Neuauflage! Ernst Troeltsch (1865–1923)

 

Ernst Troeltsch in seiner Jugend

Diesmal neu aufgelegt von Patrick Leistner: Ernst Troeltsch und sein bis heute prägendes Denken.

Der protestantische Theologe und Kulturphilosoph Ernst Troeltsch wurde am 17.2.1865 als Sohn eines Arztes in Haunstetten bei Augsburg geboren. Er studierte ab 1884 evangelische Theologie in Erlangen, später unter anderem bei Julius Kaftan in Berlin und Albrecht Ritschl in Göttingen. An der dortigen theologischen Fakultät hatten sich zu dieser Zeit jüngere Wissenschaftler zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, zu der dann auch Troeltsch gehörte. Die erste Generation der sogenannten Religionsgeschichtlichen Schule entfaltete neue Perspektiven auf die historische Erforschung des Alten und Neuen Testament sowie der frühen Kirchengeschichte. Nachdem Troeltsch bereits 1892 außerordentlicher Professor für Systematische Theologie in Bonn geworden war, ging er 1894 nach Heidelberg, wo er ordentlicher Professor für Systematische Theologie wurde. Ab 1909 lehrte Troeltsch auch an der philosophischen Fakultät, ehe er 1915 nach Berlin auf den philosophischen Lehrstuhl für Religions-, Sozial-, Geschichtsphilosophie und christliche Religionsgeschichte wechselte. Er starb 1923 überraschend „auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit und seines Einflusses“ (F. Voigt).

Troeltsch knüpfte in Heidelberg enge Kontakte zu Philosophen wie etwa den Neukantianern Wilhelm Windelband und dem Freiburger Heinrich Rickert sowie zu Juristen und Historikern. Ein enger Freund war Max Weber. In dem starken Bewusstsein der Modernisierung wie des kulturellen, gesellschaftlichen und religiösen Umbruchs wurde in Heidelberg die ,Krise der Moderne‘ diskutiert. Im Besonderen wurde auch die Bedeutung und Gestaltungskraft der traditionellen Formen von Religion problematisiert. Troeltschs Arbeiten richteten sich in Heidelberg auf Fragen der Religions- und Kulturgeschichte sowie auf den Beitrag des Christentums zur modernen Welt. Troeltsch entwarf eine Theorie der Moderne, die von einer weitgehend vom Protestantismus unabhängigen Herausbildung der modernen Welt ausging, jedoch den charakteristischen modernen Individualismus als indirekte Folge des christlichen Persönlichkeitsgedankens begriff. Die neben den Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (1908-10; 1912) in der heutigen Theologie geradezu klassischen Texte Über historische und dogmatische Methode in der Theologie (1898) und Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte (1902) reflektieren die Konsequenzen der Historisierung für die Theologie und die Möglichkeiten einer geschichtsphilosophischen Geltungsbegründung der christlichen Religion.

Wie Troeltsch dann in Berlin immer umfassender herausarbeitete, liegt in der Konsequenz des historistischen Denkens ein Relativismus, der das Handeln hemmt und verunsichert. Er diagnostizierte den „Zusammenstoß des historischen Denkens und der normativen Festsetzung von Wahrheiten und Werten“. Nicht nur die Geltungsbegründungen der christlichen Religion durch die Theologie, sondern jegliche Handlungsorientierung in Gesellschaft und Kultur wird in den Augen Troeltschs durch die universelle Historisierung problematisch. Auch ist einzuberechnen, dass die Idee der Historisierung und Geschichtsphilosophie selbst wieder historisch und an die europäische Kultur und ihre Geschichte gebunden ist. Mit der Herausbildung des Historismus und seiner Krise befasste sich der Berliner Kulturphilosoph und dann auch liberale Gelehrtenpolitiker in Der Historismus und seine Probleme.

Die Folgen der Historisierung suchte Troeltsch produktiv zu bearbeiten, in Heidelberg etwa durch eine mehrdimensionale religionswissenschaftliche Methodik, in der Geschichtsphilosophie und Geltungstheorie der Religion aufeinander abgestimmt werden. Der Historismus und seine Folgen sollten dann immer mehr durch sich selbst bearbeitet werden, wofür in Berlin die Formel lautet „Geschichte durch Geschichte überwinden“ (– „und die Plattform neuen Schaffens ebnen“, wie es weiter heißt). In das konstruktive historische Verfahren der Wissenschaft wird deren Selbsthistorisierung von Grund auf integriert. Gekoppelt wird dann die Aufarbeitung der Faktoren, die zum Aufbau der europäischen Kultur und dem Historismus geführt haben, mit dem Anliegen einer herzustellenden neuen europäischen Kultursynthese als „Ziel der Geschichtsphilosophie“. (E. Troeltsch) Auf wissenschaftlicher Basis soll so neue Handlungsorientierung möglich werden.

Die jüngere Generation von Theologen und Philosophen teilte zwar in der Regel die Analysen Troeltschs zum Historismus und seinen Konsequenzen. Paul Tillich sah in Troeltsch etwa die „negative Voraussetzung für jeden kommenden Aufbau“ in der Theologie. Meist waren die jüngeren Autoren jedoch nicht mit Troeltschs konstruktiven Bearbeitungen einverstanden. Nach dem Ersten Weltkrieg entfalteten sie andersartige Orientierungsversuche. Sie sind zum Teil durch die Begriffe ‚Situation‘ und ‚Entscheidung‘ charakterisiert und erarbeiten, statt einer Handlungsorientierung durch wissenschaftlich-historische Kulturanalysen und -synthesen, in praktischer Absicht Theorien des geschichtlichen Vollzuges des Individuums und der Religion. Troeltsch selbst wiederum äußerte sich kritisch hinsichtlich der frühen Dialektischen Theologie und sprach von einem „Apfel vom Baume Kierkegaards“.

Die Wirkung Troeltschs, auch außerhalb der Theologie, ist nicht zu unterschätzen. Paul Tillich etwa dürfte eine nicht unwichtige Rolle in der Vermittlung, besonders der „Soziallehren“, in den USA spielen. Verstärkt seit den 1980er Jahren wird Troeltsch nicht nur im deutschsprachigen, sondern auch französischen und angelsächsischen Raum wie in Japan (wieder)entdeckt, nicht zuletzt durch die Kritische Troeltsch-Ausgabe, darunter als Klassiker der Religionssoziologie und der Kulturwissenschaften, als Modernetheoretiker, als Theoretiker historisch-kritischer Geschichtsmethodologie oder als Wegbereiter einer normativ orientierten Kulturwissenschaft des Christentums.


Zum Weiterlesen:

Arie L. Molendijk gibt in in JRAT 5 (2/2019) einen vertieften Einblick in Troeltschs Denken des Individuums und der Mystik.

Weiters zur Einführung :

Graf, F. W. / Ruddies, H., Ernst Troeltsch. Geschichtsphilosophie in praktischer Absicht, in: Grundprobleme der großen Philosophen IV, hg. v. J. Speck, Göttingen 1986, 128–164.


Voigt, F. (Hg.), Ernst Troeltsch Lesebuch, Tübingen 2003.


Wittekind, F., Christologie als Geschichtsreflexion. Troeltsch und seine ‚Schüler‘, in: „Geschichte durch Geschichte überwinden“. Ernst Troeltsch in Berlin, hg. v. F. W. Graf, Troeltsch-Studien. Neue Folge 1, Gütersloh 2006, 49–74.



Mag. Patrick Leistner ist Assistent am Institut für Systematische Theologie und Religionswissenschaft der Evangelisch-Theologische Fakultät. Seine Arbeitsschwerpunkte waren bisher die frühen Konzeptionen von Karl Barth und Martin Heidegger vor dem Hintergrund des Historismus, die Symbol- und Religionstheorie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings zwischen Aufklärungstheologie und Identitätsphilosophie sowie die Vorbereitung und Herausgabe von Schellings „Ideen zu einer Philosophie der Natur“ (1803; AA I,13) und dessen Publikationen von 1803–1804 (AA I,14).


Bildquelle: „Akademie Aktuell. Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften“ 1/2015 (Schwerpunkt: Der harte Stoff der sozialen Wirklichkeit. 150 Jahre Ernst Troeltsch), S. 19 (kein Abbildungsverzeichnis).

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