Nationalismus, Religion und Hegemonialkonflikte: Die drohende Katastrophe im Kaukasus

Das Gedenken an den Genozid der Jungtürken 1915 nimmt in der armenischen Kultur einen zentralen Ort ein: Genozidgedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan.

Thomas Schmidinger gibt einen informativen Einblick in eine politisch, historisch und kulturell äußerst komplexe Situation.

Dass eingefrorene Konflikte jederzeit wieder eskalieren können, wenn sich das internationale Kräftegleichgewicht verschiebt, demonstriert der aktuelle Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan um die umstrittene Bergregion Nagorny-Karabakh, wie die flexible Nutzung vor Religion und Konfession zur Mobilisierung.

Mehrheitlich armenisch besiedelt, stellte die Region Nagorny-Karabakh in der Sowjetunion eine autonome Region innerhalb der Aserbeidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik dar. Noch vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden ArmenierInnen in Aserbeidschan Opfer von Pogromen. Bis dahin hatten ArmenierInnen nicht nur in Nagorny-Karabakh gewohnt, sondern auch in der Aserbeidschanischen Hauptstadt Baku, in Sumgait, der Region Nachitschenwan oder Kirowabad, das heutige Gəncə. Über 200.000 ArmenierInnen lebten in den 1980er-Jahren noch allein in Baku. Die Pogrome gegen ArmenierInnen in Sumgait und Kirowabad 1988 und Baku 1990 verschärften bereits bestehende Autonomieforderungen der ArmenierInnen in der zu über 77% von ArmenierInnen bewohnten Region Nagorny-Karabakh, die am 3. September 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte. Aserbeidschan hob daraufhin die Autonomie der Region auf. Ein militärischer Konflikt zwischen den neuen, unabhängigen Republiken Armenien und Aserbeidschan endete mit dem Armenischen Sieg und der Eroberung eines etwa doppelt so großen Gebietes durch Armenien. Nicht nur fast die gesamte ehemalige Autonomieregion Nagorny-Karabakh, sondern auch der dazwischen liegende, mehrheitlich von Aseris und KurdInnen bewohnte Latschin-Korridor wurden von armenischen Truppen besetzt.

Nach der armenischen Eroberung Nagorny-Karabakhs wurden von dort muslimische AserbeidschanerInnen und KurdInnen vertrieben. Obwohl Aseris, anders als die Osmanen, Schiiten sind, schwingt in dem Konflikt auch die unbewältigte Geschichte des Genozids von 1915 mit, da die Türkei sich zunehmend als Schutzmacht der ebenfalls turksprachigen Aseris verstand. Auf der anderen Seite bildete Russland lange die Schutzmacht Armeniens und der Iran rückte trotz gemeinsamer schiitischer Religion mit dem wachsenden türkischen Einfluss auf Aserbeidschan immer mehr auf die Seite Armeniens.

Religion und Nation

Religion spielte seither gemeinsam mit Nationalismus immer wieder eine Rolle als mobilisierendes Element, das allerdings kaum von der Nation zu trennen war. Für ArmenierInnen bildet das armenische Christentum einen integralen Bestandteil ihrer Nation. Selbst völlig atheistische ArmenierInnen, die keinerlei persönlichen Bezug zu Religion haben, betrachten sich kulturell als ChristInnen und sehen im Christentum einen zentralen Eckpfeiler der armenischen Identität. Aber auch Aserbeidschan sah im Christentum der ArmenierInnen ein zentrales Element des Feindes. So flohen nicht nur armenische ChristInnen aus den aserbeidschanisch kontrollierten Regionen, sondern auch andere christliche Minderheiten, wie der Großteil der christlichen Uden (UdinInnen), deren Sprache – eine Spätform der mittelalterlichen Alwanischen Sprache – durch die folgende Assimilation der Muslime an das Aseri und der Christen an das Armenische heute stark bedroht gilt. Etwa 3000 christliche Uden waren 1991 aus der heute Oğuz genannten Stadt Aserbeidschans vertrieben worden und leben heute in Armenien. Umgekehrt flohen aus Armenien und den nun armenisch besetzten Gebieten Aserbeidschans fast alle Muslime, darunter nicht nur Aseris, sondern auch muslimische KurdInnen, während die ebenfalls kurdischen Êzîdî‎ bis heute in Armenien präsent sind und sich sogar an den aktuellen Kämpfen mit Aserbeidschan beteiligen.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass alle ChristInnen aus Aserbeidschan oder alle Muslime aus Armenien vertrieben worden wären. In der armenischen Hauptstadt Jerewan gibt es bis heute eine vom Iran verwaltete schiitische Moschee, die vor allem von iranischen StudentInnen aufgesucht wird. In Aserbeidschan gibt es bis heute kleinere russisch-orthodoxe Gemeinden und Molokanen, die sich im 18. Jahrhundert von der russisch-orthodoxen Kirche abgespalten haben und partielle Ähnlichkeiten zum Protestantismus aufweisen. Vor knapp 20 Jahren gründete sich schließlich in der aserbeidschanischen Stadt Nij zudem eine eigene Udisch-albanische Kirche in Aserbeidschan, um die verbliebenen christlichen UdinInnen von der armenisch-apostolischen Kirche loszulösen. Als die alte Kirche des Heiligen Elisæus in Nij 2004 renoviert wurde, wurden armenische Inschriften absichtlich zerstört, um jede historische Verbindung der kaukasischsprachigen UdinInnnen mit den ArmenierInnen zu vernichten. Historisch waren die meisten christlichen UdinInnen nach dem Niedergang ihrer eigenen Kirche ab dem 8. Jahrhundert nämlich überwiegend Teil der armenisch-apostolischen Kirche geworden.

Transnationale Hegemonialkonflikte

Bis 2018 stand Armenien massiv unter dem Einfluss Russlands, die samtene Revolution brachte jedoch mit Nikol Paschinjan einen prowestlich orientierten Ministerpräsidenten an die Macht, während zugleich der Einfluss der USA und Europas in der Region schwand. Die unberechenbare Außenpolitik der USA unter Trump und die Erpressbarkeit der vor Flüchtlingsangst zerfressenen EU gegenüber der Türkei machten das Vorhaben einer Westorientierung genauso unrealistisch, wie die mit den Öl- und Gaseinnahmen finanzierte Aufrüstung Aserbeidschans. Die frühere Schutzmacht Russland sieht nun wiederum zu und betrachtet den Angriff Aserbeidschans als Möglichkeit, Armenien eine Lektion zu erteilen. Angebliche Waffenlieferungen des Iran an Armenien nimmt Israel wiederum zum Anlass, Aserbeidschan zu beliefern und die Türkei hat ohnehin von Anfang an jihadistische Söldner aus Syrien nach Aserbeidschan gebracht. Diese fordern nun von der schiitischen Lokalbevölkerung, die einen postsowjetischen Säkularismus gewohnt ist und durchaus auch Wein und Schnaps nicht abgeneigt ist, die Einhaltung dessen ein, was sie unter Scharia verstehen. Sunnitische Islamisten kämpfen damit nicht nur an der Seite säkular-nationalistischer Schiiten, sondern ecken auch an deren Lebensgewohnheiten an.

Militärisch entscheidender als die Söldner aus Syrien dürfte allerdings die Militärtechnologie der Türkei sein. Aserbeidschan setzt seit Beginn des Krieges massiv auf Drohnentechnologie, die die Türkei an die „Türkischen Brüder“ geliefert hat und selbst teilweise aus Israel bezogen hat.

Eine solche Konstellation ist explosiv und verschärft den gesamten Regionalkonflikt enorm. Ohne einen robusten Mediator von außen droht der Krieg diesmal zu einer humanitären Katastrophe zu werden. Sollte Aserbeidschan, das sich derzeit militärisch im Vorteil befindet, die Republik Arzach, wie sich die seit bald 30 Jahren unter armenischer Kontrolle befindliche abtrünnige Region Aserbeidschans heute nennt, tatsächlich erobern, würde wohl niemand von den knapp 150.000 dort lebenden ArmenierInnen in der Region bleiben können.

Thomas Schmidinger ist Politikwissenschaftler und Kultur- und Sozialanthropologe in Wien.

Foto von Thomas Schmidinger.

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