Terroranschläge in Wien: Stimmen von RaT-Mitgliedern

Die Wiener Innere Stadt.
Bild von S. Erben

Fundamentalismen jeglicher Art sind die Kehrseite der Medaille einer liberalen, pluralen, säkularen Gesellschaft. Entsprechend wichtig ist es, allen Ausprägungen dieser Fundamentalismen vehement entgegenzutreten, ohne die Pluralität der Lebensweisen zu verneinen. Gerade weil der Griff nach einfachen Erklärungen und klaren Narrativen der Schuldzuweisung in außergewöhnlichen Situationen, wie in der Folge des gestrigen Terroranschlages, naheliegt, tut ein differenzierter Blick Not. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizzieren einige Mitglieder des Forschungszentrums ihre Gedanken zu den Ereignissen der letzten beiden Tage.

Die Theologie der Gewalt

Die Ereignisse in Wien in der Nacht vom 2. auf den 3. November mit der Ermordung und Verletzung etlicher Menschen sind Ausdruck einer Theologie der Gewalt, die nicht nur in der Organisation IS Form angenommen hat. Sie ist auch formierendes Element von zahlreichen dschihadistischen Subkulturen und von Milieus, die sich im Kraftfeld dieser Organisation bewegen. Diese Theologie der Gewalt legitimiert das gewaltsame Vorgehen gegen alle, die sich ihr nicht unterwerfen. All diese Menschen werden ausgeschlossen: Muslim*innen, die nicht der Verherrlichung der Gewalt folgen, Gläubige anderer Religionen, Nichtgläubige, schlicht Nichtinteressierte an den Ideen des IS, Menschen mit der nach Meinung des IS falschen sexuellen Orientierung, Frauen, die sich ein Leben jenseits der Vollverschleierung vorstellen können und viele mehr. Die Welt wird geteilt in die gewaltbereiten ‚wahren‘ Gläubigen und den weit größeren „Rest“, der zur Vernichtung bestimmt ist. Dies rechtfertigt für die Mitglieder dieser Subkulturen und Milieus solche Mordtaten wie die in Wien. Allein eine menschliche Haltung der Inklusion kann solchen Weltsichten entgegenwirken.

Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaft, Universität Wien


Auf der Suche nach einer Sprache der Verletzlichkeit und Inklusion

Wann und wo muss, wenn ich die Überlegungen von Rüdiger Lohlker aufgreifen darf, die Aufgabe der Inklusion, die zuvor versäumt worden ist, beginnen? Vielleicht schon in der Sprache? Im Folgenden möchte ich einige Eindrücke von der Verwendung der Sprache im Laufe des ersten Tages nach dem Anschlag vom 2. November 2020 in der Wiener Innenstadt mitteilen.

In der Nacht von 2. auf 3. November sprach zunächst Fassungslosigkeit aus den vielen Berichten und Interviews, die auf improvisierte Weise fürs Fernsehen zusammengestellt wurden. Von staatlicher Seite und von Seiten der Exekutive wurde Entschlossenheit im Vorgehen gegen den oder die Täter signalisiert. Dabei war die Spannung zwischen der Betonung des Ernstes der Lage einerseits und der Vermeidung von Panik andererseits bezeichnend. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen war bemüht, maßvoll auszuwählen, was gezeigt und gesagt werden kann und was eine Grenze der Scham überschreitet. Nicht allein ermittlungstaktische Kooperation mit der Exekutive schien hier leitend zu sein, sondern ein journalistisches Ethos. Einschlägige private Kanäle haben dabei eine rote Linie überschritten.

Neben den Berichten über die Ereignisse zeigten sich schon in den Nachtstunden zwei Versuche der Kontextualisierung des Geschehens. Für das Unbegreifliche suchen wir nach Mustern: Zum einen wurden die Ereignisse von Wien sehr schnell in Analogie zu Terroranschlägen der letzten Jahre in anderen europäischen Städten gebracht. Ob nicht gerade bei solchen Vergleichen Vorsicht geboten ist, zumal das Geschehen aus so unmittelbarer Nähe noch gar nicht beurteilt werden kann? Können wir wirklich schon gemeinsame Muster ausmachen? Oder geht es hier weniger um Erkenntnis als um die Suche nach Formen emotionaler Verbundenheit und internationaler Solidarität? Wenn schon die COVID-19- und die Flüchtlingskrise zeigen, wie wenig solidarisch die europäischen Staaten selbst untereinander agieren, wollen wir doch in der Terrorkrise mit Paris, London … vereint sein …

Zum anderen wurden die Ereignisse mit terroristischen Akten, die sich in der Vergangenheit (besonders in den 1980er Jahren) in Österreich abgespielt haben, in einen Zusammenhang gebracht. Dahinter scheint mir der Versuch zu stehen, den Mythos der Singularität des Geschehens nicht aufkommen zu lassen. Dieser Versuch wurde jedoch auch konterkariert. Sowohl Innenminister Nehammer als auch Bundespräsident Van der Bellen haben es vermieden, das Ereignis als singulär und im Superlativ zu präsentieren. Der Bundespräsident sagte in seiner Ansprache, dass das Attentat zwar „in seiner Dimension und kalten Menschenverachtung das schlimmste unserer jüngeren Geschichte ist“, nannte es aber eben nicht das schlimmste Attentat überhaupt. In der Pressekonferenz vom 3. November um 6.00 Uhr sprach der Innenminister von einer Situation, „wie wir sie in Österreich seit Jahrzehnten nicht mehr erleben mussten“. In einer medialen Wiedergabe wurde daraus: „Es sei eine Situation, wie sie Österreich noch nie erlebt habe, so Nehammer.“ Mit dieser Steigerung zum Superlativ wird einem brutalen Mord, vielleicht der Tat eines Einzelnen, Macht über die Geschichte Österreichs schlechthin gegeben. Das Geschehen erhält damit die Resonanz, die es gesucht hat.

Die Sprache, die in den Statements der Nacht zu hören war, hatte nicht selten einen martialischen Charakter. In der Früh verlautbarte Angela Merkel noch: „Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf.“ Die Aussage der deutschen Bundeskanzlerin kann als paradigmatisch für viele weitere Erklärungen angesehen werden, wenn auch der Ton untertags allgemein etwas gemildert und nun kollektiv dem Hass abgeschworen wurde, freilich in einer Perpetuierung seiner Erwähnung, wie der Medienexperte Martin Gsellmann betonte: Viel war von „Hass“, „Feind“, „Kampf“, „Terrorismus“, „Terroranschlag“ die Rede. Der Attentäter kam immer weniger vor, stattdessen wurde der Hass als gemeinsamer Feind aufgebaut, von dem man sich, was Gemeinschaft stiftet, distanzieren kann. Zu hören war wieder: „Unseren Hass bekommt Ihr nicht.“ Der österreichische Bundespräsident Alexander van der Bellen verlautbarte: „Der Hass wird in unserer Gesellschaft nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Denn Terror will verunsichern und Streit säen. Wir werden uns von diesem Hass nicht anstecken lassen. Wir werden uns und unsere Werte schützen und verteidigen. […] Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe.“ (Van der Bellen)

Müsste nun nicht eine Phase einsetzen, in der man – nach all den Bekundungen der Entschlossenheit und nachdem man sich gegen den Hass eingeschworen hat – auch die Verletzlichkeit unserer Gesellschaft und die Fragilität des öffentlichen Raumes auszusprechen wagt? „Wir werden diesem Hass keinen Raum geben“ (Bundeskanzler Sebastian Kurz), können aber nicht mit letzter Sicherheit verhindern, dass er sich diesen Raum holt. Nie wird der öffentliche Raum, wenn er vielfältigen Nutzungen offensteht und frei zugänglich ist, vor Gewalt und Terror völlig sicher sein. Gerade die schönsten und geschichtsträchtigsten Orte einer Stadt mit ihren verwinkelten Gassen sind davon besonders gefährdet.

Müsste nun nicht eine Phase einsetzen, in der wir auf Zukunft ausgerichtet nach einer Sprache der Inklusion suchen, die sich von den Dualismen löst, wie sie sich in den Bildern vom Kampf gegen den Feind finden? Ein meines Erachtens schöner Versuch in diese Richtung ist das Statement der Vorsitzenden der Ordensgemeinschaften Österreichs: „Wenn es möglich sein wird, bitten wir die Kirchentüren in der Innenstadt ab morgen zu öffnen. Stehen wir ein für ein offenes Wien, für eine Stadt, die sich nicht fürchtet, sondern zusammenhält. In Gebet oder Gedenken verbinden wir uns mehr, als dass Hass uns zu trennen vermag!“ Auch wenn am Ende doch noch der Hass erwähnt werden muss, hat diese Aussage etwas angenehm Menschliches: Neben all der Entschlossenheit, die man in den letzten Stunden vernommen hat, kann hier im Konditional gesprochen werden: „Wenn es möglich sein wird …“. Vor dem Imperativ, der auf eine gemeinsame Haltung einschwört („Stehen wir ein …“), ist eine Bitte zu hören. Dem „Gebet“ als religiös konnotierter Handlung wird vom Vertreter und der Vertreterin der Klöster das säkular anschlussfähige „Gedenken“ beigeordnet. Vielleicht können solche leiseren Aussagen ein Schritt auf dem Weg zu einer Sprache der Inklusion sein?

Jakob Deibl, Assistenzprofessor an der Katholisch-theologischen Fakultät


#0211w – Soziale Medien

Soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram, Tiktok u.ä. decken eine breite Palette an privaten und beruflichen Interessen ab. Wenig erstaunlich also, dass soziale Medien auch im Moment eines Terroranschlags rege genutzt werden. Das Bedürfnis nach Information im Angesicht einer akuten Krise, das von etablierten Medien nicht oder erst nach einer gewissen Zeit befriedigt werden kann, ist nachvollziehbar.

Vor allem in den ersten zwei Stunden des Terroranschlages kursierten in den sozialen Medien, bspw. auf Twitter und Instagram, unzählige unbestätigte Informationen: Es wurden (wie sich wenig später herausstellte) falsche Informationen – nicht zuletzt auch von namhaften Journalistinnen und Journalisten via Twitter – weiterverbreitet, und es kursierte ein hohe Zahl teils drastischen Bildmaterials, darunter Videos von Schusswechseln, Fotos von verletzten Menschen und Aufnahmen von vermeintlichen Festnahmen. Es hat sich gestern also sehr deutlich gezeigt, was bereits für andere Terrorattacken festgestellt wurde: soziale Medien werden während einer Krise nicht nur von besorgten Menschen innerhalb und außerhalb des Geschehens konsultiert, sondern sind auch für Journalist*innen eine der ersten Anlaufstellen, um rasch an Informationen zu gelangen. Ebenso greifen Behörden in ihrer Krisenkommunikation zunehmend auf social media zurück. Beispielsweise hat die Wiener Polizei wiederholt darauf hingewiesen, keine Videos zu verbreiten, um die Arbeit der Polizist*innen nicht unnötig zu erschweren. Und schließlich: soziale Medien wirken als Echokammern und verstärken Effekt und Reichweite eines – insbesondere vermutet islamistischen – Terroranschlags.

Die Sprache, die diese Fülle an (Des-)Informationen spricht, gleicht einem lauten Rauschen. Ich meine, es ist in diesen ersten Stunden des Terroranschlags deutlich lauter auch als der martialische Charakter der ersten Einordnungen von offizieller Seite gewesen, auf die sich Jakob Deibl bezieht.

Ohne die Komplexität des Problemfeldes klein- oder einem Kulturpessimismus das Wort zu reden, scheint es doch wichtig, im Angesicht von Krisen wie derjenigen des 2. Novembers, das „Ökosystem“ der online-Information und seine Beziehung zu demokratischen wie gesamtgesellschaftlichen Strukturen kritisch zu befragen. Dabei mangelt es in der Sozialwissenschaft nicht an Analysen, die sich diesem Beziehungsgeflecht widmen. Nebst dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung sollte aber eine kritische Reflexion der eigenen Position in besagtem Ökosystem nicht zu kurz kommen.

Katharina Limacher, Post-Doc am Forschungszentrum RaT


Der Beitrag von Jakob Deibl erschien auch auf settimananews in einer italienischen Übersetzung von Marcello Neri unter dem Titel „Vienna: l’accaduto e il linguaggio„.

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