Ein Judentum für Dummies

Gerhard Langer wirft einen augenzwinkernden Blick auf den Entstehungsprozess seines Buches „Judentum für Dummies“, das nächstes Jahr erscheinen wird.

Ich berichte hier in aller Kürze über ein Projekt, das ich mir leichter vorgestellt hatte, als es definitiv war. Sehr wahrscheinlich kennt jeder und jede von Ihnen eines der Bücher aus der Reihe „für Dummies“. Sie erscheinen im Wiley Verlag und bieten auf etwa 400 Seiten einen möglichst ausführlichen Einblick in die unterschiedlichsten Themen. Für Dummies heißt es, weil es definitiv nicht für Dumme ist, sondern für Menschen, die weder dumm noch einfältig sind, aber von der Sache, von der gehandelt wird, einfach noch zu wenig wissen oder mehr erfahren wollen.  Ein simpler Blick auf https://www.wiley-vch.de/de/dummies zeigt zum Beispiel, wie umfassend das Repertoire der Dummies ist. Von „Klassische Archäologie für Dummies“ über „Online Dating für Dummies“ bis „Messtechnik für Dummies“ oder „Depressionen überwinden für Dummies“ findet sich hier alles, was das Herz begehrt.

Vor zwei Jahren hatte ich mich dreist auf Anfrage selbst bereit erklärt, eine deutsche Ausgabe von „Judentum für Dummies“ zu schreiben. Eine sehr gute englische Version existiert bereits, geschrieben von Rabbi Ted Falcon und David Blatner. Der Verlag wünschte sich jedoch eine Sicht, die den europäischen, den deutschsprachigen Kontext besonders berücksichtigt. Inhalt? Alles, was zum Judentum zu sagen ist.

Wie ich schon anklingen ließ, ich stellte es mir bei weitem einfacher vor, als es war, dieses Buch zu schreiben. In unendlicher Selbstüberschätzung meinte ich, nur aus etwa 40-jähriger Beschäftigung mit dem Judentum alles zusammenschreiben zu können, was mein Hirn und mein Computer – oder umgekehrt – gespeichert hatten. Von wegen! Natürlich erwies sich das Unterfangen bei weitem komplizierter und verlangte eine umfassende und intensive Vorbereitung, Recherche und mehrfache Überarbeitung. Denn so einfach es klingen mag, einfach über komplexe Sachverhalte wie jüdisches Alltagsleben, jüdische Kultur oder die verschiedenen Formen jüdischer Identitäten zu schreiben, so sehr verhedderten sich die Informationen im Gestrüpp der Wissensmenge, versanken im Strom der Auslegung oder wurden zu den sprichwörtlichen Bäumen, durch die man bekanntlich den Wald nicht mehr sehen kann. Ursprünglich kleine Kapitel zu jüdischen Festen uferten endlos aus, eine Auswahl aus den zehn wichtigsten jüdischen Persönlichkeiten konnte ich bestenfalls per Würfelspiel treffen und das Kapitel zur Mystik wurde mir selbst bald zum Mysterium.

Endlich, in diesen Wochen, werde ich es dennoch abschließen, einige Erfahrungen reicher, was es bedeutet, mit etwas Humor über komplexe Sachverhalte einfach und verständlich zu schreiben. Dass es gelungen ist, verdanke ich nicht nur dem Drängen des Verlags, sondern auch dem inneren Schweinehund (definitiv nicht koscher), mit dem ich schließlich lustvoll zu kämpfen begann und den zu besiegen es sich auf jeden Fall lohnt.

Wer immer Lust hat, ein Dummiebuch zu machen, es ist in jedem Fall eine ungeheure Quelle der Selbsterkenntnis und bereichert den Horizont. Ich habe unendlich viel gelernt, Zusammenhänge begriffen, mich auf Pfaden bewegt, die ich sonst nicht beschritten hätte. Es war ein Abenteuer und eine schöne Erfahrung.

Eines zum Schluss. Das Buch ist sowenig neutral geschrieben wie objektiv. Es offenbart sich darin die eigene Überzeugung, die über Bord zu werfen unmöglich ist, wenn auch nur annähernd etwas entstehen soll, was jemand lesen will. Es braucht Herzblut und Freude, sonst wird es nichts. Zu lesen gibt es das Buch wohl Anfang nächsten Jahres.


Univ.-Prof. Mag. Dr. Gerhard Langer ist Vorstand des Instituts für Judaistik an der Universität Wien und Vize-Sprecher des Forschungszentrums „Religion and Transformation.


Bildrechte beim Autor


Rat-Blog Nr. 21/2021

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