Die Religionswissenschaft geht in die Schule. Neues Lehrwerk für den Ethik-Unterricht mit religionswissenschaftlicher Perspektive

Mit dem Beginn des aktuellen Schuljahres wurde der Ethikunterricht in Österreich um ein neues Lehrbuch bereichert. Was daran besonders ist und welche kontroversen inhaltlichen Fragen bei der Gestaltung eines Ethik-Lehrbuchs eine Rolle spielen, berichtet Wolfram Reiss, der Initiator und einer der Autoren des Werks.

I.

Mit Beginn des Schuljahres 2021/22 wurde zum ersten Mal ein Schulbuch für das Unterrichtsfach Ethik vorgelegt, in dem konsequent eine religionswissenschaftliche Expertise und Perspektive eingebracht wurde. Konzipiert und entworfen wurde das Lehrwerk von einem Team rund um Univ.-Prof. Dr. Wolfram Reiss und Mag. Robert Wurzrainer vom Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Kooperation mit dem Trauner-Verlag in Linz. Für die Bearbeitung der praktisch-philosophischen Anteile und die didaktische Dimension wurden der Philosoph Dr. Ferdinand Auhser und die erfahrene Ethik-Lehrerin und Religionswissenschaftlerin Dr. Veronika Futterknecht als Mitautorin und Mitautor gewonnen:

Auhser, Ferdinand / Futterknecht, Veronica / Reiss, Wolfram / Wurzrainer, Robert: Vielfalt (er)leben 1. Ethik. Approbiert für den Unterrichtsgebrauch an Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) für die 5. Klasse im Unterrichtsgegenstand Ethik. Linz: Trauner 2021.[1]

Für alle Interessierten: Eine vom Verlag zur Verfügung gestellte Leseprobe des Buches findet sich hier.

Hintergrund des Projektes war, dass Professor Reiss bereits seit Jahren mit der Analyse von Schulbüchern beschäftigt ist. So wirkte er z.B. bei einer umfassenden Schulbuchanalyse von Schulbüchern im Nahen Osten im Zeitraum von 2001-2012 mit und sprach detaillierte Empfehlungen zur Verbesserung der Darstellung von Kulturen und Religionen aus. [2] Im Rahmen eines Projektes der UNESCO und der Liga der Arabischen Staaten (LAS) war er darüber hinaus Mitglied in einem europäisch-arabischen Komitee, das Empfehlungen zur Darstellung anderer Kulturen und Religionen für Autor*innen von Geschichtsbüchern erarbeitete.[3] Diese Studie wurde in Arabisch, Französisch und Spanisch übersetzt und wird auf internationaler Ebene vom Europäischen Geschichtslehrerverband EUROCLIO für Fortbildungen und Workshops in verschiedenen Ländern eingesetzt.[4] Reiss analysierte darüber hinaus im Auftrag des Georg-Eckert Instituts im Jahr 2003 palästinensische Schulbücher für die Weltbank und im Jahr 2012 die in Österreich benutzten islamischen Schulbücher im Rahmen des Dialogforum: Islam.[5][6]

Im Zuge der Diskussion um die bundesweite Einführung des Ethikunterrichtes war klar, dass hier neben säkularen und philosophischen Positionen auch Religionen bzw. religiöse Positionen behandelt werden müssen.  Daher stellte sich die Frage, ob und wie sich die Religionswissenschaft hier mit ihrer Expertise einbringen könnte. Zunächst kam die Idee auf, Schulbuchverlage bei der Darstellung von Religionen in den neu anzufertigenden Ethik-Schulbüchern zu beraten, ähnlich wie dies auch Prof. Udo Tworuschka bei dem Forschungsprojekt „Der Islam in den Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland“ getan hatte.[7] Diesbezügliche Gespräche fanden mit diversen österreichischen Verlagen statt. Alle Verlage waren im Blick auf eine Zusammenarbeit aufgeschlossen, allerdings wurde rasch klar, dass so etwas wie eine wissenschaftliche Beratung nicht vorgesehen sei. Allerdings forderte man Prof. Reiss und Robert Wurzrainer auf, doch selbst als Autoren zu fungieren und ein Lehrwerk zu verfassen.

„Hier haben sich die Religionswissenschaftler Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer doch auf eine sehr ungewohnte Ebene eingelassen, die teilweise weit herausfordernder war, als einen wissenschaftlichen Artikel zum gleichen Thema zu schreiben.“

Nachdem fast überall die gleiche Antwort zu hören war, wurden Mitautor*innen gesucht, die die philosophische und praktische bzw. didaktische Dimension der Schulbücher abdecken konnten, denn es war klar, dass natürlich die Philosophie die Grundlage des Faches Ethik bleiben musste. Zum anderen bedurfte es auch der Expertise mindestens einer erfahrenen Lehrkraft, die die jugendlichen Adressat*innen und die entsprechende didaktische Aufbereitung des Lehrwerks in den Blick nehmen musste.

II.

Die Durchführung stellte sich als eine weit größere Herausforderung heraus als angenommen. Insbesondere das Format eines Schulbuches beinhaltete die Schwierigkeit, eine altersgemäße Sprache zu wählen, den Stoff mit lebensbezogenen Beispielen zu erläutern, Darstellungen sehr kurz zu halten und immer wieder mit Übungen und Fragestellungen zu versehen, die dem Modell des kompetenzorientierten Lernens sowie dem Lehrplan entsprechen. Hier haben sich die Religionswissenschaftler Wolfram Reiss und Robert Wurzrainer doch auf eine sehr ungewohnte Ebene eingelassen, die teilweise weit herausfordernder war, als einen wissenschaftlichen Artikel zum gleichen Thema zu schreiben.

In Folge traten weitere Herausforderungen auf: Die ursprüngliche Konzeption des Lehrwerkes war, dass nicht nur in den Kapiteln, in denen Religionen im Lehrplan behandelt werden sollten, religiöse Positionen thematisiert werden sollten,[8] sondern durchgehend in allen Kapiteln. D.h., dass auch in Einheiten wie z.B. Sexualethik, Tierethik, Umweltethik, Medizinethik und anderen Themenfeldern des Lehrplans nicht nur säkulare und philosophische, sondern immer auch religiöse Positionen angesprochen werden sollten. Diese Konzeption wurde allerdings von den Gutachter*innen prinzipiell abgelehnt. Bereits der reine Umfang von Informationen zu religiösen Positionen wurde als religiöse „Indoktrination“ bezeichnet, wiewohl durchgehend aus religionswissenschaftlicher Perspektive rein deskriptiv religiöse und säkulare Positionen gleichberechtigt nebeneinandergestellt wurden.

„Ethikunterricht ist keine Erziehung zu einer agnostischen oder atheistischen Sichtweise.“

Um die Approbation vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung zu erhalten, musste daher die Konzeption des Lehrwerks grundlegend geändert und die Thematisierung von Religion(en) weitgehend auf die dafür vorgesehenen Kapitel reduziert werden. Allerdings sicherte der Verlag zu, dass die zusätzlichen Materialien den Lehrer*innen online zur Verfügung gestellt werden, denn es ist nach wie vor die Auffassung des Autor*innenteams, dass es notwendig ist, im Ethikunterricht säkulare und religiöse Positionen aus einer nicht normativen Haltung heraus zu thematisieren.

III.

Ethikunterricht ist keine Erziehung zu einer agnostischen oder atheistischen Sichtweise.[9] Vielmehr sollte er eine diskursive Plattform bieten, um ohne Beeinflussung der Lehrperson unterschiedliche säkulare und religiöse Positionen zu diskutieren, Argumente kennenzulernen und selbständig eine Meinung bilden zu können.

Wenn man sich nur auf die philosophische Aufarbeitung der Themen beschränken würde, dann würde dies auch an den gesellschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart völlig vorbeigehen, denn es ist nun einmal so, dass säkulare und religiöse Weltanschauungen gegenwärtig in unserer Gesellschaft nebeneinander existieren und bisweilen auch aufeinanderprallen. Der Ethikunterricht würde sich freiwillig in einen philosophischen Elfenbeinturm zurückziehen, wenn Themen nur mit Bezug auf Aristoteles und Kant, Platon und Hegel oder nur naturwissenschaftliche Erkenntnisse (Physik, Biologie etc.) behandelt und thematisiert würden.

In einer Zeit, in der über einen „Kulturkampf im Klassenzimmer“ debattiert wird, können und sollen Religionen und religiöse Positionen nicht als separater Block behandelt werden, da Religionen – und somit auch religiös geprägte Menschen – ständig und überall in der Gesellschaft präsent sind. Über Religion(en) wird in der Politik und den Medien ständig berichtet. Sie spielen eine Rolle in der internationalen Politik wie auch in der Innenpolitik. Und auch den Ethikunterricht besuchen Schüler*innen verschiedenster Weltanschauungen, Religionen und Kulturen.

Allerdings dürfen auch nicht einfach nur säkulare Ansichten einer speziellen Religion oder einer religiösen Tradition gegenübergestellt werden, wie dies zurzeit vor allem im Blick auf den Islam häufig geschieht. Homosexualität und gleichgeschlechtliche Ehen stellen nämlich z.B. nicht nur für viele Muslim*innen, sondern auch für andere religiöse Traditionen ein Problem dar. Auch arrangierte Ehen oder die Zwänge, in der gleichen Ethnie zu heiraten gibt es nicht nur bei Muslim*innen, sondern in vielen anderen ethnischen und religiösen Gruppen. Ebenso ist dies bei Problemen der Identitätsbildung und -bewahrung, Problemen der kulturellen Zugehörigkeit, Sprachproblemen etc. der Fall, die migrantische Gruppen im Allgemeinen betreffen, ohne auf eine Religion beschränkt zu sein.

„Die Religionswissenschaft ist jedenfalls damit aus der Rolle der Analysierenden und Kritisierenden herausgetreten, liefert selbst einen pädagogischen Beitrag und stellt sich damit auch der Kritik.“

Deshalb orientiert sich das Schulbuch nicht am altbekannten „Weltreligionen“-Modell, das zudem aus religionswissenschaftlicher Sicht höchst fragwürdig ist, sondern versucht eher die religiösen Positionen anzusprechen, die tatsächlich in Österreich vorhanden sind. Dabei wird auch besonders die innere Diversität der verschiedenen Religionen berücksichtigt, denn „der“ Islam, „das“ Judentum, „der“ Buddhismus sind genauso wenig monolithische Blöcke wie „das“ Christentum, das z.B. mit katholischen, evangelischen, orthodoxen, charismatischen und evangelikalen Gruppen eine weite Bandbreite aufweist.

https://www.trauner.at/leseproben/04118011/

Keineswegs ist auch zu erwarten, dass in den Ethikklassen nur Schüler*innen mit atheistischen Weltanschauungen vertreten sein werden. Zeugen Jehovas z.B. müssen ihre Kinder in den Ethikunterricht schicken, da sie keinen eigenen Religionsunterricht an Schulen anbieten. Aber es werden auch Schüler*innen, die sich von ihrem Religionsunterricht abmelden (aus verschiedensten Gründen) im Ethikunterricht anwesend sein. Insoweit ist es von herausragender Bedeutung, dass Ethiklehrer*innen unterschiedliche philosophische und religiöse Perspektiven aufgreifen und diskutieren können, ohne Schüler*innen in eine bestimmte Richtung zu drängen.

IV.

Der erste Band der Schulbuchreihe ist inzwischen für die erste Klasse der Oberstufe der AHS approbiert, und auch die dem entsprechenden Lehrplan angepassten Bände für die BHS und die BMS haben die Approbation erhalten und befinden sich seit diesem Schuljahr in der Schulbuchliste. Der zweite Band ist momentan in der ersten Begutachtung und der dritte Band ist im Entstehen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass dies ein erster Versuch ist, dass sich die anwendungsorientierte Religionswissenschaft unmittelbar in die Erstellung von Schulbüchern auf inhaltlicher und praktischer Ebene einbringt. Bisher wurden zwar verschiedene didaktische Überlegungen angestellt und theoretisch darüber reflektiert, ob und wie sich die Religionswissenschaft in die Darstellung von Religionen im Schulunterricht einbringen könnte, aber an der praktischen Umsetzung hat es bislang gemangelt.[10] Zum anderen ist es der Versuch, internationale Schulbuchempfehlungen, die erfahrungsgemäß oft von Schulbuchverlagen nur wenig berücksichtigt werden, unmittelbar einfließen zu lassen. Ob dies gelungen ist, bleibt den Leser*innen überlassen.

Mit Spannung wird daher nun das Urteil von Kolleg*innen aus Theologie und Religionswissenschaft, aber auch von Praktiker*innen aus den Schulen erwartet. Die Religionswissenschaft ist jedenfalls damit aus der Rolle der Analysierenden und Kritisierenden herausgetreten, liefert selbst einen pädagogischen Beitrag und stellt sich damit auch der Kritik.

Weitere Ausführungen zur Konzeption von religiöser Bildung im Ethikunterricht aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive von Robert Wurzrainer und Wolfram Reiss finden sich in:

https://www.furche.at/religion/ethikunterricht-soll-kommen-aber-wie-155004

https://www.schulamt.at/wp-content/uploads/2021/09/Dialog-331_20_August_2021.pdf

Wolfram Reiss ist seit 2007 Professor für Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und setzt sich für die Etablierung einer „Anwendungsorientierten Religionswissenschaft“ ein, die aktuelle Fragestellungen der Gesellschaft aufgreift.


[1] In adaptierter Form liegen auch Versionen des Lehrwerks für die berufsbildenden höheren (BHS) und mittleren Schulen (BMS) vor.

[2] Mittlerweise wurden Schulbücher im Iran und der Türkei, in Ägypten und Palästina, Libanon und Jordanien sowie Syrien analysiert. Vgl. Klaus Hock / Johannes Lähnemann (Hg.). Die Darstellung des Christentums in Schulbüchern islamisch geprägter Länder. Bd. 1 Wolfram Reiss: Ägypten und Palästina, EB: Hamburg-Schenefeld 2005, Bd. 2 Patrick Bartsch: Türkei und Iran, EB: Hamburg-Schenefeld 2005; Bd. 3 Jonathan Kriener / Wolfram Reiss: Libanon und Jordanien, EB: Berlin 2012; Wolfram Reiss (Hg.): Die Darstellung religiös-gesellschaftlicher Diversität in Schulbüchern islamisch geprägter Länder. Bd. 1 Viola Raheb: Syrien. Die syrischen Schulbücher unter der Baath-Partei und in den politischen Umbrüchen, EB: Berlin 2019.

[3] Englische Fassung: https://euroclio.eu/wp-content/uploads/2017/02/Guidebook-for-History-Textbook-Authors-On-a-Common-Path.pdf, letzter Zugriff 27.9.2021.

[4] Vgl. https://www.euroclio.eu/, letzter Zugriff 27.9.2021.

[5] Vgl. Wolfram Reiss: Ethnic, Religious and Gender-Specific Issues in Palestinian Textbooks. An Analysis of School Textbooks of the Palestinian Authority in the Areas of Vocational Training, Science, and Mathematics, Georg-Eckert-Institute for International Textbook Research: Braunschweig 2003. Wolfram Reiss: Gutachten über die im islamischen Religionsunterricht in Österreich verwendeten Bücher. Bundesministerium für Inneres der Republik Österreich: Wien 2012.

[6] Vgl. https://www.derstandard.at/story/1353207141839/studium-fuer-imame-problem-ob-die-ausbildung-akzeptiert-wird

[7] Vgl. die Analysen in: Abdoljavad Falaturi / Udo Tworuschka (Hg.): Der Islam in den Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland Bd. 1-7, Braunschweig 1986-1990 sowie die Zusammenfassung der Empfehlungen für Verlage und Schulbuchautor*innen in: Dies.: Der Islam im Unterricht. Brauchschweig: Georg-Eckert-Institut 1991.

[8] Das Curriculum verfolgt ein Modell der Präsentation der „Weltreligionen“ mit Fokussierung auf ihre ethischen Standpunkte. In jedem Schuljahr ist eine Einheit für Religionen reserviert. Im 5. Schuljahr der AHS geht es um „Religionen und Weltanschauungen“ allgemein. Im 6. Schuljahr geht es um die monotheistischen Religionen „Judentum, Christentum und Islam“. Im 7. Schuljahr gibt es eine Einheit zu den „fernöstlichen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus“. Im 8. Schuljahr geht es um Religionskritik, religiöse Identität und neue religiöse Bewegungen.

[9] Sonst würde der Unterricht wohl eher der weltanschaulichen Indoktrination wie im Staatsbürgerkundeunterricht der DDR gleichen. Dies kann wohl kaum der Sinn des Ethikunterrichtes in Österreich sein und wäre dann wohl eher ein Ansatz eines atheistischen Religionsunterrichts.

[10] Vgl. Katharina Frank (2010): Schulischer Religionsunterricht. Eine religionswissenschaftlich-soziologische Untersuchung. Stuttgart: Kohlhammer; Wanda Alberts (2012): Integrative Religious Education in Europe. A Study-of-Religions Approach. Berlin/Boston: De Gruyter; Christian Feichtinger (2016): Religionenlernen im Ethikunterricht. Ethikdidaktik und Religionswissenschaft, Graz: Forschungsnetzwerk Fachdidaktik.


Bildquelle: Trauner-Verlag


RaT-Blog Nr. 29/2021

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