Klaus Heinrich zum Gedächtnis

Zwei Nachrufe. Von Caroline Neubaur und von Jakob Deibl.

Der Zauberer ist tot.
Zum Tod des Religionsphilosophen und großen Gelehrten Klaus Heinrich

von Caroline Neubaur

Am 23. 11. ist Klaus Heinrich gestorben, auf den Tag genau zwei Monate nach seinem 93. Geburtstag. Er war einer der zauberhaftesten Menschen, ein Zauberer im Wortsinn. Er verzauberte Generationen von Studenten, er verzauberte Maler, Musiker, Schriftsteller, Kinder, Gärtner, Taxifahrer und Putzfrauen. Er erklärte Starpianisten, was sie gespielt hatten, und die waren gar nicht gekränkt, sondern wunderten sich nicht schlecht über das philosophische Wunderkind. Kleine, wenig aufregende Geschenke verzauberte er im Nu zu kostbaren Opfergaben, einfach durch die kindliche Freude, mit der er sie entgegennahm. Er verzauberte versteinerte Dogmen, indem er ihren „Sitz im Leben“ hervorholte, verstaubte Disziplinen brachte er zum Leuchten, und er brachte ein sehr rares Gut an die Universität: Phantasie. Was Thomas Mann nicht immer schaffte: Bildung zum Schweben zu bringen (in seinen Josephsgeschichten allerdings auf grandiose Weise), das schaffte Klaus Heinrich immer spielend. Schwieriges wurde federleicht, Marginales zentral, Oberflächliches erhielt Tiefe, und niemals arbeitete der Zauberer mit Tricks. Alles war transparent und wurde auf Nachfrage gern nocheinmal hervorgezaubert, dabei allerdings zugleich verwandelt. Wen wundert es da, daß Ovids Metamorphosen zu seinen Lieblingstexten gehörten.

Er hat das nach allgemeinem (Vor-)Urteil spießige Steglitz in einen ganz besonderen Stadtteil verzaubert, weshalb das nun von ihm verlassene Steglitz wohl besonders trauert. Die Insolvenz seines Verlags Stroemfeld/Roter Stern konnte er nicht wegzaubern, dafür aber – simsalabim – fiel ihm ein neuer Verlag vom Himmel: ça ira, mit jungen engagierten Menschen, die ihrerseits mit jungen Menschen in Wien und Freiburg vernetzt sind. Vor allem in Wien erlebt die Religionsphilosophie Klaus Heinrichs gerade eine aufregende Renaissance und zwar, kein Witz, bei der katholischen Fundamentaltheologie. Wenn das keine Zaubererei ist….Sich selbst verwandelte er im letzten Jahr noch in einen Künstler: Klaus Gerrit Friese stellte in seiner Galerie am Fasanenplatz eine Auswahl aus den Tausenden seiner Zeichnungen aus – wahrhaft mit Wünschelrutengespür für den Zauberer.

Den Tod konnte er nun allerdings doch nicht wegzaubern. Es schmerzt uns sehr, daß Klaus Heinrich nun dem Sterben machtlos erlegen ist. Wir denken dabei an die Reihe von Krankheiten zurück, die sein Leben durchzog, immer hatte er sich von ihnen erholt – manchmal so wunderhaft, daß man (als bei ihm ausgebildete Religionswissenschaftlerin!), den Gedanken an eine Auferstehung nicht vermeiden konnte. Renate, seine Frau und Geleiterin, war so lange, wie ich zurück denken kann, bei seinen wiederholten Fahrten in die Unterwelt sein lebensspendender Beistand. Nun hat eine höhere Instanz befunden: Die Reihe der Wiederholungen muß ein Ende nehmen. Darum müssen wir von ihm jetzt in der Vergangenheit sprechen.

Hier nun also einige nüchterne Stichworte: er gehörte zu den Gründern der FU im Protest gegen die Vereinnahmung der alten Linden-Universität durch die Behörden der DDR und angetrieben durch einen radikaldemokratischen Impuls, wie er sich ergab aus dem Gedanken an den NS und die Katastrophen, die er angerichtet hatte. (Klaus Heinrich selbst war als „Luftwaffenhelfer“ wegen Verweigerung eines unmenschlichen Befehls zu einer Haftstrafe verurteilt worden; er hat sie in Neuruppin verbüßt). Derart als Jugendlicher selbst durch den NS traumatisiert folgte er seiner Lebensmission, die Deutschen über ihre Verdrängung des Nationalsozialismus aufzuklären.

1970 wurde er Ordinarius am religionswissenschaftlichen Institut der FU. Seine Vorlesungen im Henry Ford Bau waren legendär, der Hörsaal wurde zu einem charismatischen Focus. Nachzulesen sind einige der Vorlesungen als „Dahlemer Vorlesungen“ mit Titeln wie tertium datur, anthropomorphe, vom bündnis denken, psychoanalyse, Aufklärung in den Religionen, arbeiten mit herakles. Als nächste soll seine Heidegger-Vorlesung herauskommen…Auf dem Prospekt des ça ira Verlags für sein Gesamtwerk (mit den nun schon fast mythischen Titeln Über die Schwierigkeit nein zu sagen, Parmenides und Jona, Das Floß der Medusa) sieht man eins seiner Lieblingsmotive: den Walfisch, der gerade Jonas an Land spuckt. Jona hält eine Art Tablet in der Hand, was in dem Fall mehr Schummelei ist als Zauberei, denn Heinrich hat den Sprung von der Olivetti zum PC verweigert.

Ihm gelang, was wenigen Professoren gelang, selbst in der 68er Zeit nicht vom Katheder gejagt zu werden, sondern vor aufmerksamen Hörern jeglicher ideologischen Couleur zu reden und angehört zu werden. Er wirkte therapeutisch, ohne im mindesten ein Guru zu sein, sondern ein – Freud verpflichteter – aufgeklärter und selbst aufklärender Mythologe, der den Traum der Gattung im Hörsaal der FU zwar nicht geträumt, aber doch immer wieder analysiert hat. Unter der Verkrüppelung der Universität zur Lernfabrik hat er sehr gelitten und immer wieder dagegen angeschrieben und vor allem geredet, denn die mündliche Rede war ja sein wahres Medium.

Er hatte sich geradezu obsessiv gegen Corona gewappnet, nannte sich „einen Gefangenen ohne Hofgang“. Obwohl es ihn beschwerte, daß er sein geliebtes Restaurant La Marianna nicht mehr besuchen und nicht mehr vom Cousin oder Neffen in die brandenburgische Umgebung gefahren werden konnte, hielt er den vom Virus auferlegten Knast entschlossen durch, weil er leben wollte. Ein Sturz brachte ihn ins Krankenhaus, gegen dessen Keimgefahren war er machtlos.

Ich möchte mir vorstellen, daß er in seinen letzten Gedanken, der Welt schon fast abhanden gekommen, noch einmal in seinem geliebten Golm war – nicht dem heutigen, wie es da liegt in der „historischen Potsdamer Kulturlandschaft“, in der die wunderbaren Sichtachsen früherer Zeiten durch Neubauten zerstört wurden, sondern im Golm seiner Kindheit, dem Haus an einem havelländischen See mit Blick auf das Potsdamer Arkadien.

Übrigens lag ihm die „Mitbestimmung der Toten“ am Herzen, und da die das ja vermutlich wissen, werden sie sich nach einem triumphalen Empfang bestimmt schon auf eine Exkursion mit ihm in den tiefen Golmer See der Vergangenheit vorbereiten.

Dieser Artikel ist in einer leicht veränderten Version bereits im Tagesspiegel erschienen: https://www.tagesspiegel.de/kultur/nachruf-auf-klaus-heinrich-der-tod-eines-zauberers/26654798.html.


Wir danken der Autorin für die freundliche Erlaubnis, diesen Nachruf auch an dieser Stelle zu veröffentlichen.


Anamnetisches Dankeswort: In Erinnerung an Klaus Heinrich.

Von Jakob Helmut Deibl

Für viele von uns war Klaus Heinrich ein ganz wichtiger Denker und fast ein Bundesgenosse im Versuch, einen kleinen Beitrag für die Selbstaufklärung unserer Zeit und Gesellschaft zu leisten. Er ist am 23. November 2020, zwei Monate nach seinem 93. Geburtstag, verstorben.

Anamnetisches Vorwort – anamnetisches Dankeswort

Auch wenn der Religionsphilosoph und Religionswissenschaftler Klaus Heinrich zu aktuellen Fragen Stellung nahm, erinnerte er an Herakles, die biblischen Propheten, Lukrez, Francis Bacon, Kant, Hegel, Freud, Tillich sowie an die Maler der Renaissance und an Max Beckmann, an die Komponisten der italienischen Opern und an Luigi Nono. Die Probleme einer je spezifischen Zeit sind immer auch Probleme des Menschen als Wesen einer Gattung, die bis heute vor der Aufgabe steht, sich über sich selbst aufzuklären. Klaus Heinrich, der seit den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Umgang mit diesem Erbe nach 1945 den „Selbstzerstörungsprozess der Gattung“ analysiert hat, suchte in allen Epochen der Geistesgeschichte nach Bundesgenossen im Bemühen der Gesellschaft um Selbstaufklärung. Von der aufklärerischen Alternative zu einem Denken der Ursprungsgläubigkeit sagt er: „nicht vom Ursprung her denken […], auch nicht vom Ereignis her […], sondern von Bündnis und Bund.“[1] Was wie ein Motto seines Denkens klingt, ist einem kurzen Text entnommen, der den Titel Anamnetisches Vorwort trägt.

Dabei handelt es sich um die Bezeichnung für eine Textgattung, die Klaus Heinrich geprägt hat. Von den 1960er Jahren an bis zum Ende der 1990er Jahre hat der Universitätslehrer, der für die Würde des freien und vergänglichen Wortes eingetreten ist, Vorlesungen an der Freien Universität Berlin gehalten, die unzählige Hörerinnen und Hörer angezogen haben. An das Verbot der Aufnahme haben sich die Studierenden nicht gehalten. Als schließlich die erste der Vorlesungen – „tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik“– veröffentlicht wurde, stellte ihr Klaus Heinrich ein Anamnetisches Vorwort voran, das im Rückblick der Jahre das Anliegen der Vorlesung noch einmal umreißt, erinnert, verschiebt. Dieses Vorgehen wurde bei der Veröffentlichung weiterer Vorlesungen fortgesetzt und auf ähnliche Weise auch bei Neuauflagen seiner anderen Schriften praktiziert („Nachwort zur Neuauflage“). So entstanden konzise Texte von höchster Dichte, welche die eigenen Überlegungen noch einmal einer erinnernden Auseinandersetzung unterzogen. Gerne möchte ich heute mit einem anamnetischen Dankeswort an einen der wohl bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts erinnern.

Hans-Dieter Bahr, letzter Assistent von Ernst Bloch und Autor von „Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik“, erzählte einmal, dass für ihn und viele Mitstreiter „Von der Schwierigkeit nein zu sagen“ (1964), die Habilitation von Klaus Heinrich, eines der wichtigsten Werke in der Studentenbewegung war. Dieses Buch, so erinnerte sich Bahr, habe ihnen damals mehr geholfen als Adorno: Wir hatten bei der Lektüre gemerkt, ja, so könnte das gehen.

Parmenides und Jona oder die Frage nach Treue und Verrat

Danken möchte ich zunächst Friedrich Kern, der jahrzehntelang am Rande des universitären Milieus im Kaffeehaus Woche für Woche Hegels „Phänomenologie des Geistes“ interpretiert und deren Kategorien zur Gesellschaftsanalyse herangezogen hat. Er war es, der uns vor etwa fünfzehn Jahren auf Klaus Heinrichs Buch „Parmenides und Jona“ (1966) aufmerksam gemacht hat. Er meinte einmal, wir sollten das lesen, das würde uns Theologen gefallen. Buchempfehlungen von Friedrich Kern sind selten, weshalb Kurt Appel dem Vorschlag sofort Folge geleistet hat. Letzterer hat wiederum mich im Restaurant Giorgina, sozusagen dem Wohnzimmer unseres Instituts, auf das Buch aufmerksam gemacht mit den Worten, ob ich wisse, wie denn der letzte Satz des Buches Jona laute. Für Klaus Heinrich ist die Frage im letzten Vers des kleinen biblischen Büchleins dessen Zentrum: Er stellt Gott als einen vor, der Jona, welcher die Lebendigkeit des Gotteswortes, der Schöpfung und auch seine eigene Lebendigkeit verraten hat, nicht auf seinen Verrat reduziert, sondern ihm die Treue hält und ihn (wieder) als Bundesgenossen gewinnen will. Dies sieht Klaus Heinrich gewissermaßen als Lektüreschlüssel für den biblischen Text überhaupt an. Entgegen der Vorstellung von einem unberührten und unberührbaren, reinen und anaffektiven Sein hat der biblische Text den Mut, ein Sein zu präsentieren, das in der Spannung von Verrat und Treue steht. Diese nicht philosophisch zu überspielen, sondern sichtbar zu machen, ist Teil des aufklärerischen Impetus, dem die Bibel folgt.

Mit dem Buch Jona ist eine Grundfrage des Denkens von Klaus Heinrich angesprochen. In einem Interview anlässlich seines 90. Geburtstages hat er sie im Hinblick auf kollektive Selbstzerstörungsmechanismen, wie sie jeder Gesellschaft inhärent sind, so formuliert: „Wie wollen wir einander die Treue halten und uns nicht ununterbrochen verraten […]?“[2]

Weil ich „Parmenides und Jona“ – ein Buch, das übrigens auch ins Italienische und Japanische übersetzt wurde – dann nicht sofort gelesen habe, hat Kurt Appel es mir als Literatur für das damals bevorstehende Rigorosum aufgegeben. Das Buch ist danach sozusagen in den ‚Kanon‘ jener Texte eingegangen, die am Fachbereich für Theologische Grundlagenforschung der Universität Wien für ein Rigorosum vorzubereiten sind.

Aber auch sonst sind wir in den folgenden Jahren immer wieder auf Jona und die Frage zurückgekommen: Helene Stadlbauer (jetzt Charlywood) hat eine Diplomarbeit geschrieben, die den Titel trägt: „Klaus Heinrichs ‚Parmenides und Jona‘: Kleine Archäologie menschlicher Bedrohungen und ihre theologischen-philosophischen Widerständigkeiten“; David Novakovits gestaltet in seiner Dissertation gerade einen Abschnitt ausgehend von Klaus Heinrichs Dissertation über die Frage und das Fragen. Unmittelbar vor dem Lockdown Ende Februar 2020 war ich von Katrin Visse von der katholischen Akademie Berlin eingeladen, im Rahmen der Reihe „Tauchgänge“ in einer Kneipe (dem Club der polnischen Versager) über ein theologisches Thema meiner Wahl zu sprechen. Ich habe damals versucht, Klaus Heinrichs Jona-Interpretation, die sich auf nur wenige Verse bezieht, auf das gesamte Buch auszudehnen. Ich wollte Klaus Heinrich für all das danken, was ich aus seinen Schriften gelernt habe, und es tut mir mittlerweile leid, dass ich damals Scheu davor hatte, mich beim Kreis seiner Schülerinnen und Schüler zu melden.

Die Frage nach der Geschlechterspannung

Eine für das Denken von Klaus Heinrich grundlegende Frage ist die nach der Geschlechterspannung. Alle mythologischen, theologischen und philosophischen Texte, die er behandelt hat, hat er auch auf die Frage hin interpretiert, in welcher Weise in diesen Texten die Geschlechterspannung figuriert wird. In einem Interview zum Thema „Emanzipation der Frau“ aus dem Jahr 1962 diagnostiziert er jedoch ein weitgehendes Vergessen dieser Frage in Theologie und Philosophie.

Zunächst weist Klaus Heinrich in jenem Interview den Begriff der Emanzipation zurück, weil dieser aus dem Umkreis der Sklavenhaltersprache stamme. Er bedeute lediglich die einseitige Freigabe des anderen, führe aber zu keiner Form der Anerkennung und nehme nicht in den Blick, dass emanzipationsbedürftig immer beide Seiten eines Herrschaftsverhältnisses seien, wenn dies überwunden werden soll. Er spricht dabei von der ungelösten Geschlechterspannung, welche mit festgelegten Geschlechterrollen oder deren Negation operiere. Das führe zu einem Davonlaufen „vor einer unbewältigten Geschlechterspannung“[3], die jedes Individuum durchzieht und vor die Aufgabe stellt, in ihr, d. h.  in dieser Spannung, eine Balance finden. Sie zeige sich auch in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens – von der Sexualität zum intellektuellen Leben, von der Sprache zur Arbeitswelt und schließlich in den Modellen, wie sich Gesellschaften in der Vergangenheit und in der Gegenwart strukturieren.

Die Widerstände gegen Prozesse eines freien Umgangs und der Anerkennung (um das Wort der Emanzipation zu vermeiden) entsprängen letztlich der „Angst vor einer Befreiung des Menschen vom Zwang der Selbstverstümmelung“.[4]

Die Frage nach Universität und Aufklärung

Es war sehr schön, dass Kurt Appel und ich Klaus Heinrich vor einigen Jahren in Berlin treffen konnten – nicht jedoch an der Freien Universität Berlin, mit der er aufs Engste verbunden war, sondern an der Humboldt Universität. Als junger Student, der gerade der Verurteilung durch den NS wegen Wehrkraftzersetzung und Defaitismus (und damit der Hinrichtung) entgangen war, musste Klaus Heinrich nach dem Krieg alsbald erneut bedrohliche Zustände an der Universität („Unter den Linden“, heute HU Berlin) erfahren. Dies führte zur Entscheidung, mit einigen anderen Studierenden – bald konnten auch einige Lehrende gewonnen werden – 1947/48 eine neue Universität, die Freie Universität Berlin, zu gründen. 1971 sollte er dann zum Professor für Religionswissenschaft und Religionsphilosophie an jener Universität werden, zu deren Gründern er als Student bereits gehörte. Hier zeigt sich für mich eine erstaunliche Parallele zu Wien, wo im Mai 1945 der eben erst promovierte Kurt Schubert die Wiedereröffnung der Universität Wien erwirken konnte und 1966 dort Professor für Judaistik wurde. Beide, Heinrich und Schubert, lehrten an der von ihnen mit- oder wieder begründeten Universität bis ins hohe Alter.

Am 14. April 2014 hielt Kurt Appel auf Einladung von Andreas Arndt den Festvortrag zur Eröffnung des akademischen Sommersemesters an der Evangelisch-theologischen Fakultät der HU Berlin unter dem Titel „Das verlorene Subjekt der Geschichte jenseits von Glaube und Wissen“. Der erste Teil der Vorlesung war Klaus Heinrich gewidmet, der selbst anwesend war. Danach waren wir Mittagessen und haben guten Wein getrunken; es müsste noch irgendwo ein Photo geben, das ich damals von Klaus Heinrich gemeinsam mit Kurt Appel und Andreas Arndt gemacht habe. Die drei Professoren, für die Hegel ein entscheidender Bezugspunkt ist und die alle eine originelle Lesart seiner Philosophie entwickelt haben, waren beim Spaziergang nach dem Mittagessen so ins Gespräch vertieft, dass sie nicht bemerkten, wie sie, als sie mich um ein Photo baten, in nicht gerade vorteilhafter Umgebung Aufstellung genommen hatten.

In einer sehr schönen Weise hat Klaus Heinrich seine Utopie von Universität zum Ausdruck gebracht:

„Ich habe von Anfang an gedacht, die Aufgabe einer Universität müsse es sein, ‚der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben‘. Daran müssen alle Fächer arbeiten […] Ohne Universitätsutopie brauchen wir auch keine Universität. Wir könnten lauter einzelne Fachschulen, Fächer, Fachgebiete haben und jedes könnte für sich existieren. Wie anders jedoch, wenn die Universität versuchte, der Gesellschaft, die von einer Klippe zur anderen fällt, die von einer Perspektive zur anderen wechselt, die von einer Parteiung zur anderen hin- und herwählt bis am Schluss alles gleich und nur noch vorgetäuschte Differenzierung ist, wirklich ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben? Darum sollte jedes Fach für sich auf die Gesellschaft und deren Bewusstseinsbildung bezogen sein.“[5]

Universität hat trotz der Unterteilung in immer mehr Fakultäten, Fächer und Studien eine klare gemeinsame Zielsetzung, die nicht verloren gehen dürfe: „Alle Wissenschaften habe die Aufgabe, den Selbstaufklärungsprozess der Gattung in Gang zu halten.“[6] Dem entspricht auch die Etymologie, die Klaus Heinrich für das Wort Universität geltend machte: Unum und versus geben an, dass sich in der Uni-vers-ität viele auf das Eine ausrichten, zu diesem hinkehren.

Als Klaus Heinrich in einem Interview gefragt wurde, ob er das Thema der Krankheit deshalb immer wieder aufgegriffen habe, weil er selbst mehrmals von schlimmen Krankheiten gezeichnet war, lässt er diese Biographisierung nicht gelten. Auch seine Beschäftigung mit Krankheit sei der Überzeugung geschuldet, dass Universitäten Orte sein müssten, an denen Gesellschaften sich ein Bewusstsein ihrer selbst geben. In diesem Zusammenhang kommt er 2017 zu einer höchst bedenkenswerten Einsicht.

„Ich habe [über Krankheit] nachgedacht, weil ich sah, wie sich die Epidemien sozusagen dem Zeitgeist anpassten; dass sie also eine historische Mitläuferrolle spielten. […] Und dass häufig, wenn man alles gefunden hatte, was einer Epidemie zu Leibe rücken konnte, plötzlich diese ihre eigene Macht an eine andere Epidemie abgab und dass dann wieder neue Forschungen nötig waren, also dass der große Selbstaufklärungsprozess der Gesellschaft, der für mich die Gattungsgeschichte definiert, dass der auch in seinen Blessuren jeweils die Geschichte mitmacht. Das wär’ ein unendliches Thema, was auch auf die zentralen Krankheiten der uns bekannten Antike zum Beispiel ein Licht werfen würde […]“[7]

Nicht nur auf die Krankheiten der Antike würde durch diese Fragestellung ein neues Licht geworfen, sondern ausgehend von ihr könnte auch ein gesellschaftlicher Diskurs über die COVID-19 Pandemie beginnen, der die pragmatischen Fragen nach dem Umgang mit der Krise in die ebenso wichtige Frage einbettet, wie diese Krankheit im Prozess der Selbstaufklärung unserer Gesellschaften verortet werden kann.

Dass Klaus Heinrich und seine Frau Renate eine Stiftung gegen die Inhumanität in den Wissenschaften gegründet haben und Klaus Heinrich zum Ausdruck brachte, dass die Universitäten heute zwar noch „Gehalt und Häuser“, nicht jedoch ein „geistiges Echo“[8] bieten, unterstreicht seine große Skepsis gegen jene Wege, welche die Universitäten in den letzten Jahrzehnten eingeschlagen haben. Und dennoch hat Klaus Heinrich nicht aufgehört, von der Universität zu reden und an ihre Utopie zu erinnern. Er hat nicht zynisch mit ihr abgeschlossen.

Die Frage nach der Aufklärung in den Religionen

Im Anamnetischen Vorwort zur Vorlesung „vom bündnis denken. Religionsphilosophie“ erinnert Klaus Heinrich daran, dass ihn die Studierenden gebeten hatten, einmal eine Vorlesung über Religionskritik zu halten, worauf er entgegnete: „Diese Kritik ist nicht zu trennen von dem Moment der Reflexion in den Religionen selbst, die Reflexion in ihnen und ihnen gegenüber ist eine.“[9] Religionen wie auch die Mythologien sind partiell gelingende Versuche, mit den fundamentalen Ängsten, die eine Zeit und Gesellschaft bedrohen, umzugehen: Konkret ist das die Angst vor Identitätsverlust (d. h. die Angst, keine Identität mehr zu finden), die Angst vor Sprachverlust (d. h. die Angst, keine Sprache für die Bedrohungen zu finden) und die Angst vor Selbstzerstörung (d. h. die Angst, dass alle Versuche, mit den Ängsten umzugehen, immer weiter in den Sog der Angst hineinführen). Wenn Philosophie und Wissenschaft die partiell gelingenden Versuche der Religionen, in diesen Ängsten Formen des Bündnisses zu finden, nicht ernst nehmen, fallen sie „hinter die Reflexion in den Religionen selbst zurück“.[10]

Dabei haften Religionen und Mythologien selbst etwas Ambivalentes an. Sie fragen, wie die griechische Mythologie, nach der Bündnisfähigkeit des Schicksals; sie fragen, wie das römische Denken, nach der Bündnisfähigkeit der Natur; und sie fragen, wie die biblische Tradition, nach der Bündnisfähigkeit des Triebgrundes der Wirklichkeit (die Theologie sagt vielleicht: Gott). Darin regen sich Formen des Protestes gegen ein ursprungsmythisches Denken, welches die eigene, als schwankend erlebte Gegenwart mittels einer lückenlosen Verkettung an Sicherheit gebenden Ursprünge zurückbindet. Formen, diese Verbindung herzustellen, sind etwa die Lückenlosigkeit der Genealogien oder die zwingende Logik der Deduktion: In analoger Weise werden dabei alle späteren, abkünftigen Glieder folgerichtig auf einen Ursprung A zurückgeführt (A zeugte/ist die Ursache von B; B zeugte/ist die Ursache von C …). Was in diesen je neu zu vollziehenden Rückbindungen an Ursprungsmächte an Sicherheit gewonnen wird, geht an Freiheit verloren. Die eigene Gegenwart gewinnt zwar vorübergehend an Sicherheit, ist aber immer – gegenüber den machtvollen Ursprüngen – nur abgeleitete Welt, Ersatzwelt, minderes Zeitalter, degenerierte Zeit. Die Schattenseite dieser Sicherheit gebenden Mechanismen sind Formen des Ausschlusses jener Glieder, die sich nicht in die Kette zwingender logischer Ableitungen einreihen können. Dem ursprungsmythischen Denken, das auf Ausschluss aufbaut, steht das des Bundes gegenüber, der sich auch an all jene adressiert, welche aus der Logik der Genealogien herausfallen.

Genau hier besteht die Ambivalenz der Religionen: Sie tradieren und verteidigen einerseits ursprungsmythische Systeme und sie artikulieren sich andererseits als Protest gegen sie. Besonders stark sieht Klaus Heinrich das in der prophetischen Tradition gegeben:

„Für sie [die Prophetinnen und Propheten] sind ‚Ursprung‘ nicht die uraltheiligen Mächte, anschaubar in ewigen Aspekten der Natur oder einer nach Naturvorbildern begriffenen Gesellschaft, sondern ‚Ursprung‘ ist der schöpferische Prozeß der Wirklichkeit, der sich mit immer wieder neu gesetzten Zielen offenbart.“[11]

Dass aber die Wirklichkeit sich in immer neu gesetzten Zielen offenbart, in denen der Mensch zum Bündnispartner werden soll, ist ein Gedanke, den Klaus Heinrich als treibende Kraft einer unteilbaren, d. h. alle Menschen umfassen wollenden Aufklärung ansieht. Er hat diesen Gedanken in der Auseinandersetzung mit Paul Tillich entwickelt.

Ausblick

Mit dem ça ira-Verlag (Freiburg/Wien) haben unter Federführung von David Hellbrück und Philip Zahner die Werke Klaus Heinrichs nach dem Ende des Verlages Stroemfeld/Roter Stern (Basel/Frankfurt am Main) einen Ort gefunden, wo sie bestens betreut und neu aufgelegt werden. Begleitend zu dieser Neuübernahme konnten wir im September und Oktober dieses Jahres im RaT-Blog eine kleine Serie mit vier Texten zu Klaus Heinrich veröffentlichen. Beigetragen haben Herman Westerink, Martin Eleven, Julius Günther und David Novakovits.

Im Nachwort zur Wiederauflage von „anfangen mit Freud“, geschrieben im Mai 2020 als wohl einer der letzten Texte von Klaus Heinrich, merkt man eine große Freude und sein starkes Vertrauen in den neuen Verlag. Klaus Heinrich spricht dort von einem ganz unverhofften, geradezu utopischen Angebot durch den Verlag. Im letzten Satz schreibt er über die Zusammenarbeit: „Möge sie über meinen und meiner Frau Tod hinaus eine, von einem breiten Studentenkreis mitgetragene, glückliche Fahrt aufnehmen!“[12] Neue Veröffentlichungen werden schon in Kürze folgen (https://www.ca-ira.net/).


[1] Klaus Heinrich: vom bündnis denken. Religionsphilosophie. Frankfurt am Main/Basel: Stroemfeld/Roter Stern 2000, 9.

[2] Interview mit Klaus Heinrich: Selbstaufklärung und Verdrängung. Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst geben. Klaus Heinrich im Gespräch mit René Aguigah; https://www.deutschlandfunkkultur.de/selbstaufklaerung-und-verdraengung-der-gesellschaft-ein.2162.de.html?dram:article_id=399906 [letzter Aufruf: 24.11.2020].

[3] Klaus Heinrich: Floß der Medusa. 3 Studien zur Faszinationsgeschichte mit mehreren Beilagen und einem Anhang. Frankfurt am Main: Stroemfeld Verlag 2017, 205.

[4] Klaus Heinrich: Floß der Medusa, 207.

[5] Klaus Heinrich: Karl Friedrich Schinkel, Albert Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS, hrsg. von Nikolaus Kuhnert/Anh-Linh Ngo et al., 5.

[6] Interview mit Klaus Heinrich: Selbstaufklärung und Verdrängung. Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst geben. Klaus Heinrich im Gespräch mit René Aguigah; https://www.deutschlandfunkkultur.de/selbstaufklaerung-und-verdraengung-der-gesellschaft-ein.2162.de.html?dram:article_id=399906 [letzter Aufruf: 24.11.2020].

[7] Interview mit Klaus Heinrich: Selbstaufklärung und Verdrängung.

[8] Klaus Heinrich: der gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst geben. Reden und kleine Schriften 2. Frankfurt am Main/Basel: Stroemfeld/Roter Stern 1998, 86.

[9] Klaus Heinrich: vom bündnis denken, 8.

[10] Klaus Heinrich: vom bündnis denken, 8.

[11] Klaus Heinrich: Parmenides und Jona. Vier Studien über das Verhältnis von Philosophie und Mythologie. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern 1992, 27.

[12] Klaus Heinrich: anfangen mit Freud. Reden und kleine Schriften I. Freiburg/Wien: ça ira 2020, 96.


Rat-Blog Nr. 26/2020

3 Gedanken zu “Klaus Heinrich zum Gedächtnis

  1. hermannbreulmann 29. Januar 2021 / 12:52

    Als junger Jesuit bin ich schon früh auf Klaus Heinrich gestoßen. In der Studienstiftung cusanuswerk durfte ich ihn erleben. Dann das Paar Taubes/Heinrich an der FU. Wunderbar, dass ich auf Ihren Blog gestoßen bin. Da macht Theologie wieder Freude. Nun bin ich älter und hoffe, die Erbschaften und Hinterlassenschaften bei Ihnen und Professor Appelt in guten Händen zu wissen. Halten Sie mich bitte auf dem laufenden! Danke und herzlich Hermann Breulmann SJ

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