Das Spielzeug-Angebot der Bestattung Wien. Religionswissenschaftliche und theologische Ausblicke. Teil 3: Karwochen-Edition.

Mitglieder des RaT-Teams beleuchten ein zeitgenössisches Phänomen. Dieses Mal mit einem Beitrag von Kurt Appel.

In einer Zeit, in der um Krankheit und Tod herum sehr viel gesprochen wird, aber wenig direkt darüber, lohnt sich ein Blick auf die Website der Bestattung Wien. Diese betreibt direkt am Zentralfriedhof seit einigen Jahren auch ein (übrigens sehr empfehlenswertes) Bestattungs-Museum mit zugehörigem Museumshop. Dieser zeichnet sich seither durch urwienerischen Galgen-Schmäh aus (wie im Falle des T-Shirts mit dem Aufdruck „Ich lese bis ich verwese“), hat aber gerade in der Covid-Krise sein Angebot nochmals ausgebaut. Die Erweiterung des Portfolios und überhaupt das Feilbieten von Waren, die den Tod figurieren, erscheint ökonomisch wie psychologisch geschickt (geschweige denn sehr wienerisch), ist aber bisher noch sehr wenig kommentiert worden, auch nicht von Seiten der Religionsforschung.

Das möchte das RaT-Team ändern. Besonders interessant erscheinen uns die LEGO®-Komponenten-Bausätze, die den Tod auf spielerische Weise ins Wohnzimmer holen, wo wir heute aber recht alleine damit dastehen, mit dem Tod und der Trauer nämlich. Mitglieder des RaT-Teams haben daher ihre religionswissenschaftliche Expertise ausgepackt, um unsere Leser*innen nicht ganz allein hängen zu lassen. Im dritten Teil unserer Reihe, passend zu den Kartagen, denkt Kurt Appel über den Friedhof als Ort nach, der in unserer Gesellschaft ausgeschlossen erscheint und doch einlädt, ihn zu besuchen. (Einleitung von Marlene Deibl )


Friedhof

von Kurt Appel

Der Schriftsteller Peter S. Beagle beschreibt in seinem zauberhaften Buch „A Fine and Private Place“[1], wie der Protagonist und Außenseiter Jonathan Rebeck, der seit vielen Jahren am Friedhof lebt und von einem Raben versorgt wird, die Toten, mit denen er in Verbindung treten kann, begleitet, bevor sie endgültig dem Gedächtnis entschwinden.

Der Zauber dieses Buches liegt nicht zuletzt darin begründet, dass eine Situation, nämlich jene des Gestorbenseins, die in unserer Kultur normalerweise einen absoluten Bruch zwischen Lebenden und Toten bedeutet, in einen leisen Übergang transformiert wird, in ein Kontinuum von Leben und Tod, von Gesellschaft und ihren Rändern, die normalerweise aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen sind. Michel Foucault bemerkt in seinen Reflexionen über „Die Heterotopien“, dass es sich bei Heterotopien, zu denen er auch den Friedhof zählt, um Orte handelt, welche unsere alltägliche Realität und ihre Raumerfahrung zutiefst in Frage stellen und einen anderen realen Raum schaffen[2].

Tatsächlich ist der Friedhof in vielerlei Hinsicht ein fast unmöglicher Ort in unserer gegenwärtigen Welt. Er wird verbunden mit dem Gedanken einer letzten Ruhe und das mitten in einer Gesellschaft, die sich ewig und immer schneller drehen muss, um nicht unterzugehen. Stille, Müßiggang, entspanntes und frohes Nichtstun sind dieser Gesellschaft ein Gräuel. Ruhe wird in ihr mit Zeitvertreib gleichgesetzt und muss durch aktive Wellness und die Stille vertreibendes Lärmen begleitet werden. Eine ewige Ruhe gar?

In meiner Heimatstadt Tulln gibt es ein paar Orte, die für mich wirklich so etwas wie Heimat bedeuten, viel konkreter als „Österreich“ oder „Europa“ oder auch „Niederösterreich“ und sogar „Tulln“ selbst. Zu diesen Orten gehört der Friedhof, wo viele der Menschen begraben sind, die wichtig in meinem Leben waren und sind. Wenn man in den Friedhof geht, tritt man in eine Welt von vielen Geschichten ein, die meisten verborgen und kaum vernehmbar. Die Gräber der Verwandten und Freunde lassen ahnen, was es meint, dass der Mensch Pilger zweier Welten ist, einer irdischen und einer überirdischen. Dies hat wenig mit „Jenseits“ und „Jüngstem Gericht“ zu tun und viel mehr mit der Erfahrung eines Übergangs in eine Welt, wo die betriebsamen und unabänderlichen Gesetze unseres Alltags außer Kraft gesetzt sind. Der Friedhof ist ein Ort des Übergangs in eine Welt, die für uns völlig unverfügbar ist, was für uns schwer aushaltbar ist, die aber gleichzeitig auch eine große Nähe zum Ausdruck bringt. Bei den Gräbern des Friedhofs können uns Verstorbene und ihre Geschichten nahekommen, sie ermöglichen das Eintreten in eine einzigartige Intimität mit ihnen.

So lange es Friedhöfe gibt, umgibt uns ein wenig Zivilisation, eröffnet sich ein respektvoller Umgang zwischen Lebenden und Toten, denn der Friedhof ist auch ein Ort des Schutzes dieser so umfassenden Welt der Gestorbenen, die dem Lärm und dem Nutzen der Lebenden entzogen sind. Umso schöner ist es dann auch, wenn es Blumen und Bäume und Tiere am Friedhof gibt und dieser Ort auf diese Weise nicht nur ein Refugium der Toten und der nach Besinnung und Einhalt und bleibender Freundschaft Suchenden ist, sondern auch ein Ort aller Lebewesen, einschließlich der Vögel und der Würmer und des Unkrauts.


[1] Peter S. Beagle, A Fine and Private Place, Viking Press 1960. In Deutsch unter dem Titel „He! Rebeck!“ 1998 bei Klett-Cotta erschienen.

[2] Vgl. M. Foucault, Utopies et hétérotopies, INA 2004, auf Deutsch: Die Heterotopien. Die utopischen Körper. Zwei Radiovorträge. Übersetzt von Michael Bischoff. Mit einem Nachwort versehen von Daniel Defert, Suhrkamp 2005, 19.


Fotos und alle Rechte auf die LEGO-Produkte: https://www.bestattungwien.at/eportal3/


RaT-Blog Nr. 13/2021

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