Sind die Taliban Jihadisten? Zur religiösen Identität der neuen Herrscher Afghanistans

Wie lässt sich die aktuelle Lage in Afghanistan begreifen? Thomas Schmidinger gibt dazu einen Einblick in die religiöse Verortung der Taliban innerhalb des sunnitischen Islams und zeigt, dass religiöse Identitäten komplexer sind als wir oft glauben. To read the English version of this article, click here.

I

In westlichen Medien werden die Taliban teilweise mit jihadistischen Gruppierungen, dem „Islamischen Staat“ (IS) oder der al-Qaida in Zusammenhang gebracht oder zumindest dem politischen Salafismus zugeordnet. Historisch ist es zwar richtig, dass die Taliban während ihres ersten „Islamischen Emirats Afghanistan“, also vor ihrem Sturz 2001, der al-Qaida Zuflucht gewährten, allerdings war dies eher dem Paschtunwali, also dem paschtunischen Gewohnheitsrecht, das dem Schutz von Gästen hohe Priorität einräumt, sowie historischen Verbindungen aus der Zeit der gemeinsamen Unterstützung des antisowjetischen Kampfes geschuldet als ideologischen und religiösen Gemeinsamkeiten. Im heutigen Afghanistan ist al-Qaida nicht mehr vertreten und der IS ist ein Feind der Taliban. Die Bekämpfung des IS in Afghanistan durch die Taliban war sogar ein wesentlicher Grund für die Annäherung Russlands, Chinas und des Iran an die Taliban, da diese als effiziente Gegner des IS gesehen wurden.

In diesem Beitrag soll es allerdings weniger um Realpolitik und die dabei oft absurd erscheinenden Bündnisse gehen, sondern um die Frage nach den religiösen Hintergründen der Taliban. Handelt es sich dabei um eine jihadistischen oder salafitische Gruppierung oder doch um etwas grundlegend anderes?

Der Jihadismus, wie wir ihn kennen und wie er in der al-Qaida und im IS weltweit aktiv ist, ist eine terroristische Sonderentwicklung aus der politischen Salafiya. Beim Salafismus handelt es sich um eine Strömung des (sunnitischen) Islams, der die historische Entwicklung der verschiedenen madhāhib, also der „Rechtsschulen“ des Islams (Singular: maḏhab, Plural: madhāhib), ablehnt und die historisch entwickelte Theologie, Rechtswissenschaft und Philosophie durch eine Imitation des Propheten und seiner Gefährten ersetzen will.

Steht der Salafismus im Allgemeinen für eine rückwärtsgewandte Utopie, eine Rückkehr zur Gesellschaft des Propheten, seiner Gefährten und der ersten Generationen des Islams, so steht der politische Salafismus dafür, ein solches politisches System zu erkämpfen, das dieser Gesellschaft (bzw. dem, was seine heutigen AnhängerInnen darunter verstehen) entspricht. Im Jihadismus kommt noch die Idee des Takfir – also gewissermaßen die „Exkommunikation“ der meisten Muslime[1] – und die Idee des (kleinen) Jihad, also des bewaffneten Jihad als individuelle religiöse Pflicht hinzu.[2]

Beeinflusst wurde der Jihadismus auch von einer dem Salafismus zwar ähnlichen Bewegung, die allerdings nicht in der selben Radikalität die madhāhib ablehnt, sondern gewissermaßen eine Radikalisierung einer dieser „Rechtsschulen“ darstellt, nämlich den Hanbaliten. Auf diese auf Ahmad ibn Hanbal (780–855) zurückgehende maḏhab bezog sich der im 18. Jahrhundert lebende Gelehrte Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb, der Begründer des Wahhabismus, der durch das Bündnis mit dem Geschlecht der Saud in Saudi-Arabien zur Staatsreligion wurde und u.a. Usama bin Laden beim Aufbau seiner al-Qaida inspirierte.

II

Die Taliban sind allerdings weder Salafiten noch Wahhabiten und betonen dies seit ihrer Rückeroberung Kabuls Mitte August 2021 auch immer wieder. Religiös sind die Taliban sunnitische Muslime, die der sunnitischen maḏhab der Hanafiya angehören. Die Hanafiten waren die Reichs-Rechtsschule des Osmanischen Reiches und dominieren heute sowohl in Südosteuropa, in der Türkei[3] als auch in Zentralasien und unter den indischen Muslimen. Religiös betrachtet sind die Taliban damit nichts anderes als die meisten anderen sunnitischen Muslime in Afghanistan. Sie erklären auch keine anderen Muslime zu Nichtmuslimen – wie wir dies eben z.B. vom IS kennen. Der anti-schiitische Drall, der bei der ersten Machtübernahme der Taliban in den 1990er-Jahren unübersehbar war, stellte eher einen radikalisierten Rassismus gegenüber den vielfach rassistisch diskriminierten Hazara dar als eine theologisch begründete Position.

Entstanden sind die Taliban bekanntlich überwiegend aus Koranschülern der sog. Deobandis, einer Bewegung innerhalb des hanafitischen sunnitischen Islams, die zwar revivalistische Züge trägt, allerdings nie die salafitische Ablehnung der Tradition und der madhāhib übernahm. Das 1866 gegründete Dar ul-ʿUlum (Haus des Wissens) in der indischen Kleinstadt Deoband wurde unter britischer Kolonialherrschaft zu einer der wichtigsten islamischen Universitäten, aus der auch viele antikoloniale islamische Gelehrte hervorgingen und die auch Gelehrte aus Afghanistan anzog. Die Deobandis, eine Fremdbezeichnung, die von ihnen selbst abgelehnt wird, wurden zu einer der wichtigsten Strömungen des sunnitischen Islams in Indien. Die Bezeichnung als „Deobandi-Orden“, die sich manchmal in westlichen Medien findet und sich an verschiedene Sufi-Gemeinschaften anlehnt, die in westlichen Sprachen auch oft als „Orden“ bezeichnet werden, ist dabei nicht ganz richtig, da es sich dabei eher um eine sehr literalistische und revivalistische Strömung handelt, die gerade im Kontext der britischen Kolonialherrschaft über Indien eine Rückbesinnung auf die „große Zeit“ des Islams inkludierte und zwar ähnliche Organisationsformen wie die Sufi-Orden der Region aufweist, selbst jedoch keine Sufi-Strömung darstellt.

Die Deobandis verfügen neben Afghanistan auch in Pakistan, Indien, Bangladesch, Malaysia, Südafrika und Indonesien über einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss. Sie vertreten eine dogmatische, orthodoxe und puritanische Lehre, die tendenziell antiwestlich orientiert ist, grenzen sich aber nicht gegenüber anderen Muslimen ab und vertreten durchaus auch innerhalb ihrer Bewegung verschiedene Positionen. In der Ablehnung der Gräber- und Heiligenverehrung gibt es Parallelen zum Wahhabismus und Salafismus, die sie zu scharfen Gegnern der ebenfalls hanafitischen Barelwī-Bewegung machte, allerdings nicht zu einer Übernahme anderer wahhabitischer oder salafitischer Positionen führte.

Als der reformorientierte proeuropäische afghanische Herrscher Ghazi Amanullah Khan in den 1920er-Jahren den wichtigsten Geistlichen des Landes, Sher Agha, vertrieb, ging dieser nach Deoband ins Exil und sammelte dort im Umfeld des Dar ul-ʿUlum konservative sunnitische Koranschüler und Mullahs aus Afghanistan um sich, die nach dem Scheitern von Ghazi Amanullah Khan und seiner Flucht nach Italien 1929 zurückkehrten. Die Deobandis galten seither als wichtiger Bezugspunkt auch für Afghanistan.

Als der Krieg in den 1980er-Jahren tausende afghanische Waisenkinder in den pakistanischen Grenzregionen zurückließ, waren es die Deobandis, die sich in ihren Koranschulen um sie kümmerten und ihnen nicht nur ein Dach über dem Kopf anboten, sondern auch deren sehr puritanischen hanafitischen Islam vermittelten. Aus genau diesen Koranschülern wurden in den 1990er-Jahren die Taliban, die auch heute noch religiös dieser Form des hanafitischen Islams zuzurechnen sind.

Dabei handelt es sich um eine sehr puritanische Version der hanafitischen Rechtsschule, die in vielem auch vom Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen, dem Paschtunwali, beeinflusst ist. Von Seiten des IS wird dem Taliban aufgrund dieser Inklusion paschtunischer Traditionen u.a. vorgeworfen „nationalistisch“ und damit „unislamisch“ zu sein. Mit dem Wahhabismus und Salafismus haben die Taliban damit religiös nicht viel gemeinsam, wenn es auch in den 1990er-Jahren politische Bündnisse auf der Basis gemeinsamer Feindbilder gegeben hat.


Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Kultur- und Sozialanthropologe in Wien.


[1] Fast alle Muslime sind sich darin einig, dass jeder Mensch, der an das Glaubensbekenntnis des Islams glaubt (dass es keinen Gott außer Gott gibt und Muhammad der Prophet Gottes ist) ein Muslim ist und die Nichtbefolgung bestimmter Regeln einen zwar zu einem Sünder aber nicht zu einem Apostaten machen. Für Takfiris, also Muslime die Takfir betreiben, sind allerdings schon minimale Abweichungen von der eigenen Interpretation des Islams nicht Sünde, sondern Glaubensabfall (Apostasie). Dies führt dazu, dass Takfiris die überwiegende Mehrzahl der Muslime als Apostaten betrachten. Da in diesem Weltbild Apostasie auch schon im Diesseits ein todeswürdiges Verbrechen darstellt, ist dies dann auch die Legitimation auch Muslime – in ihrer Sicht Apostaten – zu töten.

[2] Näher ausgeführt findet sich dies u.a. in Thomas Schmidinger: Jihadismus. Ideologie, Prävention und Deradikalisierung. [2. Auflage] Mandelbaum Verlag. Wien, 2016.

[3] Nicht in den kurdischen Gebieten: Die KurdInnen sind mehrheitlich Schāfiʿiten.


Bildquelle: Pixabay


Rat-Blog Nr. 23/2021

2 Gedanken zu “Sind die Taliban Jihadisten? Zur religiösen Identität der neuen Herrscher Afghanistans

  1. Gerhard Oberschlick 27. August 2021 / 14:12

    Wenn sie derart von den djihadistischen Formen des Islam abgegrenzt werden können, dann geht von ihnen ja keine Gefahr für die nichtmuslimischen Teile der Welt aus. Sehr beruhigend.
    Wenn sie keine takfitischen Ambitionen haben, dann geht von ihnen auch keine Gefahr für die anderen muslimischen Strömungen und deren Gebiete aus.

    Wie aber steht es mit einer Ambition zur gewalttätigen Durchsetzung von Glaubens-, Sitten- und Kleidungsvorschriften, z. B. für Frauen, in ihrem eigenen Herrschaftsgebiet? Vielleicht könnte der offenbar überaus kundige Autor diese, in seinem obigen Artikel gar nicht berührte, Frage ein wenig erläutern?

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