Erdiger Humanismus: Über Stephan Eibels „decke weg“

Wie lässt sich in der heutigen Welt sinnvoll über das Menschliche sprechen? Jakob Deibl stellt den neuesten Lyrikband des österreichischen Dichters Stephan Eibel vor.

Zum dritten Mal erscheint nach unter einem Himmel (2016) und breaking poems (2018) im Limbus-Verlag ein Gedichtband von Stephan Eibel.[1] Das kleine Buch trägt den Titel decke weg und ist, wie alle Bücher der Reihe Limbus Lyrik, wunderschön gestaltet. Selten ist mir in einem Buch so viel an ungekünsteltem Humanismus begegnet.

Von „Humanismus“ getraue ich mich zu sprechen, weil Stephan Eibel selbst am Ende des Bandes im Gedicht „dabei verehr ich ihn“ (90) das Wort „Humanist“ gebraucht. Wenn er allein im Zugabteil sitze, so heißt es dort, denke er an Erich Kästner. Der sei „gläubiger Humanist“ gewesen und als solcher könnte er ihm einen Kaffee bringen: „oba bitte ohne müch und zucka“. Ob man das einsame Ich des Gedichtes („imma wenn i gaunz allan / im zugabteil sitz“) in einen Autor (den Dichter Stephan Eibl), einen Modell-Autor, den man sich als Leser*in entwirft, einen agent des Textes, ein poetisches Ich etc. aufspalten sollte, bezweifle ich, geht es doch im Gedichtband um eine Menschlichkeit, die solchen Analysen immer schon vorhergeht. Kann man von einem Humanisten, sei er gläubig oder nicht, allein große Ideen und Konzepte zur Gestaltung einer menschlichen Zukunft erwarten, oder vielleicht auch, dass man gelegentlich von ihm, wenn man dies sehr nötig hat, einen Kaffee erhält? Dass Stephan Eibel als Zusatz hinzufügt „oba bitte ohne müch und zucka“, macht das Gedicht auf eine berührende Weise menschlich.

Wir haben es hier also nicht mit einem Humanismus der Superlative zu tun, sondern mit einem, der ganz unmittelbar Bedürfnisse und Wünsche anspricht, die nicht mehr anders gerechtfertigt werden müssen, z.B. eine Nuss- oder eine Maronitorte „mit viel schlagobers“ (66). „weisheiten und torten“ können im Gedicht nebeneinanderstehen, ohne dass dies unpassend wirkte. Es geht um eine Haltung, die zuallererst den Anderen Raum lassen möchte. Im Gedicht „und wos is mitn Montag“ (49) bekennt der Autor, dass es ihm gefiele, wäre immer Samstag, „den Sonntag brauchert i goar net“. Sein Wunsch richtet sich nicht auf jenen Tag, den die (christlich geprägte) Tradition lange als den Höhepunkt der Woche angesehen hat, doch:

„könnt für andere

imma sonntag sei“

Humanismus würde demnach bedeuten, den Wunsch des Anderen als Wunsch zu respektieren, auch wenn man ihn nicht teilt.

Der Humanismus des Autors zeigt sich aber nicht allein in kleinen menschlichen Gesten, wie sie in den Gedichten immer wieder beschrieben werden, sondern auch im Politischen und Ästhetischen. Deutlich wird die politische Dimension im Gedicht „wer“ (14). Der Autor fügt in diesem kurzen Text der allgemeinen Feststellung, dass der Mensch die Welt zerstöre, die Fragen an, ob es denn der Mindestpensionär, die Obdachlose und die verhungernden Kinder seien, die sie zerstörten.

Die ästhetische Dimension des Humanismus spricht etwa aus dem Gedicht „Venezia“ (16): Jemand steigt aus dem Zug – vermutlich, wie der Titel nahelegt, in Venedig – und geht durch den Bahnhof:

„dann muaßt die auf die stufn setzn

die händ vor’s gsicht halten

und dann

noch einmal anfangen

mit dem schauen.“

Hier wird der überwältigte Blick dessen zur Sprache gebracht, der sich der Faszination des Zielortes der Zugfahrt gar nicht erwehren kann. Statt den Rat zu geben, die Szenerie doch zu photographieren und in den sozialen Medien mit vielen Menschen zu teilen, rät der Autor, sich zunächst zu setzen, die Hände vors Gesicht zu halten, sie nach einer Unterbrechung wieder vom Gesicht zu nehmen und noch einmal mit dem Akt des Schauens zu beginnen. Was sich zeigt, kann der erste Blick gar nicht fassen. Das Ich des Textes tritt zurück und anerkennt, dass es Ansichten der (Stadt-)Landschaft (und wohl auch der Kunst) gibt, die wir mit unserem Wissenshaushalt, dem gedanklichen Apparat begrifflicher Einordnung, nicht unmittelbar bewältigen können. Sie nötigen uns zu einem Schritt zurück, einer Unterbrechung und eben einem zweiten Blick. In der darin entstehenden Pause liegt die ganze Menschlichkeit des Ästhetischen, das uns auffordert, unseren ersten und identifizierenden Blick zu unterbrechen, um neu sehen zu lernen.

Man könnte diesen Humanismus „geerdet“ nennen, wenn dieses abstrakte Wort nicht schon wieder eine Distanz implizierte; besser gefiele mir wohl die Bezeichnung eines „erdigen Humanismus“ (wenn es so etwas gibt).


DDr. Jakob Helmut Deibl ist Assistenzprofessor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und wissenschaftlicher Manager des Forschungszentrums RaT.


[1] Vgl. Podium Literatur, Porträt Nr. 71, https://www.podiumliteratur.at/die-portr%C3%A4ts/portr%C3%A4t-nr-71-stephan-eibel-erzberg/.


Bildquelle: Limbus Verlag


RaT-Blog Nr. 26/2021

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