Höhere Mächte – bussi baba!“
Ein Ausstellungsbesuch im KHM

Katharina Limacher führt durch eine noch und wieder ungewohnte Erfahrung: Einen Museumsbesuch.

Der Kontrast zwischen der sommerlichen, wieder zum Leben erwachten Stadt und dem dunklen ersten Raum der aktuellen Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum KHM mit dem Titel „Höhere Mächte – Von Menschen, Göttern und Naturgewalten“ könnte grösser nicht sein: Betritt man den ersten von vier Ausstellungsräumen, sieht man sich einer großen, schräg stehenden dunkelblau gestrichenen Holzwand gegenüber, auf deren einen Seite Gemälde hängen, auf deren anderer Seite in der offenen Gerüstkonstruktion eingestellte Schaukästen zu entdecken sind.

Dieser Einstieg, in Kombination mit den beleuchteten Schaukästen und Gemälden, erweckt eine gewisse Ehrfurcht und passt damit gut zu den Höheren Mächten, die die Besucherin in diesem ersten Raum entdecken kann. Er ist den vier Elementen gewidmet und setzt sich anhand unterschiedlicher Exponate aus den Sammlungen des KHM, des Weltmuseums und des Theatermuseums mit Naturgewalten auseinander. So findet sich hier die Gewitterlandschaft mit Jupiter, Merkur, Philemon und Baucis von Peter Paul Rubens in direkter Nachbarschaft des Kostüms eines brasilianischen Sturmdämons; der symbolische Feuerkopf von Giuseppe Arcimboldo hängt in der Nähe eines Schaukastens mit Überresten aus dem Museu Nacional in Rio de Janeiro, das 2018 niederbrannte, und die das Wirken von Naturgewalten eindrücklich vor Augen führen.

Der zweite Saal ruft in Erinnerung, dass auch die diesseitige Welt spezifische Machtstrukturen, nicht selten religiös legitimierte, kennt. Die Insignien dieser irdischen Macht sind unglaublich schön und erzählen von Prestige, Handwerkskunst und Reichtum – beispielsweise die Krone Stefan Bocskais, das Kriegskleid eines koreanischen Prinzen oder der imposante rote Federschmuck aus dem Gebiet des heutigen Kongo. Die Gefahr, dass ob der Schönheit der Objekte die Gewalt vergessen wird, die mit der Durchsetzung politischer Machtansprüche einhergeht, besteht nicht: das Kurator*innenteam setzt inmitten der wundervollen Exponate auch einen schlichten Tropenhelm des österreichischen Afrikareisenden Oscar Baumann und erinnert mit diesem simplen Gegenstand an den hohen Preis, den Afrika, aber auch weite Teile Südasiens oder der Amerikas für die europäische Kolonialexpansion bezahlten.

Im dritten Saal schließlich versammeln sich die Besucher*innen um eine Art großen Setzkasten, in den – eingelassen oder draufgestellt – unterschiedliche Exponate die Versuche zeigen, wie Menschen mit höheren Mächten in Verbindung treten. Dies tun sie im privaten Bereich, wie an der Präsenz von Hausaltären aus unterschiedlichen religiösen Traditionen verdeutlicht wird. Sie tun es aber auch, in dem sie Vermittler einsetzen – darauf deuten die ausgestellten Arbeitswerkzeugen eines wandernden Schamanen. Und nicht zuletzt ist das in Verbindung treten auch mit unterschiedlichen Praktiken verknüpft: Tanzen, Beten oder einen Glücksbringer bei sich tragen. Letztere sind Leihgaben von Privatpersonen, die auf eine Einladung im Vorfeld der Ausstellung hin dem Museum übergeben wurden.

Diese Glücksbringer sind auch ein Zeichen für die Interaktion mit Besucher*innen, die das Konzept der Ausstellung auf unterschiedliche Art und Weise charakterisiert. Im letzten Raum findet man zu Fragen wie „Was bedeuten höhere Mächte für Sie?“, „Welche Rituale sind für Sie wichtig?“ oder „Was gibt Ihnen Kraft?“ eine Reihe von Zetteln mit Antworten vorheriger Besucher*innen. Während einige sehr unterhaltsam sind, sprechen aus anderen die Spuren der Trauer oder Erschöpfung, die die Pandemie in ihrem Leben hinterlassen hat.

Interaktive Gesten im weitesten Sinne sind es auch, die die Konzeption der Ausstellung geprägt haben. In einem Interview mit Ö1 erzählte die Kuratorin Claudia Augustat, dass eine Beobachtung den Impuls zur Konzeption der Ausstellung gegeben habe: Menschen hätten während des Lockdowns Votivgaben und Kerzen an der Pestsäule am Graben in der Innenstadt niedergelegt, ein ungewohntes Bild in einem urbanen Raum, dessen Bewohner*innen sich in der Regel eher säkular verstehen.

Auch die Interaktion der Exponate des KHM-Bestandes mit denen des Weltmuseums und des Theatermuseums spielt eine wichtige Rolle. Als Besucherin erlebt man die Räume der Gemäldegalerie so ungewohnt bevölkert, ein Umstand, der durch die tolle Ausstellungsarchitektur zusätzlich hervorgehoben wird. Nicht zuletzt ist auch das Vermittlungsangebot, das online zu entdecken ist, sehr interaktiv angelegt: im Vorfeld der Ausstellung gab es eine online Schreibwerkstatt, in der Texte zu unterschiedlichen Exponaten verfasst wurden, die auf der Internetseite gelesen werden können. Dort findet sich auch ein Audiofile mit einer Führung durch die Räume, sowie eine Spotify-Playlist mit dem Titel „Higher Powers“.

Die vergleichende Perspektive, die die Ausstellung mit der Wahl ihrer diversen Exponate einnimmt, schafft interessante Bezüge, v.a. zwischen unterschiedlichen religiösen Traditionen. Sie vermeidet es zudem mit der Titelgebung, sich in Diskussionen rund um Religionsbegriffe und -definitionen zu ergehen. Allerdings taucht mit dieser Entscheidung auch unweigerlich die Frage auf, ob nicht die Zurechnung gegenwärtiger Ereignisse auf vermeintlich geheime Entscheidungen und Lenkungsversuche wie auch immer gearteter Akteure im Zuge von Verschwörungstheorien, wie sie ja insbesondere während der Pandemie Konjunktur hatten, ein Feld gewesen wäre, dem man sich in diesem Rahmen hätte annähern können.

Ein Besuch lohnt sich – nicht zuletzt, wenn man sich für einen Moment dem noch ungewohnten Sommertreiben entziehen möchte.


Katharina Limacher ist Religionswissenschaftlerin an der Universität Wien. Sie mag das Sommertreiben genauso wie die aktuell noch relativ ruhigen Museumsinnenräume.


Bildrechte beim KHM-Museumsverband (Titelbild) und bei der Autorin (Zettelbilder).


Rat-Blog Nr. 20/2021

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