Keine Zeit zu sterben, oder?

Pünktlich zum Österreichstart des neuesten Films der Reihe, „No Time to Die“, in dem Daniel Craig zum letzten Mal in die Rolle des scheinbar unsterblichen Geheimagenten schlüpft, präsentiert uns Stefan Gugerel theologische Reflexionen zu James Bond.

Das Phänomen James Bond, das 1953 mit dem Roman Casino Royal des britischen Autors Ian Fleming begann, nahm durch den Wechsel auf die Kinoleinwand (und den Fernsehschirm) ab 1962 mit dem ersten Film James Bond jagt Dr. No eine neue Wendung, die am 30. September 2021 mit der Österreichpremiere von Keine Zeit zu sterben einen weiteren Schritt setzt.

Obwohl inzwischen weder der Kalte Krieg noch ein weltumspannendes britisches Kolonialreich mehr im Bewusstsein der jüngeren Generation sind, kann sich James Bond hoher Beliebtheit erfreuen (und finanzielle Gewinne einfahren). Es scheint also keine Zeit zu sterben für diese Ausprägung des Genres Spionagefilm zu geben.

Im Folgenden sollen drei Aspekte des James Bond-Universums als fundamentaltheologisch-liturgiewissenschaftliche Inspiration befragt werden: Wiederholung und Abwechslung, Heimat und Fremde sowie Sterben, Töten und Leben.

Insbesondere der Umgang oder die Formung von (Lebens-)Zeit wird in allen drei Punkten wiedergefunden werden können. Und, so hoffnungsreich in Zeiten von Pandemie die Zusage ‚Keine Zeit zu sterben‘ klingt, so spannend ist die Frage, was ChristInnen von dieser (vergehenden) und der kommenden Zeit überhaupt erwarten.

1. Wiederholung und Abwechslung

Woran erkennt man einen James Bond-Film? Eine Hymne auf Liebe und Tod nach einem atemberaubenden Vorspann und wenig bekleidete Damen, die sich zu dieser Musik in kunstvoller Weise in Szenarien bewegen, die die Thematik des Films aufgreifen? Der obligatorische Wodka Martini, der geschüttelt, nicht gerührt getrunken wird? Ein griesgrämiger Vorgesetzter/eine griesgrämige Vorgesetzte, eine schmachtende Sekretärin/ein schmachtender Sekretär, ein verwirrter Quartiermeister mit absonderlichen, aber genialen Ausrüstungsgegenständen? Und noch drei bis sechs wenig nachhaltige Liebschaften an exotischen Orten. Das Formelhafte an James Bond-Filmen schafft für SeherInnen eine gewisse Geborgenheit, weil man weiß, was jedenfalls kommen wird, und zugleich eine gewisse Spannung (vor allem, seit es keine Romanvorlagen für die Filmdrehbücher mehr gibt): Wie werden diese Bestandteile im nächsten Film kombiniert? Wer sind die Verbündeten und Feinde? Wie klingt der Hymnus? An welchen Orten (wie abstrus auch immer die innerfilmische Begründung für diese wenig ökologische Reisetätigkeit ist) werden diesmal BösewichtInnen besiegt und die Welt gerettet?

Wie in der Liturgie wird das stets Gleiche je neu performiert. Der Austausch der Schauspieler bei gleichbleibender Rollenverteilung bedarf keiner innerfilmischen Erklärung: Es ist klar, dass Bond Bond ist, egal ob er von Sir Sean Connery oder Sir Roger Moore gespielt wird, von Timothy Dalton, George Lazenby, Pierce Brosnan oder Daniel Craig. Es ist klar, dass M M ist, egal ob als Mann oder Frau.

Auch in der Liturgie dominiert die Funktion über die Person. Paradoxerweise sterilisiert dieser Primat der Funktion aber nicht die Darstellung, er fordert sie heraus: Erweist sich der Darsteller als angemessen? Wie legt er die Figur im Verhältnis zu den Vorgängern an, welche zeitbedingten Elemente (Trägt man Hut oder nicht?) müssen angepasst werden? Wie in der Liturgie geht es nicht darum, sich selbst möglichst gut und effizient zu präsentieren, sondern die gegebene Funktion möglichst wirksam zu erfüllen (alle, die schon verschiedene Liturgien mitgefeiert haben, werden das genauso verstehen wie jene, die alle bisherigen Bond-Filme gesehen haben). Wie Liturgie funktioniert ein Bond-Film nur als fortlaufende Handlung, nicht als Standbild (so eindrucksvoll manche Filmplakate auch sein mögen). Das immer Gleiche in geänderten Zeiten, an neuen Orten und mit neuen Protagonisten zu inszenieren, bedeutet auch, das je Neue durch das Überlieferte zu prägen, zu formen, zu refigurieren (um einen Begriff aus Paul Ricoeurs Zeit und Erzählung zu borgen).

2. Heimat und Fremde

Viele politische Diskurse heute rotieren um Themen des Heimatschutzes und der Leitkultur einerseits, und Migration, transnationalen Handel und internationale Terrorbekämpfung andererseits.

James Bond verkörpert in einzigartiger Weise beide Dynamiken: Als Beamter der britischen Krone ist er eine Personifikation des britischen (Welt-) Herrschaftsanspruchs. Die regelmäßige Befehlsausgabe im Londoner Hauptquartier gehört genauso zum Setting wie das obligatorische Bild der Königin (immer noch dieselbe wie im ersten Film!) im Vorzimmer. Der Einsatz von Daniel Craig als Begleitung von Königin Elisabeth II. bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London 2012 hat diese ehrfürchtige Referenz sogar in die Realität transferiert.

Andererseits ist James Bond der exemplarische heimatlose Professionist des globalisierten Zeitalters. Wenn seine Privatwohnung jemals gezeigt wird, ist sie gesichts- und erinnerungslos wie der Schauraum eines Möbelhauses. Dass Bond in den besten Zimmern der schönsten Hotels wohnt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er eigentlich nirgends zuhause ist. DER Repräsentant nationaler Geborgenheit ist selbst heimatlos. Fast erinnert die Lebensweise des Agenten an eine säkulare Deutung des christlichen Lebens in dieser Welt, wie es etwa im ersten Petrusbrief skizziert wird: „Geliebte, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, ermahne ich euch: Gebt den irdischen Begierden nicht nach, die gegen die Seele kämpfen! Führt unter den Heiden ein rechtschaffenes Leben, damit sie, die euch jetzt als Übeltäter verleumden, durch eure guten Taten, die sie sehen, Gott verherrlichen am Tag der Heimsuchung“ (1Petr 2,11-12).

Dass bei James Bond die Rettung Großbritanniens zumeist mit der Rettung der ganzen Welt zusammenfällt, täuscht leicht darüber hinweg, dass er weit jenseits jedes Machtbereichs der britischen Königin das von ihr gewährte Recht, Menschen ohne Gerichtsverfahren oder Notwehr zu töten, in Anspruch nimmt. Moderne gezielte Tötungen durch Drohnen sind selbstverständlich geworden, sie machen es aber nicht legaler als James Bonds Weltreisen mit einer Spur von Leichen. Das angesprochene rechtschaffene Leben wird selbstverständlich gleichgesetzt mit dem Schutz nationaler und wirtschaftlicher, in den früheren Filmen auch politisch-weltanschaulicher Plausibilitäten der britischen Realität: Wer keine Heimat hat, versucht sie überall auf der Welt nach dem Modell der verlorenen Beheimatung im Land der Kindheit wiederzuerrichten. James Bond, wie auch viele radikale politische oder religiöse Gruppen unserer Tage, macht für dieses Unterfangen reichlich Gebrauch von der selbst ausgestellten ‚Lizenz zu töten‘. All die exotischen Orte und luxuriösen Unterkünfte können nicht verheimlichen, dass mit zwei markanten Ausnahmen (Anja Amasowa als Repräsentantin der UdSSR 1977 und Wai Lin als Repräsentantin der Volksrepublik China 1997) kein Geheimdienst und kein Staat der Welt als Bond ebenbürtig dargestellt worden sind.

Theologie kann mit Verweis auf den Gaststatus des Menschen in dieser Welt die verzweifelte (und zum Scheitern verurteilte) Sehnsucht, eine unveränderliche Heimat hier zu erzeugen, entspannen. Ohne Zynismus ist der Blick auf die Sterblichkeit, wie ihn vor allem die Liturgie entwirft, keine Resignation, sondern eine Einladung zur Hingabe des eigenen Lebens für das Leben der anderen (in Umkehrung der marktischen Logik des Nehmens des Lebens der anderen für das eigene Leben).

3. Sterben, töten und leben

Die namensgleiche Titelhymne des neuesten Bondfilms spricht davon, dass es keine Zeit zu sterben sei („Are you death or paradise? Now you’ll never see me cry, there’s just no time to die”). Obwohl bereits vor der COVID-19-Pandemie gedichtet, scheint der Anspruch surreal: Mit allen Kräften stemmt sich das lyrische Ich gegen ein durch Verrat gebrochenes Herz und den innersten Wunsch, vor Scham über eine erlittene Täuschung zu sterben. Milliarden von Menschen haben in den letzten beiden Jahren unvorstellbare Anstrengungen unternommen, um nicht zu sterben (und auch andere vor dem Tod zu bewahren). Jede, selbst jede wirtschaftliche, andere Agenda wurde diesem neuen, weltweit gemeinsamem Ziel untergeordnet. Die James Bond-Logik, dass es angemessen sein könne, einige (BösewichtInnen und zufällig im Weg Stehende) zu töten, um viele zu retten wurde Gottseidank nirgends gesundheitspolizeiliche Realität. Doch der Liedtext des neuesten Bondtitelliedes ist subversiver als er auf den ersten Blick erscheint. Die US-amerikanische Sängerin Billie Eilish singt nämlich nicht, wie der verkürzte Filmtitel nahelegt, dass es überhaupt keine Zeit zu sterben gäbe, sondern dass es JETZT keine Zeit zu sterben sei (just). Noch gibt es Wichtigeres zu tun, als in Selbstmitleid zu versinken, den Lebensmut zu verlassen, die Hoffnung aufzugeben.

Auch eine ernsthafte (Liturgie-)Theologie hält beide Spannungspole aus: Die Zerbrechlichkeit, oft schon Zerbrochenheit dieses Lebens und die Verheißung des Lebens der kommenden Welt, das durch die Taufe sterbend empfangen wurde, das in der Eucharistie gesäugt und zum Wachstum ermuntert wird. Bonds Lösung für Probleme ist der Tod: die Tötung derer, die dem Wohl der Vielen im Weg stehen. Ein liturgischer Weg ist das Leben der Vielen, das durch den Verzicht des Einen eröffnet wird. In dem 1973 veröffentlichten Bond-Film Leben und sterben lassen wurde dies auf eindrucksvolle Weise von Paul McCartney und den Wings im Titellied beschrieben: “When you were young and your heart was an open book, you used to say live and let live, but if this ever changing world, in which we’re living, makes you give in and cry, say live and let die”. Die Logik europäisch-nordamerikanischer Außenpolitik scheint genau das zu sein, von einem relativ hoffnungsvollen Aufbruch nach 1945 ist man zu einer entgrenzten Terroristenhetze gelangt, die jeden Ansatz von Souveränität durch global projizierte tödliche Gewalt unterminiert und damit ungewollt gleichsam das staatliche Spiegelbild internationalen Terrorismus‘ wird. James Bond steht in dieser Logik: Um den eigenen (oder den der tatsächlich oder vermeintlich Schutzbedürftigen) Tod zu verhindern oder zu verzögern, dürfen andere getötet werden.

Und auch der neueste Film stellt sich in diese Tradition, lautet sein Name doch nicht ‚Keine Zeit zu töten‘, sondern ‚Keine Zeit zu sterben‘. Die Traditionsreihe der Todesvokabel im Titel ist in der Filmreihe lang (Man lebt nur zweimal 1967, Leben und sterben lassen 1973, In tödlicher Mission 1981, Im Angesicht des Todes 1985, Hauch des Todes 1987, Lizenz zu töten 1989, Der Morgen stirbt nie 1997, Stirb an einem anderen Tag 2002). Leicht ausgesprochen, beschreibt es den durchaus leicht(fertigen) Umgang mit dem Leben anderer. Die vielen glanzvollen Elemente des fiktiven Spionagelebens können weder in den klassischen noch in den neuesten Bondfilmen darüber hinwegtrösten, dass auch der Schein der Legalität des Tötens die Ausführenden als Gebrochene zurücklässt. Vielleicht ist die Bondfilmreihe deshalb über die letzten 60 Jahre so populär geblieben, weil sie bei aller positiven Bejubelung des Sieges unseres Lebensmodells immer auch die Verluste mitgerechnet hat, weil bei aller übertriebenen Darstellung von Technik trotzdem der Mensch als Entwickler und Bediener mit der Verantwortung seines Handelns alleine zurückbleibt. Denn auch wer andere tötet, stirbt letzten Endes.

Wirklich keine Zeit zu sterben?

Die Fragen nach Wiederholung und Abwechslung, nach Heimat und Fremde und nach der Legitimität des Tötens sind drei Grundfragen, die die James Bond-Filmreihe, die dieser Tage um einen Film reicher geworden ist, auch an die Theologie stellt. Abseits wohlbeheizter Universitätsbibliotheken und Lehrsäle stehen viele Menschen jeden Tag vor der Sorge um ihr Leben oder das Leben ihrer Lieben. Bei all ihrem Mühen werden die Menschen den Tod nicht besiegen können. Ein Weg der Theologie könnte auch sein, diese Sterblichkeit als eine Quelle eines neuen Humanismus zu verstehen, wie ihn Kurt Appel in seiner Antrittsvorlesung am 12. Juni 2012 in Wien darstellte. Es gibt eine Zeit zu leben, aber auch eine Zeit zu sterben. Da der Tod unaufhaltsam auf uns alle zukommt, stellt sich die Frage nach einer angemessenen Gestaltung dieses Lebens und der Vorbereitung auf das eigene Abschiednehmen. Den Tod bis zuletzt zu verdrängen und dann mit blankem Entsetzen auf das Unvermeidliche zu reagieren, scheint nicht glücklich zu machen. Und so sehr wir hoffen, dass jamesbondgleich alle Gefahren und Gefährder dieser Welt in der begrenzten Zeit eines Kinofilms oder einer Legislaturperiode besiegt werden könnten, so sehr können ChristInnen aus der Hoffnung leben, dass diese Welt nicht genug ist (1999).


MMag. Stefan Gugerel ist Militärdekan an der Militärpfarre der Heeresunteroffiziersakademie und Leiter des Instituts für Religion und Frieden der katholischen Militärseelsorge Österreichs.


Bildquelle: Pixabay


RaT-Blog Nr. 27/2021

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