„Wenn der Tempel zu ist, dann gehe ich auf Instagram“. Junge religiöse Wiener*innen on- und offline.

Christoph Novak stellt ein ganz besonderes Projekt vor: www.youbeon.eu!

Social media-Plattformen sind für viele Menschen aus ihrem Alltag kaum mehr wegzudenken, so automatisiert und gewöhnlich ist der Blick auf das Instagram-Profil mittlerweile geworden. Beim Besuch sozialer Netzwerke werden User*innen mit einer von ihnen selbst und einem Algorithmus kuratierten Version der sozialen Welt konfrontiert, die bevölkert wird von unterschiedlichsten Accounts und deren vielfältigen Inhalten. [1] Gerade auf Instagram, wo sich Politiker*innen, Stars und Sternchen, karitative Organisationen, Influencer*innen, Weltkonzerne, News-Outlets und die eigenen Freund*innen die virtuelle Klinke in die Hand geben, bestimmen User*innen stark mit, wessen Inhalte Teil des persönlichen Feeds werden. Entsprechend der eignen Vorlieben huschen dann Tipps für ketogene Ernährung, Weltpolitik, Postings von Cristiano Ronaldo, Fashion, Tiervideos und natürlich auch das Neueste aus dem eigenen Freundeskreis in scheinbar wahlloser Abfolge an den User*innen vorbei.

Religion spielt im eigenen Instagram-Account vor allem dann eine Rolle, wenn man selbst will, dass Religion eine Rolle spielt. Das Angebot an Accounts, die religiöse Inhalte anbieten, ist jedenfalls riesig. Es reicht von Meme-Seiten, mit populärkulturell-religiösen Insider-Witzen, bis hin zu den Accounts herkömmlicher geistlicher Autoritäten, wie dem Dalai Lama, Papst Franziskus oder Amma. Life Coaches und „Sinnfluencer*innen“ geben Ratschläge wie religiöse Regeln im profanen Alltag eingehalten werden können [2], und einfache religiöse Würdenträger*innen teilen mit ihren Follower*innen Eindrücke aus ihrem privaten und beruflichen Alltag. So divers diese Accounts auch sein mögen, so machen sie doch alle auf die ein oder andere Art Religion zum Thema und bereichern das mannigfaltige Angebot an religiösen Inhalten des jeweiligen sozialen Netzwerks.

Aber schon vor der Pluralisierung des religiösen Feldes in den sozialen Medien war Religion und waren unterschiedliche religiöse Gemeinschaften im Internet vertreten. Besonders Gemeinden, die auf Missionierung und Konversion setzen, nutzen den digitalen Raum schon länger, hoffen sie doch durch ihre Präsenz im Netz neue Mitglieder zu gewinnen oder zumindest ihre Lehre in die Welt zu tragen. Dabei ist heute jedoch auch eine zeitgemäße Präsentation des Glaubens immer wichtiger. Wo früher eine Homepage bereits das A und O war, sollte es heute zumindest eine Facebook-, besser noch eine gut gestaltete Instagram-Seite oder vielleicht auch ein TikTok-Account sein, denn durch die Möglichkeit der Vernetzung und der Chance Teil des „alltäglichen“ Feeds unzähliger User*innen zu sein, bleiben diese Seiten und Gemeinschaften aktuell und Teil der sich ständig transformierenden digitalen sozialen Welt. Auch können so in regelmäßigen Abständen immer neue Inhalte mit den Follower*innen geteilt werden, ohne dass diese extra die Homepage der Gemeinschaft besuchen müssten. Dabei geht es heutzutage bei weitem aber nicht mehr nur um eine inhaltlich gute Aufbereitung der eigenen Lehre, sondern auch darum, den ästhetischen Ansprüchen der Plattform zu genügen, um neben anderen Inhalten – von Beyoncé bis zum Tiergarten Schönbrunn – bestehen zu können. Auch religiöse Botschaften sollten „instagrammable“ sein um weithin rezipiert zu werden. [3] Dadurch werden religiöse Gruppen – ob sie es wollen oder nicht – auch zu digitalen Vermarkter*innen ihrer Glaubensinhalte und ihrer Gemeinschaft, und stehen damit bis zu einem gewissen Grad im Wettbewerb um die geographisch entgrenzte Zielgruppe jener User*innen, die religiöse Inhalte konsumiert. [1]

Natürlich hat auch die Corona-Krise Spuren im digitalen religiösen Raum hinterlassen. Durch die Kontakteinschränkungen konnten Gemeinden viele ihrer Aktivitäten und Feiern nicht in der üblichen Weise vor Ort abhalten und haben diese nicht selten ins Internet verlagert. So kommen Gemeinschaften digital zusammen, religiöse Rituale wurden online vollzogen, es wurde gefeiert, gepredigt und gebetet, das Fasten gebrochen und Fleisch gesegnet. Darin zeigt sich: Nicht nur die Angebotsseite ist mannigfaltig, auch die Nachfrage nach solchen Inhalten ist durchaus gegeben. Es geht dabei aber bei weitem nicht nur um einen digitalen Ersatz für Handlungen, die offline nicht in Gemeinschaft stattfinden können. Der digitale Raum bietet darüber hinaus eine Vielzahl an Möglichkeiten, neue Interaktionsformate zu nutzen, auch für religiöse Inhalte. Was sich dabei herausbildet, sind Zusatzangebot und neue Austauschmöglichkeiten – Instagram-Story-Gottesdienste zum Beispiel –, die in dieser Form nur im digitalen Raum stattfinden können.

Auf Seite der User*innen sind die Motivationen, religiöse Inhalte in den sozialen Medien zu konsumieren, so vielfältig wie auch die Accounts, die diesen sozialen Raum bevölkern. Manche folgen Influencer*innen, die einen modern-religiösen Lifestyle propagieren, andere holen sich religiöse Inspiration über Accounts, die Zitate aus religiösen Schriften posten. Anderen geht es um tiefgreifende Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten, die sie über die Accounts religiöser Autoritäten­ erhalten. Aber auch reine Spaß- und Unterhaltungsaccounts, die sich an religiöse Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung wenden, und dann mit „Insider-Witzen“ aufwarten, sind durchaus beliebt. In dieser Vielfalt und dem unterschiedlich ernsthaften Umgang mit Religion zeigt sich auch die demokratisierende und entgrenzende Dimension, die soziale Netzwerke auszeichnet. Genauso wie physische Distanzen im Internet irrelevant werden, ermöglichen soziale Netzwerke althergebrachte religiöse Hierarchien zu unterlaufen. Jede*r kann eine religiöse Meme-Seite erstellen und Sinnfluencer*innen brauchen keine religiöse Ausbildung, um als Quelle für religiöses Wissen und Ratschläge zu gelten [1, 4]. So entstehen spezifische Räume, wo auch Personen, die sonst nur im kleinen Kreis von Freund*innen und Bekannten als Ratgeber*innen fungieren können, ein größeres Publikum erreichen können:

„Wenn ich auf Instagram Fragen bekomme, sind das dann mehr persönliche Fragen: Wie ist das Unterrichten mit dem Kopftuch? Und wie machst du das mit dem Gebet in der Uni? Das sind alltägliche, praktische Fragen. Die wissen einfach nicht, wen sie fragen können, weil der Imam betet nicht in der Ecke in der Uni, dem fehlt diese Erfahrung.“ (Gamila, 24)

Natürlich bietet diese Demokratisierung nicht nur progressiven Stimmen und Ansichten neue Verbreitungsmöglichkeiten, sondern auch extremen und intoleranten Ideologien. Gerade was das anbelangt, scheinen aber junge Menschen – womöglich durch ihre Sozialisation in und mit dieser technologisch einfach erfahrbaren Meinungsvielfalt, die bewusst navigiert werden muss – einen durchaus kritischen Umgang mit den Accounts zu pflegen, denen sie folgen. Kurz gesagt: wer Sachen postet, die gegen die Grundsätze der eigenen religiösen Überzeugung gehen, dem wird entfolgt. Soziale Netzwerke wie Instagram setzen Kritikfähigkeit dabei zwar nicht unbedingt voraus, aber sie befördern allein durch ihre inhärente Logik, dass sich Menschen mit den dargebotenen Inhalten kritisch auseinandersetzen. Dies wiederum betrifft aber religiöse und nicht-religiöse Inhalte gleichermaßen. [3]

Mit diesen vielfältigen Phänomenen beschäftigt sich das Forschungsprojekt Young Believers Online – mapping on and offline identifications of urban religious youth, ein vom Innovationsfonds Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft (ÖAW) gefördertes Kooperationsprojekt zwischen dem Institut für Stadt und Regionalforschung (ÖAW), dem Forschungszentrum RaT (Universität Wien) und dem Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ÖAW). Unter der Leitung von Astrid Mattes erforschen Christoph Novak, Katharina Limacher, Miriam Haselbacher und Shirin Abdolvahab, wie sich religiöses Leben heutzutage in sozialen Medien, insbesondere auf Instagram, abspielt. Wie nutzen religiöse User*innen den digitalen Raum für religiöse Inhalte, und wie tragen sie selbst dazu bei, diese Räume mit religiösen Inhalten zu besetzen? Wie verhält sich online-Religiosität zu der gelebten Religion offline und welche Verbindungen zwischen unterschiedlichen Religionen werden im entgrenzten, demokratisierten, digitalen Raum sichtbar?

Am Ende des Projektes, im kommenden Jahr, wird es eine navigierbare, digitale Onlinelandkarte von Wien geben, die in Kooperation mit den dem ACDH-CH entwickelt wird. Dort werden dann die charakteristischen Unterschiede, aber auch die Überlappungen der religiösen Lebenswelten von Personen unterschiedlichen Glaubens on- und offline exemplarisch erfahrbar und erforschbar gemacht werden. Wer darauf nicht warten will, hat schon jetzt Möglichkeit,einen Einblicke in den Fortschritt von YouBeOn gewinnen, einerseits über die Projekthomepage, aber natürlich auch über unseren Instagram-Account. Selbst Teil des sozialen Netzwerkes zu sein, das wir erforschen, fanden wir nur logisch, wollen wir doch mit YouBeOn zur öffentlichen Debatte rund um Glauben, Jugend und Gesellschaft im digitalen Raum beitragen. Denn auch für die gelebte Religion spielen soziale Netzwerke eine immer größere Rolle.

Dr. Christoph Novak, MA ist Politikwissenschaftler, Universitätslektor und interimistischer Leiter von YouBeOn. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Fragen der sozialen Konstruktion von Raum, sowie mit urbaner Diversität und Jugendkultur.


[1] Cotter K. (2019) Playing the visibility game: How digital influencers and algorithms negotiate influence on Instagram. New Media & Society. 21(4): 895-913. doi: 10.1177/1461444818815684

[2] Hjorth L., Hinton S. (2019) Understanding Social Media. Thousand Oaks: Sage.

[3] Gunkel K. (2018) Der Instagram-Effekt. Wie ikonische Kommunikation in den Social Media unsere visuelle Kultur prägt. Bielefeld: transcript.

[4] Mejova Y., Benkhedda Y., Khairani. (2017) Halal culture on instagram. Frontiers in Digital Humanities. 4 (21): 1-10. doi: 10.3389/fdigh.2017.00021


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Rat-Blog Nr. 19/2021

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