Die Angst vor dem Weiblichen als verdrängte Realität der Spaltung des Männlichen

Bild: Courtesy Klaus Heinrich und Galerie Klaus Gerrit Friese, Berlin, via sueddeutsche.de
Zeichnung von Klaus Heinrich

Julius Günther gibt im dritten Teil unserer Reihe zu Texten Klaus Heinrichs eine Vorstellung von und Anmerkung zu Klaus Heinrich: Von Nutzen und Nachteil der Spaltung — Religionsphilosophische Erörterung eines gattungsgeschichtlichen Symbols.

Der im ça-ira-Verlag erschienene Band „anfangen mit freud“ von Klaus Heinrich stellt als dritten Text Heinrichs Überlegungen zum psychoanalytischen Begriff der Spaltung vor, den er religionsphilosophisch auf seine mythologische und christologische Tiefendimension hin öffnet und daraus einen Problemhorizont bestimmt sichtbar macht, der sich in mancher zeitgenössischen Institution zwar bekannt, aber unbeachtet manifestiert.

Das Phänomen Spaltung

Was haben griechische Mythologie, Platons „Symposion“, spätantike christliche Dogmenbildung und römische Apotheosenphantasie gemeinsam? Heinrichs Antwort hierauf kommt einer scharfen Diagnose gleich: sie alle spalten ab. Dem Wesen des Vorgangs der Spaltung entsprechend, der als eine psychische Radikalisierung der Verdrängung skizziert werden kann, ist das Abgespaltene (sobald es ein solches ist) unbewusst. Vom Abgespalteten bekommt der Organismus, der den Vorgang der Spaltung vollzogen hat, erst im Nachhinein wieder etwas mit. Insofern nun Heinrich die Geschichte der (Gattung der) Menschheit als einen solchen spaltenden Organismus betrachtet, sind die Überbringer der vielleicht nicht gewollten, aber dennoch wahren Botschaft dieser Spaltung Propheten, Philosophen oder Psychoanalytiker. Dieselbe Bestimmung andersherum formuliert, um deren Pointierung noch deutlicher sichtbar zu machen, lässt sich sagen, dass die gesamtsystemische Funktion von „echten“ Propheten, Philosophen und Psychoanalytikern darin besteht, auf eine Spaltung (in) der Gattung hinzuweisen, was auch einsehbar macht, warum gerade diese als schismatische Häretiker bezeichnet wurden.

Dogmatik und Häresie

Im Moment der Bewusst-Machung einer Spaltung (welche einer „Unbewusst-Machung“ gleichkommt) trifft den Betreffenden das gleiche Schicksal wie sein Anliegen: er wird abgespaltet, da sich der spaltenden Organismus paradoxerweise gerade vom Bewusstsein seines Spaltens spaltet, um nichts von seinem Spalten wissen zu müssen. Wer auf eine Spaltung aufmerksam macht, kann unversehens als der Urheber der Spaltung angeklagt werden. Denn insofern der Akt des Spaltens vom „wahren“ spaltenden Subjekt selbst mitabgespaltet wird, wird dieser Akt im Folgenden auf das Abgespaltete projiziert. Die Abspaltung könnte allerdings auch als ein Heilungsversuch der Selbstimmunisierung gedeutet werden, der hier aber seiner paradoxen Bewegung entsprechend einer kontinuierlichen Vergiftung gleichkommt, die stets aufs Neue sterilisiert werden muss. Konkreter macht dies Heinrich anhand der (christlichen) Dogmenbildung sichtbar, bei der – in seinen Worten – Spaltung als ein Mysterium der Nicht-Spaltung umkreist wird. Letztlich gelten Schismen als zu vermeidende Realität, die nur qua Dogma gebannt werden kann. Ironischerweise ist das christologische Dogma des Wesens Christi dabei selbst die Realität einer Spaltung in zwei Naturen, Willen oder Momente von Drei-Einigkeit. Gerade um die höchste Einheit sowohl Gottes als auch der sich auf jenen berufenden Gemeinschaft zu garantieren, benötigt es den Vorgang, der vermieden werden soll. Bemerkenswert ist hierbei, dass die eine Hälfte des Resultats einer Spaltung häretisch, die andere orthodox, die Spaltung selbst aber infolge dogmatisch ist. Mit methodisch wertvoller Naivität fragt Heinrich, wie es zu einer solchen Konstellation kommen konnte, und findet hierauf in den antiken Vor-Bildern der Wesensbestimmungen des Göttlichen und Archaischen folgenschwere Weichenstellungen.

Hesiod und Platon als Meister des Spaltens?

So stellt sich heraus, dass das Freudsche innerpsychische Paradigma des Ödipus gleichsam ein Beispiel seiner selbst ist, insofern die wesentlichen strukturellen Momente des populären Komplexes die (griechische) Mythologie bereits ab ihren frühsten und tiefsten Schichten prägen. Demnach findet sich schon in den ersten Passagen der Theogonie ein inzestuöses Verhältnis der drei Ursprungsmomente des werdenden Kosmos: Chaos und Gaia sind qua Eros miteinander verbunden und zugleich gespalten in die Prototypen des Männlichen und Weiblichen, die sich als Uranos und Urania manifestieren werden. Eine weiteres Beispiel für Spaltung beschreibt Heinrich mit der Apotheose des Hercules, bei der der sterbliche Leib vom zu vergöttlichenden Geist abgespaltet und somit die mütterliche Erde der Endlichkeit sowie der väterlichen Himmel der Unendlichkeit vindiziert wird. Am emphatischsten ist die Spaltung der Geschlechter, die als die ursprünglichste Spaltung der Gattung Mensch erscheint, welche in der platonischen „Gastmahl“-Erzählung des Aristophanes herausgehoben wird: aus drei Arten von Kugelmenschen (Frau-Frau, Mann-Frau/Frau-Mann, Mann-Mann) wird qua Spaltung die Verschiedenheit der menschlichen Erotik mit dem namentlichen dreigeschlechtlichen Eros erklärt. Nach der Spaltung in die drei möglichen Paarungen sucht jeder Teil seine/ihre jeweilige komplementäre Ergänzung. Zu betonen ist hier nun aber, dass nicht die geschlechtliche Dualität, sondern nur eine Seite der beiden abgespaltet wird, insofern allein in der Dopplung der anderen Hälfte wahre Einheit stattfinden kann. Abgespalten wird die Weiblichkeit und verdoppelt die Männlichkeit: So kann nach Platons Erzählung nur eine männlich-männliche Paarung wahrhaft dem ebenso wahrhaft Einen entgegenstreben. Dabei wird sowohl die Weiblichkeit ab– wie die Männlichkeit für und qua Verdopplung ge-spalten. Die Spaltung des Männlichen ersetzt in diesem Sinne das Weibliche und kann ebenso umgekehrt formuliert werden: Die Abwesenheit (mit und nach Abspaltung) des Weiblichen ist einer männlichen Selbstzerspaltung gleichgesetzt.

Ist das Weibliche nur optional?

Nehmen wir die inzestuöse Konfiguration der Theogonie mit dem platonischen Mythos zusammen, präsentieren sich in der Ideengeschichte auftauchende Bestimmungen beinahe schon von selbst. So kann das Männliche aus sich selbst heraus sich (bzw. ein weiteres Männliches) produzieren bzw. gebären, wofür das christologische Dogma der innertrinitarischen Beziehung von Vater und Sohn den Titel Zeugung bereitstellt. So lässt sich überhaupt erst denken, wie und dass ein Sohn aus einem Vater hervorginge, dabei eine Mutter gleichsam optional, wenn nicht überflüssig, wäre und gleichsam nur mehr dem Überschuss des Männlichen entspringend also selbst als ein Geschaffenes Wesen fungiert. Was Platon dem rein-männlichen Mysterium der Philosophie, das reserviert die frühe christliche Dogmatik der Theologie der sogenannten Väter alleine der Dynamik von Vater und Sohn, welche die männlich-männliche Paarung der wahrhaften Einheit Platons wiederholt ausspricht. In beiden Fällen ersetzt eine männliche Spaltung sowohl eine weibliche Realität sowie deren wesentliches „Charakteristikum“ der Möglichkeit einer leiblichen Geburt. Spaltung statt Geburt, „herrlich“ statt „dämlich“ lautet demnach das von Heinrich entdeckte geheime Dogma einiger gewichtiger Quellen der Kultur des Abendlandes.

Angst als Grund der Spaltung

Doch wieso, so könnten wir fragen, überhaupt die Notwendigkeit das Weibliche abzuspalten, woher der männliche Geburtsneid? Heinrich stellt hier eine Angst an den Anfang, die sich indirekt als Negativ der Abwehr, die sie vermeiden soll, abzeichnet. Die (dogmatischen) Abspaltungen sollen demnach Todlosigkeit garantieren bzw. diese bruchlos zugänglich machen und gleichzeitig eine Reinheit garantieren, die nur in einer Isolierung des Männlichen auf sich möglich sein darf. Sind wir Teil der „wahren Institution“ (welche diese näherhin auch immer sein mag, wie etwa jegliche „Schule“ der Psychoanalyse oder einer der „katholischen“ oder überhaupt „christlichen“ Kirchen oder noch fundamentaler „Religionen“ überhaupt) und nicht nur Stückwerk einer abgespalteten (schismatischen) Gruppierung, ist auch das versprochene Heil gepachtet wie versichert. Die immer spezifischere Spaltung, die sich auch in den begrifflichen Feindifferenzierungen manifestiert, die zu ontologischen Wirklichkeitsbekenntnissen gerinnen, ist Werkzeug und Ersatz zugleich. Es ist Werkzeug der Immunisierung gegen das Falsche, Tote, Heillose, zu Verdammende und im Fall der Geschlechter – Weibliche. Es ist Ersatz für die leibliche Geburt, die unter eine schmerzfreie geistige subsumiert wird und mit einem Schlag auch den Nachteil der wirklichen Geburt – den Tod, die Verletzbarkeit und Endlichkeit des Geborenen – zu vermeiden weiß. Letztlich wird damit allerdings, selbst im „bloß“ christlichen Rahmen gesprochen, die Inkarnation und Menschwerdung unterhalb der ewigen Zeugung des Sohnes aus dem Vater gesetzt und damit eine unvermeidbare Entfremdung der Menschheit gegen sich selbst perpetuiert, die sich in einer grundlegenden Problematik mit dem und gegen das Weibliche zeigt.


Julius Günther promoviert in Wien zu Schelling und forscht zu psychoanalytischen Themen.

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