gelangen zum Limbus, wo jene Seelen weilen, die nur den einen Defekt aufweisen, dass sie ungetauft sind. Vergil gehört dazu. Dante schmerzt die Auskunft, er will sie nicht akzeptieren, zumal auch andere große Dichter der Antike wie Homer, Horaz oder Ovid im Limbus versammelt sind. Aber die Reise geht weiter. Die beiden Jenseitspilger beginnen die trichterförmige Hölle nach und nach hinabzusteigen. Je tiefer sie kommen, um so schwerer sind die Strafen. Im Inferno regiert das Prinzip der Gerechtigkeit, der passgenauen Vergeltung. Nichts was geschieht, bleibt ungesühnt. Verantwortungsflucht ist unmöglich. Modern gesprochen: Die Täter werden nicht auf Dauer über ihre Opfer triumphieren. Auch Mitläufer und Zuschauer kommen nicht billig davon. Dante glaubt, dass schwere Sünder auf ewig verdammt werden. Für ihn gibt es eine Übereinstimmung zwischen der Art der Sünde und der Art der Bestrafung. Dieses Prinzip des contrapasso steht im Hintergrund, wenn Dante für menschliche Laster ausgeklügelte eschatologische Strafen erfindet.

Wollüstige und Völler, Geizige und Neider, Betrüger und Fälscher, Selbstmörder und Sodomiten, sie alle werden „von der grauenvollen Kunst der Gerechtigkeit“ (Inf. XIV, 6) eingeholt und finden ihre Strafe. Dante liefert eine genaue Geographie der Hölle, die er als kreisförmigen Abgrund konzipiert. Trichterförmig geht es in acht terrassierten, immer enger werdenden Kreisen bis in den eisigen Erdmittelpunkt hinab. Je verworfener die Laster, um so tiefer der Fall. Ganz unten steckt der gefallene Erzengel Luzifer im Eismeer fest, der einst herrliche Prachtengel ist hässlich entstellt, sechs Fledermausflügel und drei grässliche Mäuler prägen seine Physiognomie. Er zerkaut die Verräter Judas, Brutus und Cassius.[7]

Erstaunlich ist, dass Dante nicht davor zurückscheut, missliebige Zeitgenossen, persönliche Gegner, Kaiser und Könige, Häresiearchen und Sektenführer, ja selbst Päpste in die Hölle zu schicken. Manche Kritiker, darunter Goethe und Voltaire, haben in Dantes Inszenierung der bestialischen Höllenstrafen und ausgeklügelten Körper- und Geistesqualen sadistische Züge ausgemacht. In der Tat ist das Straftheater des Inferno nichts für zart Besaitete. Theologisch stabilisiert es die duale Eschatologie, die klar zwischen Geretteten und Verdammten unterscheidet.


Dr. Jan Heiner Tück ist Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.


Fußnoten

[1] Hans Urs von Balthasar, Dante, in: Ders., Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik, Bd. II: Fächer der Stile, Teil 2: Laikale Stile, Einsiedeln 1962, 365-462; Romano Guardini, Dantes Göttliche Komödie. Ihre philosophischen und religiösen Grundlagen, Mainz 1998.

[2] Zitiert nach: Karlheinz Stierle, Dante Alighieri. Dichter im Exil, Dichter der Welt, München 2014, 15.

[3] Vgl. Karlheinz Stierle, Das große Meer des Sinns. Hermeneutische Erkundungen in Dantes „Commedia“, München 2007, 7-9.

[4] Stierle, Dante Alighieri (s. Anm. 2), 35 (Hervorhebung JHT).

[5] Balthasar, Dante (s. Anm. 1), 366.

[6] Stierle, Dante Alighieri (s. Anm. 2), 43f.

[7] Vgl. Marc Föcking, Höllisches Finale. Ein Rundgang durch Dantes Inferno XXXIV, in: IKaZ Communio 50 (2021) 548-558.


Bildquelle: Wikipedia Commons


RaT-Blog Nr. 37/2021

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