Biblische Narrative und ihre sprachgebenden Effekte auf überwältigende Erfahrungen

Wie können traumatische Erfahrungen (ein Stück weit) verarbeitet werden? Lisa Achathaler präsentiert uns einen Blick auf dieses immer wichtiger werdendere Thema am Kreuzungspunkt von Theologie und Psychiatrie.

I. Leerstellen als Charakteristikum biblischer Narrative

Biblische Erzählungen (Narrative) weisen häufig Ambiguitäten oder Unstimmigkeiten auf, die auch als Unterbrechung oder Leerstelle bezeichnet werden. Derartige Unterbrechungen verunmöglichen ein eindeutiges Verstehen bzw. ein nahtloses Lesen des biblischen Textes.[1] Diese schwierig zu verstehenden Textpassagen werden zum Teil damit erklärt, dass unterschiedliche historische Überarbeitungsschichten aufeinandertreffen und sich überlagern, oder aber, dass sich unterschiedliche Gottesvorstellungen an diesen Stellen begegnen.[2]

II. Wie biblische Erzählungen mit überwältigenden Erfahrungen ins Gespräch gebracht werden können

Was haben nun biblische Narrative und überwältigende/traumatische Erfahrungen miteinander zu tun? Eine mögliche Verbindung liegt darin, die Bibel als sogenannte Traumaliteratur zu lesen, in der auf mögliche Spuren von überwältigenden Erfahrungen im Text geachtet wird. Um diese herauszuarbeiten, wird in der Theologie häufig die literaturwissenschaftliche Methode der Literarkritik genutzt. Eine weitere Verbindung möchte ich im Folgenden gerne aufzeigen.[3]

III. Charakteristika von überwältigenden Erfahrungen

Zunächst soll aber der Frage nachgegangen werden, was überwältigende bzw. traumatische Erfahrungen kennzeichnet: Ein Merkmal besteht darin, dass es sich meist um unzusammenhängende Erinnerungsstücke des Erlebten handelt, die für sich stehen und nicht als in der Vergangenheit liegend identifiziert werden können. Dadurch gelingt es nicht, diese Bruchstücke in einen größeren Erzählzusammenhang kohärent einzuordnen.[4]

Der Psychiater Bessel van der Kolk, der sich auf die Erforschung von Traumata spezialisiert hat, konnte zudem zeigen, dass überwältigende Erfahrungen vorwiegend die linke Gehirnhälfte zu einem großen Teil abzuschalten vermögen, in der auch das Sprachzentrum beheimatet ist, während bilderfassende und emotionale Zentren hochaktiv sind.[5] Van der Kolk findet damit wichtige Brücken, die es uns erlauben, besser zu verstehen, warum uns überwältigende Erfahrungen: „[…] an den Rand unseres Fassungsvermögens [bringen] und es uns unmöglich [machen], mit sprachlichen Mitteln auszudrücken, was uns bewegt.”[6]

Dieses Zitat deutet bereits auf die häufig hingewiesene isolierende Wirkung von überwältigenden Erfahrungen hin[7] und verdeutlicht die Unmöglichkeit, das Erlebte adäquat mit denotativen sprachlichen Mitteln[8] auszudrücken.[9] Es bedürfe daher eines symbolischen[10] oder narrativen Ausdrucks, da, so meine Interpretation, narrative Darstellungen eher geeignet sind, das Erlebte in abstrahierter Form auszudrücken, wodurch Sprache einen stärkeren Symbolcharakter erhält. Ein solcher Prozess könne zudem dabei helfen, überwältigende Erfahrungen in bestehende „mentale Schemata“ [11] einzuordnen.

IV. Die Leerstelle eines Textes als weitere Verbindung zwischen biblischen Narrativen und überwältigenden Erfahrungen

In Auseinandersetzungen mit dem Zusammenspiel zwischen Text und Leserschaft, konnte gezeigt werden, dass speziell das Ungesagte (die Leerstelle) dazu einlädt, die jeweilige Lebensrealität in den Text bzw. in diese Leerstellen hineinzulegen.[12]

Um überwältigende Erfahrungen nun mit den biblischen Narrativen auf eine weitere Art zu verbinden, möchte ich noch einmal van der Kolk zu Wort kommen lassen, der mittels sogenannter Rohrschachtests herausfinden konnte, dass: „Traumatisierte dazu neigen, ihr Trauma in alles, was in ihrer Umgebung geschieht, hineinzusehen und daß sie das, was um sie her geschieht, kaum jemals adäquat verstehen können.“[13] Bezogen vor allem auf den ersten Teil des Zitates wird deutlich, dass biblische Erzählungen sich durch die darin enthaltenen Leerstellen sehr gut dazu eignen – die Leserin/den Leser geradezu dazu einladen – die eigene Lebensrealität in das jeweilige biblische Narrativ hineinzulesen.

„In anderen Worten bietet das Narrativ einen Raum, in dem Überwältigendes in abstrahierter Form an die Oberfläche treten kann, ohne indes die biblische Erzählung daran zu hindern, ihre eigene Geschichte zu erzählen.“

Aufgrund dieser Besonderheit muss gleichwohl sehr stark betont werden, dass dieser Prozess des Hineinlegens keineswegs zu einem reibungslos lesbaren Text führt. Eindringlich ist daher darauf hinzuweisen, dass eine nivellierte Leseweise der Narrative, in der versucht wird, den Text in ein bruchloses Ganzes umzuformen, nicht ermöglicht wird, da sich ein: „Trauma […] [gegen] eine […] Einbindung in ein textliches Narrativ sträubt, gerade weil es sich einer Einbindung in ein persönliches Narrativ widersetzt.“[14]Weiters muss betont werden, dass die zuvor genannten Leerstellen oder Ambiguitäten in den Narrativen bestehen bleiben – selbst nachdem diese von der Leserin/dem Leser augenscheinlich befüllt wurden.[15]

In anderen Worten bietet das Narrativ einen Raum, in dem Überwältigendes in abstrahierter Form an die Oberfläche treten kann, ohne indes die biblische Erzählung daran zu hindern, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Die überwältigenden Erfahrungen finden durch die biblischen Erzählungen somit sowohl eine narrative Repräsentationsform, als auch eine Rahmung oder Begrenzung. Die Begrenzung ergibt sich aus der Eigenschaft des Narratives, sich trotz allem geduldig dagegen zu sträuben, von überwältigenden Erfahrungen vollständig überlagert zu werden. Diese Begrenzungen stehen somit dem ursprünglichen Fokus, der ausschließlich auf die Unterbrechungen oder Leerstellen gerichtet war, entgegen. Durch den sich dadurch vollziehenden Perspektivenwechsel, in dem der Fokus zurück auf das Narrativ gelenkt wird, treten biblische Motive (die häufig eng mit Hoffnungs- und Zukunftsperspektiven verknüpft sind) wieder verstärkt in den Vordergrund, während das Erlebte der eigenen Lebensrealität zunehmend in den Hintergrund tritt.

V. Wie überwältigende Erfahrungen unser Dasein und unsere Begegnungen prägen

Bezugnehmend auf Hoffnungs- und Zukunftsperspektiven wird von vielen Betroffenen von überwältigenden Erfahrungen berichtet, dass das Erlebte zu einer Einteilung des Lebens in eine „traumatische Vergangenheit“ und eine „verblasste Gegenwart“[16] führt. Besonders auffällig bei dieser Art, das Leben wahrzunehmen, ist die fehlende Zukunftsperspektive, die auch als Angst vor dem Ungewissen interpretiert werden kann.[17] Vor allem deutet eine derartige Dualität aber auch darauf hin, dass überwältigende Erfahrungen „das Vertrauen in fundamentale Konzepte unseres Daseins erodieren.“[18]

Der Begriff des Daseins wurde maßgeblich von dem Philosophen Martin Heidegger geprägt und unter anderem von dem Religionsphilosophen und Theologen Bernhard Welte weiterentwickelt. Welte verband den Begriff insbesondere mit einer fundamentalen Offenheit[19] des Lebens, die unser Dasein grundlegend prägt. Betrachtet man eine solche fundamentale Offenheit im Kontext von Begegnungen, dann wird deutlich, dass es bis zum Moment einer tatsächlichen Begegnung ungewiss bleibt, was sich einem darin alles zeigen wird: Großes Potential für Verletzungen oder Unsicherheiten finden darin ebenso Platz wie das Potential, Freundschaft, oder Liebe zu finden[20]. Welte beschreibt diesen Vorgang als ein „sich Freigeben an das Du“[21].

„Um Zukunfts- und Hoffnungsperspektiven neuerlich zu öffnen, braucht es neben solchen Leerstellen-reichen Texten aber auch immer neue Begegnungen mit dem Anderen, ebenso wie Freundschaft; ein Miteinander; ein Für-Einander-Dasein.“

Wie unschwer erkennbar ist, kann eine solche Offenheit durch eine etwaige traumatische Erfahrung („Nichtungserfahrung“[22]) bis auf die Grundfesten erschüttert werden, da (zum Teil auch körperliche) Erinnerungen an derartige Erlebnisse im Stande sind, diese fundamentale Offenheit zu verstellen. Dem begegnenden Du wird dann ängstlich entgegengetreten; vielleicht nicht einmal der Blick gesucht. Eine Begrüßung scheint in weite Ferne gerückt und eine misslungene Begegnung entsteht. Wie kann einer solchen Angst vor dem Unbekannten konstruktiv begegnet werden?

Wie ich versucht habe darzustellen, tragen sprachgebende Effekte, auf die ich im Rahmen dieses Beitrags anhand biblischer Narrative kurz eingegangen bin, dazu bei, überwältigende Erfahrungen in bestehende Denkschemata und als in der Vergangenheit liegend einzuordnen. Um Zukunfts- und Hoffnungsperspektiven neuerlich zu öffnen, braucht es neben solchen Leerstellen-reichen Texten aber auch immer neue Begegnungen mit dem Anderen, ebenso wie Freundschaft; ein Miteinander; ein Für-Einander-Dasein.

Beschließen möchte ich die hier dargebotenen Überlegungen mit Gedanken des Theologen Eberhard Jüngel, der in seinen Ausführungen über die Liebe schreibt, dass diese von außen betrachtet hoch fragil sei. Liebe sei, so seine Argumentation, hilflos ausgeliefert gegenüber allem, was ihr begegnet. Von innen her wäre sie aber selbst noch in ihrer Ausgeliefertheit im Stande, diese Machtlosigkeit zu überwinden[23]. Aus diesem Grund votiert er für das Festhalten an dieser so fragil anmutenden Größe, die, so möchte ich ergänzen, die Hoffnung auf gelingende Begegnungen stets bewahrt.


Lisa Achathaler ist uni:docs Fellow der Universität Wien und verfasst ihre Dissertation am Institut für Systematische Theologie und Ethik.


[1] Ein sehr anschauliches Beispiel für einen derart fragmentierten Text ist etwa der Ringkampf der biblischen Figur Jakobs (Abrahams Enkel) am Jabbok (Gen. 32:23-33).

[2] Butterweck 1981, pp. 19-43.

[3] Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit diesen Themen ist in der laufenden Dissertation mit dem vorläufigen Titel „Trust in God. Ethics of Hope: Biblical Narratives, Welte’s concept of Mitvollzug, and its language-giving effects on overwhelming experiences.“ nachzulesen.

[4] van der Kolk und van der Hart 1995, p. 176.

[5] van der Kolk 2018, pp. 57-59.

[6] van der Kolk 2018, p. 58.

[7] Boase 2016, pp. 51f; vgl. Caruth 1995, p. 153; Erikson 1995, p. 186.

[8] Ein denotatives sprachliches Zeichen bezieht sich rein auf den begrifflichen Gehalt eines Wortes.

[9] Vgl. Laub 1995, p. 63.

[10] Vgl. van der Kolk and van der Hart 1995, p. 172.

[11] van der Kolk und van der Hart 1995, p. 176.

[12] Lobsien 2012, p. 36. Siehe auch Paul Ricœur und Wolfgang Iser.

[13] Van der Kolk 2018, p. 26.

[14] Janzen 2012, p. 35. Im Original: „trauma will resist incorporation into a textual narrative precisely because it resists incorporation into personal narratives.”

[15] Janzen 2012, p. 238. Weitere Einwände nennt beispielsweise auch Cathy Caruth 1995, pp. 154f.

[16] van der Kolk and van der Hart 1995, p. 177. Im Original: „a traumatic past and a […] bleached present“

[17] Cf. Erikson 1995, p. 194. Siehe auch Landsman 2002, p. 13.

[18] Achathaler, laufende Dissertation.

[19] Welte 1966, p. 90.

[20] Cf. Keul 2021, p. 13.

[21] Welte 2008, p. 170.

[22] Bieler 2017, p. 158.

[23] Jüngel 1977, p. 445.


Weiterführende Literatur:

Achathaler, Lisa: Trust in God. Ethics of Hope: Biblical Narratives, Welte’s concept of Mitvollzug, and its language-giving effects on overwhelming experiences. Laufende Dissertation an der Universität Wien.

Bieler, Andrea: Verletzliches Leben. Horizonte einer Theologie der Seelsorge. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017.

Boase, Elizabeth: Fragmented Voices: Collective Identity and Traumatization in Lamentations, in: Boase, Elizabeth und Frechette, Christopher G. (eds.): Bible through the Lens of Trauma. Society of Biblical Literature, Semeia Studies (86/2016), pp. 49-66.

Butterweck, Anneliese:Jakobs Ringkampf am Jabbok. Gen 32,4ff. in der jüdischen Tradition bis zum Frühmittelalter, in: Judentum und Umwelt (3/1981).

Caruth, Cathy: Recapturing the Past: Introduction, in: Caruth, Cathy (ed.): Trauma. Explorations in Memory. Baltimore and London: The John Hopkins University Press 1995, pp. 151-157.

Erikson, Kai: Notes on Trauma and Community, in: Caruth, Cathy (ed.): Trauma. Explorations in Memory. Baltimore and London: The John Hopkins University Press 1995, pp. 183-199.

Janzen, David: The violent Gift: Trauma’s subversion of the Deuteronomistic History’s Narrative. Library of Hebrew Bible/Old Testament Studies 561 (2012).

Jüngel. Eberhard: Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) 1977.

Keul, Hildegund: Diskursgeschichtliche Einleitung zur theologischen Vulnerabilitätforschung, in: Keul, Hildegund (ed.): Theologische Vulnerabilitätsforschung. Gesellschaftsrelevant und interdisziplinär. Stuttgart: Kohlhammer 2021, pp. 7-18.

Kolk, Bessel van der: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Lichtenau and Westfahlen: Probst Verlag 52018 [2015].

Kolk, Bessel van der und Hart, Onno van der: The Intrusive Past: The flexibility of memory and the Engraving of Trauma, in: Caruth, Cathy (ed.): Trauma. Explorations in Memory. Baltimore and London: The John Hopkins University Press 1995, pp. 158-182.

Landsman, Irene Smith: Crises of Meaning in Trauma and Loss, in: Jeffrey Kauffman (ed.): Loss of the Assumptive World: A Theory of Traumatic Loss. New York: Brunner-Routledge 2002, pp. 13-30.

Laub, Dori: Truth and Testimony, in: Cathy Caruth (ed.): Trauma. Explorations in Memory. Baltimore and London: The John Hopkins University Press 1995, pp. 61-75.

Lobsien, Eckhard: Leerstellen, Unbestimmtheiten, schematisierte Ansichten. Zur Phänomenologie des Auslassens und Andeutens, in: Julian Hanich und Jürgen Wulff (eds.): Auslassen, Andeuten, Auffüllen. Der Film und die Imagination des Zuschauers. Boston: Brill 2012, pp. 33-47.

Welte, Bernhard: Heilsverständnis. Philosophische Untersuchung. Einige Voraussetzungen zum Verständnis des Christentums. Freiburg im Breisgau: Herder 1966.

Welte, Bernhard: Heilsverständnis. Philosophische Untersuchungen einiger Voraussetzungen zum Verständnis des Christentums, in: Bernhard Welte: Hermeneutik des Christlichen, Einleitung von Bernhard Caspar, Freiburg im Breisgau a.o. 2008, pp. 19-196. [Bernhard Welte: Gesammelte Schrift, Bd. IV/1].


Bildquelle: Lisa Achathaler


RaT-Blog Nr. 30/2021

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