Eine theologische Reflexion in Zeiten von COVID-19: Gott und der Sinn der Geschichte unserer Welt

Ein Interview mit Kurt Appel. Die Fragen wurden von Gabriele Palasciano gestellt, das Originalinterview erscheint in der italienischen Zeitschrift Il Regno.

Gabriele Palasciano: Prof. Appel, in der weltweiten Gesundheitskrise, die durch COVID-19 ausgelöst wurde, gibt es zahlreiche Reaktionen seitens der Sozial-, Wirtschafts-, Geistes- und Finanzwissenschaften, während die Theologie wenig angefragt wurde. Es scheint, dass Horkheimers Prophezeiung, welcher gemäß die Elimination der theologischen Dimension zu einem Sinnverlust führt, sich bewahrheitet. Was hat eigentlich Theologie heute noch angesichts dieser Krise zu sagen?

Kurt Appel: Die Theologie hat deshalb nichts zu sagen, weil sie zuviel gesagt hat. Sie wurde unglaubwürdig in ihrer Rede vom Heil, von der Liebe, davon, dass alles gut ist. Doch das Problem besteht darin, dass diese Rede vielfach nichts mehr mit der Realität der Menschen zu tun hatte, dass sie billigen Trost bot, der nichts kostete und nichts verlangte.


Mehr denn je muss sich die Theologie deshalb heute auf das Evangelium rückbesinnen. Darin geht es um den Menschen, der zutiefst verletzt ist, psychisch, moralisch, physisch. Dessen Wunden werden geheilt, aber Schritt für Schritt, in Geduld und darum wissend, dass manche liebgewonnene Sichtweise und Gewohnheit verlassen werden muss.

Was jetzt verabschiedet werden muss, um geheilt zu werden, ist der Wahn des gegenwärtigen Menschen, alles kontrollieren zu können und unverletzbar zu sein. Das Evangelium kann eines lehren: Du bist verletzbar, du kannst scheitern, du kannst nicht alles beherrschen, aber in deiner Verletzbarkeit liegt eine unglaubliche Schönheit. Sie macht dich liebenswürdig in den Augen Gottes und des Menschen. Lerne sie anzunehmen!

Stehen wir nicht vor einem spirituellen Tsunami, der auch die Theologie völlig umkrempelt?

Der spirituelle Tsunami, von dem Sie sprechen, kommt im berühmten Diktum vom Tod Gottes, welches Nietzsche zugeschrieben wird, aber sich auch schon bei Hegel und vorher in der lutherischen Tradition findet, zum Ausdruck. Man sollte sich vollständig klar darüber werden, was hier gestorben ist: eine ganz bestimmte Konzeption Gottes, nämlich Gott als allmächtiger, unberührbarer Puppenspieler („Puppet-Master”), das große Auge Saurons in Tolkiens „Herr der Ringe“, welches alles kontrolliert. Der große Philosoph Hegel hat dazu angemerkt, dass dieser Gott eigentlich dem Tod gleicht: Er ist der allmächtige Herr, dem niemand entkommt. Man kann ihn verdrängen, man kann ihn banalisieren, aber letztlich lässt er keinen Ausgang zu. Dieser allmächtige Herr lässt nur „Nichts” zurück. Der Mensch, alles, stirbt, was bleibt ist Leere. In diesem Nihilismus befinden wir uns heute und dieser Puppenspieler ist selber das Nichts.

Heute sind wir mit Entwicklungen in der Anthropologie konfrontiert, die dem traditionell-christlichen Menschenbild völlig entgegenstehen. In seinem Buch The Selfish Ape. Human Nature and Our Path to Extinction (Reaktion Books 2019), zerstört der amerikanische Biologe Nicholas P. Money den theologischen Anthropozentrismus und negiert jede Sonderstellung des Menschen. An die Stelle der Konzeption der Sünde tritt jenes des Egozentrismus. Der Homo narcissus, von Money so genannt, ist ein gieriger Affe und Zerstörer, zum Aussterben verdammt, den niemand erlösen kann. Bestätigt COVID-19 nicht diese beunruhigende Wahrnehmung?

Solche Auffassungen bringen genau den oben beschriebenen Nihilismus zum Ausdruck, auch wenn sie sich wissenschaftlich tarnen. Alles steht unter dem Banner des Todes und nichts ist etwas wert, außer vielleicht das eigene Ego. Natürlich könnte der gute Mr. Money nicht eine Sekunde leben, wenn er wirklich an diesen Unsinn glauben würde. Trotzdem findet das, was er sagt, Verbreitung, weil wir den Tod, verstanden als Nichts, als ultimativen Gott anerkennen. Der einzige Lebenssinn, den man dann noch gewinnen kann, ist der Versuch, dem Nichts zu trotzen und selber Gott zu sein. Das geht aber nur, wenn der Tod hinausgezögert wird, wenn es gelingt zu überleben, wobei sich natürlich früher oder später zeigt, dass der kleine Gott „Ego” nichts gegen den großen Gott „Tod” ausrichten kann.

Muss sich etwas in der Art- und Weise ändern, wie die Sinnfrage zu beantworten ist?

Entscheidend, auch für die Gottesfrage, ist letztlich, wie wir mit dem Tod umgehen. Ist der Tod das große Nichts, der letzte Gott oder hat der Tod eine tiefere Bedeutung, die Sinn zu schenken vermag? Hier findet sich das Revolutionäre des Evangeliums: Der Gott des Christentums zeigt seine Macht in der Empathie, im Mit-Sein mit dem sterblichen Menschen. Der Mensch leidet, ist krank, stirbt, ist unvollkommen – und all das macht ihn liebenswert. All dies eröffnet die Möglichkeit von Freundschaft, von Solidarität, von Empathie: Wir können einander in Freude und Leid begleiten. Wir müssen nicht, den neuzeitlichen Allmachtsphantasien folgend, die ganze Geschichte, die ganze Welt retten, wir müssen nicht in dieser Welt ewig weiterleben, sondern wir können uns dem Anderen öffnen, was einen Wert in sich hat. Das Evangelium lässt uns wissen, dass wir in der Begleitung, im Mitsein mit dem Anderen um seiner selbst willen letztlich die Empfangenden sind und diese Gabe, die immer größer ist als alles, was man erzwingen und kaufen kann, ist letztlich Gott selbst. Das Evangelium kennt die Macht Jesu, der über die Winde und die Gewässer zu herrschen vermag, der Tote auferweckt. Die letzte Macht Jesu liegt aber woanders, nämlich darin, dass er derjenige ist, der nicht den Tod, verstanden als das Nichts, als letzten Herrn anerkennt. Jesus verdrängt den Tod nicht, er weiß um die eigene und die fremde Verletzbarkeit des Lebens, aber er ist davon überzeugt, dass gerade in der Verletzbarkeit und Sterblichkeit des Lebens eine Kraft liegt, die über den Tod hinausgeht. Das Christentum ist eine gewaltige Paradoxie, die die Theologie, die unsere Kultur vergessen hat: Sie besteht darin, dass nur das sterbliche Leben den Tod überwinden kann oder anders gesagt: Christliche Überzeugung ist, dass auch der Tod stirbt, dass nur das (scheinbar) Unvollkommene und Verletzbare vollkommen und heilsam ist.

Angesichts des Virus steht nicht nur die Sinnhaftigkeit der Theologie, sondern auch das Konzept eines vernünftigen und schöpferischen Gottes in Frage. Der italienische Mathematiker Piergiorgio Oddifreddi betont zwar die Notwendigkeit eines Logos, der unsere Rationalität leitet, aber er schließt eine Identifikation dieses Logos mit einem personalen Gott aus. Ist ein Konzept einer allumfassenden Rationalität, die auch im Individuum wirkt, nicht zeitgemäßer als das Konzept eines persönlichen Gottes?

Der einzige Logos, der wirklichen Wert hat, ist die Empathie. Personsein heißt die Fähigkeit, mit dem Anderen zu empfinden, Zuneigung zu empfinden. Hinter dem Personenbegriff von Oddifreddi steckt eine recht eigenartige Auffassung: “Ich” ist dieser Auffassung gemäß das, was wir im Spiegel sehen; eine Person ist demzufolge das, was wir mit ein paar Eigenschaften beschreiben können. Aber so einfach ist die Sache nicht: Person-sein bedeutet offen zu sein für die Mitwelt, Ausgänge aus der Verschlossenheit der Existenz zu finden. Ein Stein ist keine Person, weil er in sich verschlossen ist. Gott ist die Offenheit, die sich in jeder Begegnung des Menschen mit anderen kundtut. Daher ist jeder Logos, der den Namen verdient, personal und nicht, wie es Oddifreddi nahelegt, irgendein Algorithmus. Den hat ein Stein auch.

1755 verursachte das Erdbeben in Lissabon tausende Todesopfer. Dieses Ereignis, von Historikern als erster Medienevent der Moderne tituliert, erschütterte Europa bis in seine Grundfesten. Es rief Fragen nach der Rolle Gottes und des Menschen hervor und auch nach der Bedeutung des Übels in der Welt, Fragen, die uns bis heute beschäftigen…

Die Welt ist nicht ein Objekt, von dem wir in distanzierter Betrachtung sagen können, dass es gut ist oder auch nicht. Wir gestalten die Welt und haben darin die Fähigkeit, in all unseren Grenzen, zu lieben. Und weil und in dem Ausmaß, in dem wir diese Welt lieben können, ist sie gut. Darin zeigt sich die Freiheit des Menschen. Mit anderen Worten: Die Welt ist uns nicht einfach vorgegeben, sondern Welt ist das, was wir aus ihr in Gemeinschaft mit Anderen machen. Der Beitrag Gottes zur Güte der Welt besteht darin, dass er uns immer neu die Fähigkeit zur Liebe schenkt. Die große Herausforderung besteht darin, dass die Liebe auch und gerade dem gilt, was unseren Verständnishorizont übersteigt. In unserem modernen Allmachtswahn haben wir die Vorstellung, dass die ganze Welt immer unseren Ansprüchen und unseren Vorstellungen entsprechen muss. Wirkliche Liebe umfasst aber auch das uns Fremde, das, was uns in seiner Andersartigkeit Geheimnis bleibt. Hinter der berühmten Theodizeefrage: “Warum lässt Gott all das Leid und das Böse zu?” kann letztlich das Unvermögen stehen, zu akzeptieren, dass die Welt nicht immer unseren Vorstellungen und Befehlen gehorcht. Sie kann aber auch als eine Frage an Gott bedeuten, dass wir in einen Dialog eintreten mit dem Anderen, mit dem uns Rätselhaften. Am Ende wird es kein Resultat im technischen Sinne geben, aber vielleicht ein Stück Zuneigung zu dem uns Verborgenen.

Hat es heute noch Sinn, theologisch von “Zorn” oder “Strafe” Gottes zu sprechen?

Das letzte Wort des Christentums ist die Empathie, die Barmherzigkeit, die Liebe Gottes, wie sie sich in unserer ganz konkreten Zuwendung zum Anderen zum Ausdruck zu bringen hat. Wichtig ist aber, dass die Liebe als letztes Wort eingebettet ist in ein unendliches Register an Gefühlen. Der Zorn, der Ekel, die Angst, in extremen Fällen sogar der Hass, der Schrei nach Vergeltung, all das malt ein Register an Affekten, welches unsere Welt zusammen mit Gefühlen wie Zuneigung, Sympathie, Zärtlichkeit bereichert, wenn all diese Gefühle letztlich auf Liebe hin tendieren.

Wenn man vor einer Pandemie wie Covid-19 steht, dann wäre es völlig pervers, darin unmittelbar eine Strafe Gottes zu sehen: Gott hat die Welt so geschaffen, dass sie ihren eigenen Lauf, ihre eigene Freiheit hat. Das bedeutet, dass dem Menschen eine Aufgabe in dieser Welt zukommt, die er nicht völlig gottverlassen erfüllen muss. Es setzt aber auch voraus, dass der eigene Lauf der Welt den Menschen in seine Grenzen einweist, sich jeder menschlichen Allmachtsphantasie entgegenstellt, was auch Leid und Verletzung impliziert. Dafür, dass dieses Leid erträglich bleibt, sind wir Menschen verantwortlich, auch in dem Sinne, niemanden zurückzulassen.

Die Fragen nach dem Zorn und der Strafe Gottes sind natürlich auch vor dem Hintergrund der Rede von der “Barmherzigkeit” Gottes zu sehen. Die jeweiligen Schwerpunktsetzungen waren in der Geschichte immer verschieden. Auf jeden Fall ist die Rede davon, dass Gott Idolatrie und Schuld bestraft, sehr stark biblisch fundiert, man denke nur z.B. an das Buch Hosea.

Für eine richtige Interpretation dieser Stellen ist die Art und Weise, wie die Bibel spricht, zu beachten: Wir finden im Alten Testament eine ganz große Liebesgeschichte zwischen YHWH und Israel. Die Sprache zielt nicht auf Information, sondern auf Affekte. Die Zeitform ist nicht der historische Bericht, sondern der Blick auf die Zukunft in einer Neuinterpretation der Vergangenheit. Die Bibel eröffnet eine Symphonie von Affekten: Alles kommt darin vor: Zorn, Rache, Hass, Zärtlichkeit, Werbung um den Anderen, Trauer, Freude, Jubel, Scham, feierliche Stimmung etc. Die ganze Welt ist von diesen Stimmungen umfangen, deren Grundton aber eine menschliches Maß übersteigende Zuneigung ist. Das Entscheidende, schwer verständlich für unseren positivistisch-technokratischen Geist, der auch viele umfasst, die auf ihre Frömmigkeit so stolz sind, besteht darin, dass die biblische Welt keine strikte Unterscheidung zwischen „Innenwelt” und „Außenwelt”, zwischen geographischer und symbolischer Welt trifft. Jedes Objekt, jede Landschaft, jedes Ereignis, jede Figur ist ein Resonanzraum für Stimmungen. Eine Naturkatastrophe oder eine Krankheit ist nicht – wie bei uns – ein physikalisches Ereignis, welches gewisse wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen mit sich führt, sondern vor allem ein symbolisches Ereignis, welches die Gläubigen emotional verarbeiten und welches dazu herausfordert, die Beziehung zu YHWH neu zu bestimmen.

Vielleicht noch wichtiger ist die Tatsache, dass Gott keine Informations- und Befehlsmaschine ist. Gott offenbart sich nicht in Instruktionen und Aussagen, vielmehr offenbart sich Gott im Gesamt der Schrift. Gott manifestiert sich in der Beziehung mit seinem Volk, mit den Propheten und vor allem auch mit dem Leser. Man muss klar unterscheiden zwischen der Rolle/der Figur „Gott” in der Schrift, die nur einen Teil seiner Offenbarung ausmacht und der Interaktion aller Figuren und der Interaktion mit dem Leser, die uns erst Gott in seiner Wahrheit eröffnet. Mit anderen Worten: Die Rolle „Gott” in der Bibel ist nicht identisch mit dem Gott der Bibel, sondern ein Teil von ihm.

Das Problem des fundamentalistischen Zugangs, der uns helfen kann, auch die negativen Gefühle im Zusammenhang mit Gott ernst zu nehmen, besteht darin, dass er den Heiligen Geist, in dem die Schrift gelesen werden will, nicht benötigt. Er ist, wenn er positivistisch Gottesreden als Instruktionen und Aussagen über Gott versteht, völlig geistverlassen. Eine geistvolle Lektüre dagegen beinhaltet immer das gesamte Beziehungsgeschehen innerhalb des Textes und das Beziehungsgeschehen zwischen dem Leser/der Kirche/Israel und dem Text. Wenn YHWH Unheil bei Fehlverhalten androht, dann spiegelt sich darin die tiefe Bedrohung der gesamten symbolischen Ordnung wieder, die mit politischem und sozialem Fehlverhalten einhergeht. Es spiegelt sich wider, dass menschliches Verhalten Konsequenzen hat. Gerade in den Drohungen zeigt sich aber auch das Werben Gottes um Umkehr, um neue Einsichten, um die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Bezogen auf Covid und andere Katastrophen greift es völlig zu kurz, von Gott als strafender Ursache und diesen Ereignissen als dessen Wirkungen zu sprechen: Das ist mechanistische Philosophie und geistlose Theologie. Sehr wohl aber verlangen solche Erschütterungen kritische Deutungen auch in Bezug auf unser individuelles, gesellschaftliches und kirchliches Verhalten und in den Neuanfängen, die aus einem solchen Deutungsprozess resultieren, kann der Christ Gottes Stimme erkennen, den Tadel, das Werben aber auch die Freude, wenn der Mensch aus Krisen heraus schöpferisch tätig wird.

Es ist immer traurig, wenn man in Zusammenhang von menschlichen Leben Zahlen bemüht. Momentan gibt es schon Millionen, die an COVID-19 verstorben sind. In Bergamo wurde der Totentanz neu erfahren, allerdings diesmal an Hand von Lastwägen, die Särge transportierten. Nach Auschwitz hat sich die Art und Weise, von Gott zu reden, zu verändern begonnen. Wird sich auch etwas durch COVID-19 in der Gottesrede verändern?

Ich glaube, wir sollten Covid-19 nicht mythisieren: Es ist völlig unvergleichbar mit Auschwitz, wo mitten in der scheinbar aufgeklärten Welt Deutschlands und Europas Millionen Menschen umgebracht wurden. Covid-19 ist eine wirkliche Heimsuchung für viele Regionen dieser Erde, aber wir in Europa dürfen nicht vergessen, dass es eine von vielen Pandemien ist, wie sie gerade in der sogenannten Dritten Welt immer wieder auftreten, ohne dass das irgendjemand außerhalb der betroffenen Regionen gekümmert hat. Das Neue daran ist eher, dass es die Verwundbarkeit unserer globalisierten Welt offenbart, dass es auch die „Erste Welt”, die sich so überlegen wähnte, mit voller Wucht getroffen hat. In der westlichen Welt, bei „uns”, dachte man, so etwas passiert nur den „Anderen”, weil „unsere” Technik, „unser” politisches und wirtschaftliches und soziales System so stark ist, dass „wir” die Natur nahezu nach Belieben beherrschen können. Covid-19 ist vor allem eine unglaubliche Beleidigung für die Allmachtsphantasien der sogenannten fortgeschrittenen Zivilisationen. Neben all den notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, die zu treffen sind, wird in Europa auch ein Klima der Angst und des Terrors verbreitet, auch von manchen Experten. Ich glaube, dass es einfach sehr schwer fällt, keine absoluten Sicherheiten zu haben, dass es eine Demütigung für die Expertenwelt und die Politik ist, das Virus nicht vollkommen unter Kontrolle zu bekommen.

Was wir in dieser Situation brauchen, ist Solidarität mit den vielen, die die wirtschaftlichen Folgen des Virus zu tragen haben. Die zweite Notwendigkeit, mindestens ebenso wichtig, besteht darin, eine gewisse Demut und Gelassenheit zu entwickeln. Wir sind nicht unsterblich, auch wenn wir das zeitweise glaubten, und wir stehen vor der Aufgabe, uns dem Anderen zuzuwenden, auch wenn das ein gewisses Risiko mit sich bringt. Die Barmherzigkeit Gottes besteht darin, dass er uns den Geist der Hingabe und Liebe schenkt, nicht, dass er uns unverwundbar macht. Was es jetzt braucht, ist nicht soziale Distanzierung (welch furchtbares Wort!), sondern Mitmenschlichkeit, Tapferkeit und Vertrauen, dass sich gerade in schwierigen Zeiten neue Formen des Lebens eröffnen, die Mensch und Natur, Mensch und Mensch und Mensch und Gott zusammenführen. In diesen Tagen erinnere ich mich immer an das Gespräch, welches ich mit meiner Mutter vor ein paar Wochen geführt habe: Sie hat mir gesagt: Ich bin 83 und lebe gerne und bin zutiefst dankbar über jeden Tag, den Gott mir schenkt. Aber sollte ich mit 83 Angst vor dem Tod haben? Wenn ich sterbe, so hoffe ich, anders nützlich sein zu können, vielleicht im Gebet für euch.

Ist es mittlerweile notwendig geworden, sich vom Konzept der göttlichen Allmacht zu verabschieden?

Wir brauchen ein neues Verständnis von Macht: Macht bedeutet Liebe gegenüber dem Anderen, Freiheit für den Anderen, Leben für alle. Wahre Macht besteht also darin, dass ich den Anderen frei lasse, nicht unter meine Vorstellungen und Nützlichkeiten zwinge. Gott gewährt seiner Welt ein Eigenleben. Er schenkt dabei der Welt die große Gabe der Verwundbarkeit, sodass sie sich niemals gleichgültig gegen das Andere verschließen kann. Denn was offen ist für Anderes ist verwundbar. Wahre Macht besteht in der Offenheit, aus der Liebe und Leben erwächst. Man sollte vielleicht auch tiefer darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn jemand, z.B. neues Leben, einen Namen bekommt: Mit diesem Namen ist er/sie nie wieder „nichts”, der Name wird auch dann noch bestehen, wenn der physische Tod eingetreten ist. Vielleicht besteht die tiefe Macht Gottes darin, dass er seine Schöpfung, jedes Glied seiner Schöpfung mit Namen nennt. Die Taufe gibt uns davon eine Idee.

Zum Abschluss noch eine Frage zur göttlichen Vorhersehung: Sie prägte das Gottesbild in der Tradition, man denke nur an den Glauben Abrahams an die göttliche Vorhersehung, die sich sogar angesichts der möglichen Opferung Isaaks durchhält. Bei all der Tiefe des damit verbundenen Glaubens stellt sich aber doch die Frage, ob ein solcher Glaube an die Vorsehung Gottes im beginnenden 21. Jhd. noch möglich ist?

Ich glaube, die Vorsehung Gottes besteht darin, dass er, wie oben erwähnt, für jeden von uns einen Namen erwählt hat, jeden in seiner Individualität und Einmaligkeit bejaht. Auch Abraham hat von Gott seinen ganz spezifischen Namen empfangen: Zunächst wollte er die Verheißung ewigen Lebens mittels der Zeugung eines Nachkommens verwirklichen, wie es im Alten Orient üblich war: Man lebte fort im Nachkommen. Die Opferung Isaaks bedeutet nicht zuletzt, dass Isaak als Mittel für das eigene Weiterleben geopfert werden musste. In dem Moment, in dem Abraham dazu bereit ist, empfängt er seinen Sohn neu und wird damit wirklich seinem Namen gerecht, Vater einer Menge an Völkern zu werden, die nicht mehr nur biologisch mit ihm verbunden sind. Der Mensch ist also, kurz gesagt, verletzbar und sterblich, was uns die aktuelle Pandemie schmerzhaft vor Augen führt. Aber er ist auch Träger eines Namens, Träger der Zuneigung Gottes, die sogar im Tod Ausgänge und neues Leben erahnen lässt, wo menschliche Macht und Ohnmacht nur mehr ins Nichts führt…


Foto via Pixabay.

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