„Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben“ – Klaus Heinrich als inspirierender Gesprächspartner für die Religionspädagogik

David Novakovits entwickelt im vierten Teil unserer Reihe zu Texten Klaus Heinrichs eine Perspektive der Religionspädagogik auf den vielseitigen Berliner Denker.

Klaus Heinrich hat die Gabe, scheinbar streng voneinander getrennten Diskursen ein gemeinsames Gespräch zu ermöglichen. Auch aus religionspädagogischer Perspektive ist es daher höchst lohnenswert, sich mit dem Werk des Berliner Religionswissenschaftlers auseinanderzusetzen. So wird es mit Heinrich zum Beispiel möglich, fruchtbare Gesprächsfäden zwischen der Religionspädagogik und der Psychoanalyse zu ziehen. Diese Annahme wird in diesem Blogbeitrag entfaltet.

Welche Möglichkeiten zum Gespräch lassen sich zwischen der Psychoanalyse und der Religionspädagogik entdecken? Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den beiden genannten Disziplinen könnten wir sagen: Beide – sowohl die Psychoanalyse als auch die Religionspädagogik – haben auch als Gegenstand die Aufgabe, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen, mit „Nachrichten aus einer anderen Welt“, wie es Heinrich in seinem ‚anamnetischen Vorwort‘ seiner im Wintersemester 1974/75 gehaltenen Vorlesung Psychoanalyse Sigmund Freuds und das Problem des konkreten gesellschaftlichen Allgemeinen formuliert.

Heinrich arbeitet in der genannten Vorlesung an der Frage, welche Formen des Umgangs mit dem Vergangenen einen emanzipatorischen Wert für die gegenwärtige Gesellschaft haben – und umgekehrt: welche Umgangsweisen mit dem Vergangenen gesellschaftliche Aufklärungs- und Befreiungsprozesse gerade auch verhindern können.

Die Religionspädagogik kann sich die Frage stellen, inwieweit sie in den psychoanalytischen Theorien Freuds einen Bündnispartner für die Aufgabe finden kann, eine Umgangsweise mit dem Vergangenen auszuarbeiten, welche zur Selbstaufklärung der Gesellschaft und der darin lebenden Subjekte beiträgt.

Vergangenes wird in der psychoanalytischen Perspektive Freuds nicht als von der Gegenwart vollkommen getrennte Größe identifiziert, sondern als etwas, das auch unbewusst in der Gegenwart weiterwirken kann. Um die Symptome einer Gesellschaft aufklären zu können, um der Gesellschaft damit auch „ein Bewusstsein ihrer selbst“[1] geben zu können, ist diese Auseinandersetzung mit Vergangenem eine gesellschaftspolitische Aufgabe.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird auch die gesellschaftspolitische Dimension und Relevanz religionspädagogischer Arbeit deutlich: Wenn in religiösen Bildungsprozessen Vergangenes mit gegenwärtigen kulturellen und (a-)religiösen Lebenswelten von Menschen in Korrelation gesetzt wird, kann dies auch als Beitrag zu Subjektwerdung und religiöser Mündigkeit z.B. von Schüler*innen verstanden werden.

Die Bewegung, welche in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dabei leitend sein könnte, kann man mit Freud als eine Abfolge von erinnern, wiederholen und durcharbeiten bezeichnen. Das Erinnern des Vergangenen hat keinen Selbstzweck, sondern holt etwas Vergangenes mit einer bestimmten Intention wieder: Es, so gut es möglich ist, durchzuarbeiten, d.h. Irritierendes, Verdrängtes, Verunsicherndes in kollektiven Erinnerungen präsent zu machen und es mit Fragestellungen der gegenwärtigen Subjekte zu verbinden.

Eine religiöse Bildung, die sich in diesem Fahrwasser bewegt, kann als produktive Unterbrechung selbstverständlicher Selbst- und Weltdeutungen wirken. Sie erinnert an Vergangenes, um dieses dabei zu befragen, ob es gegenwärtige Selbst- und Weltdeutungen etwa von jungen Menschen noch irritieren oder inspirieren kann und ob es Gegenwärtiges erhellen und etwa auch dabei zu helfen vermag, gesellschaftlich Verdrängtes erneut in Frage zu stellen und zu bearbeiten.

Den offensichtlichen Einwand, den man der Religionspädagogik an dieser Stelle machen könnte, bestünde darin, zu behaupten, dass es in Religionen doch immer nur um eine Auseinandersetzung mit dem Religiösen geht – wieso also dieses übertriebene Pathos, etwas zu gesellschaftlichen Emanzipations- und Aufklärungsprozessen beitragen zu wollen?

Die Antwort, die man mit Heinrich formulieren kann, besteht zunächst in einem grundlegenden Hinweis: In den Religionen geht es nie einfach nur um Religionen.

Diese Annahme ist jene fundamentale Voraussetzung dafür, um in Religionen so etwas wie Bundesgenossen für die Arbeit am ‚konkret gesellschaftlichen Allgemeinen‘ erblicken zu können. Religionen stellen für Heinrich nicht einfach in-sich-geschlossene Antwort- und Heilskonstruktionen dar. Der Berliner Religionswissenschaftler bringt diese Wahrnehmung der Religionen pointiert zum Ausdruck, indem er den Gegenstandsbereich der Religionen quasi von innen her aufsprengt:

„Um es zugespitzt zu sagen: der Gegenstand der Religionen sind nicht die Religionen; sie sprechen nicht von sich, sondern von empirischen Subjekten. Jede wissenschaftliche Beschäftigung mit Religionen wird dadurch über sie hinausgeführt: hat deren Sache, die Formulierung kollektiver Ängste und die Versuche, sie zu bewältigen, ernst zu nehmen, weil sie sich nach dem Erlöschen des Glaubens an die traditionell so genannten ‚großen Religionen‘ nicht erledigt hat, sondern aktuell geblieben [Hervorhebung D.N.] ist.“[2]

Für Heinrich scheint das ‚Ende der großen Erzählungen‘, das auch das Ende der gesellschaftlichen Dominanz der ‚großen Religionen‘ einschließt, nicht gleichbedeutend zu sein mit Ende der Wirkmächtigkeit religiöser Rituale und Erzählungen. Heinrich versucht die Religionen dahingehend zu übersetzen, dass sie Kristallisationsformen sind, in welchen lebendige Auseinandersetzungen konserviert werden: Die Aktualität der Religionen besteht darin, dass diese Auseinandersetzungen, welche Religionen durchziehen, einen Beitrag zur Hermeneutik auch postsäkularer Gesellschaften leisten können. Man könnte sagen, dass es um Formen der Übersetzung geht: Welche kollektiven Ängste und Versuche, sie zu bewältigen, werden in Religionen tradiert?

Der (religionspädagogische) Reiz liegt im Versuch, sowohl gegenwärtige als auch vergangene kollektive Ängste zur Sprache zu bringen und damit in ein gemeinsames Gespräch zu heben – auch darin kann ein Beitrag liegen, gegen die gesellschaftlich um sich greifende „Bedrohung der Sprachlosigkeit“[3] anzugehen, welche Heinrich so beschäftigt. Die Vergangenheit wird somit als eine Ressource angesprochen, um gegenwärtig noch zu einer Sprache zu finden und diese in Auseinandersetzung mit diesem Vergangenen zu entwickeln.

Heinrich spricht jedoch auch von einer Gefährdung, die im Rückgriff auf Vergangenes gerade auch für Religionen liegt. Diese Gefährdung besteht darin, das Vergangene zu verklären und es als absoluten Richtwert für moralische, gesellschaftliche oder eben auch religiöse Fragen zu installieren. „Wo immer auf Altes zurückgegriffen wird“, so schlussfolgert Heinrich, muss daher „nach der spezifischen Intention des Rückgriffs“ gefragt werden.[4] Wer und wenn man auf die „Hinterlassenschaften“ religiöser Traditionen „aus einem idolatrischen Interesse zurückgreift und sie zu Fetischen macht, die man nur zu berühren braucht, um geheilt zu sein, (…) dann tritt (…) an Stelle des Versuchs einer Rückbesinnung in der Hoffnung, Bundesgenossen in einem noch immer anhängigen Befreiungsprozeß zu finden, entweder der Bau eines Kerkers, durch den Wissenschaften sich von Realerfahrungen abschotten, oder die Suche nach glückseligen Inseln neben den realen Produktions- und Zurichtungsmechanismen.“[5]

Die Bewusstmachung, dass es verschiedene Intentionen des Rückgriffes auf Vergangenes gibt, ermöglicht der Religionspädagogik einen Zugang zu der Frage, worin das Ziel religiöser Bildung liegt und welche Intentionen der didaktischen Ausgestaltung religiöser Bildungsprozesse inhärent sind. Nicht jeder Rückgriff auf Vergangenes ist aus religionspädagogischer Perspektive gleich (d.h. neutral und wertenthoben) zu betrachten – so kann Religion zur Abschottung von der Welt, zur Sicherung der eigenen Identität dienen, oder eben als Ressource für Selbst- und Weltdeutungen postmoderner Subjekte fruchtbar zu machen versucht werden.

Diese Notwendigkeit des religionspädagogischen Nachdenkens über die spezifische Intention des Rückgriffs auf Vergangenes wird in der Auseinandersetzung mit Klaus Heinrich deutlich bewusst.


Der Autor ist Universitätsassistent (prae-doc) am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.


[1] Klaus Heinrich, Der Gesellschaft ein Bewußtsein ihrer selbst zu geben. Reden und kleine Schriften 2, Freiburg 2020 (Neuauflage).

[2] Klaus Heinrich, Psychoanalyse. Sigmund Freud und das Problem des konkreten gesellschaftlichen Allgemeinen. Dahlemer Vorlesungen 7, Frankfurt a.M. 2000, 103.

[3] Vgl. Klaus Heinrich, Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Freiburg 2020 (Neuauflage).

[4] Klaus Heinrich, Psychoanalyse, 103.

[5] Klaus Heinrich, Psychoanalyse, 104.

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