Über Klaus Heinrich: Sucht und Sog

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Zeichnung von Klaus Heinrich

Beginnend mit Sommer 2020 werden die Werke des Berliner Religionswissenschaftlers und Religionsphilosophen Klaus Heinrich bei ça ira (Freiburg/Wien) neu aufgelegt und bisher unveröffentlichte Schriften publiziert. Das RaT-Team nimmt die mit einem neuen Nachwort versehene Zweitauflage von „anfangen mit Freud. Reden und kleine Schriften I“ zum Anlass, um in ein Gespräch mit einem Werk einzutreten, das nicht nur reich an Bezügen ist, sondern auch Motive der Religionsgeschichte konsequent als (partiell gelingende) Versuche einer Zeit, sich ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben, interpretiert. Mit Klaus Heinrich werden Herakles, die biblischen Propheten, Lukrez, Francis Bacon, Hegel, Freud und viele andere zu Bundesgenossen in dem Bemühen einer Gesellschaft um Selbstaufklärung. (Einleitung von Jakob Deibl)

Martin Eleven macht sich diese Woche über Klaus Heinrichs Analysen zu den Selbstzerstörungsprozessen unserer Gesellschaft Gedanken.

Ausgangspunkt des hier referierten Textes von Klaus Heinrich bilden die Selbstzerstörungsprozesse unserer Gesellschaft. Der große Verdienst dieses 1993 gehaltenen Vortrags welcher – abgedruckt in anfangen mit Freud – im ça ira-Verlag neu erschienen ist, darf nicht nur darin gesehen werden, dass Heinrich in kritischer Manier auf die aktuellen Selbstzerstörungsprozesse unserer Konsumgesellschaft aufmerksam macht, sondern, dass er den Versuch unternimmt, dazugehörige Einzelphänomene (wie im vorliegenden Fall die Sucht) über ihre symptomatische Engführung hinaus, wieder in ihrem kulturhistorischen Zusammenhang lesbar zu machen. Dabei gelingt es ihm, die Sucht als ein derartiges Phänomen, einer vorschnellen (pathologischen) Kategorisierung zu entziehen und wieder in einem breiteren Kontext einzubetten. Heinrich beweist in diesem Text einmal mehr seine Bewandertheit in der abendländischen Geistesgeschichte und durchquert in seinen Analysen Psychoanalyse, Philosophie und Literatur gleichermaßen.


Zunächst geht es ihm dabei aber weniger um die Frage, ob das Phänomen der Sucht gesellschaftlich determiniert ist, noch spielt das triviale Diktum, der Rausch gehöre zur anthropologischen Konstante des Menschen, hierbei eine besondere Rolle – bekanntlich wird angenommen, dass seit den Anfängen der Menschheit Substanzen konsumiert wurden, die eine berauschende Wirkung hatten, und dass diese auch für rituelle Zwecke von Bedeutung waren. Klaus Heinrich geht es aber um Weitreichenderes. Er spürt dem Niedergang des Fortschrittglaubens im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nach und zeigt dabei, wie an Stelle desselben Phantasien der Selbstauslöschung treten, die in enger Verbindung mit der Suchtthematik gedacht werden müssen. Das Phänomen der Sucht sieht Heinrich eng mit dem Phänomen des Sogs verknüpft, will heißen, die Sucht findet ihren Reiz in einem Verlust und einer Art Entgrenzung des je Eigenen. Sog meint hier – wie es uns beispielsweise in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts begegnet (Heinrich führt hierfür Jules Vernes phantastische Erzählungen an sowie die Werke Edgar Allan Poes) – die Faszination des Hineingezogenwerdens in einen Abgrund, den der Mensch nicht mehr zu überblicken vermag.


In mehreren Anläufen zeigt Heinrich, wie diese Verbindung von Sucht und Sog ihre Vorläufer bereits in (den lebensphilosophischen Entwürfen) der europäischen Geistesgeschichte hat (zu denken wäre hier an Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche sowie später an Wilhelm Dilthey). Der moderne Mensch steht im Wiederstreit: Auf der einen Seite dem Erbe der Aufklärung verpflichtet, eine vernunftbegründete Welt trotz Limitationen unserer Erkenntnis (sowie der Last der Endlichkeit) selbst gewährleisten und verantworten zu müssen, drängt es ihn auf der anderen Seite nach Entgrenzung und Verlust des eigenen Ichs. Verschmelzungs- und Todessehnsucht werden zum literarischen Programm, der Mensch leidet an einer Welt, die auseinandergebrochen ist; alles ist von Trennungen und Gegensätzen durchwaltet, eine Einheit ist nicht mehr auffindbar (Gott als letzter Referent und Fluchtpunkt menschlichen Denkens und Handelns verliert an Plausibilität). Folgerichtig kommt Heinrich auch auf jenen Denker zu sprechen, der vielleicht wie kein anderer polarisiert und dessen Philosophie bis heute von politischer Brisanz ist: Martin Heidegger. Heinrich verortet „Heideggers Fundamental(istische)-Ontologie“ genau in diesem Bereich des Widerstreits, wobei ihm Heidegger dabei zum exemplarischen Fall wird, welche destruktiven Irrungen ein Denken annehmen kann, verschreibt es sich ganz einer Bewegung (Heinrich spielt in seinem Text mit dem Substantiv Bewegung auch auf die Bewegung des Nationalsozialismus an). Heidegger gilt Heinrich dabei als Seismograph einer Epoche, die fasziniert und gebannt ist vom Sog des Abgrunds. Heideggers Ereignis-Philosophie, das Mithineingenommen-sein in die Bewegung und das Geschick des Seyns, zeichne etwas vor, was ebenso für das Streben des Süchtigen und dessen „leerlaufenden Begehrensprozess“ charakteristisch ist, nämlich den Versuch, auf dem Weg zur Vereinigung alles beiseite zu schaffen. Bei Heidegger geht es freilich darum, abzusehen von allem Seienden in der Art der Bestimmbar- und Beherrschbarkeit und so vorzubereiten für das Gewahrwerden der Wesung des Seyns, der Süchtige darüber hinaus, möchte sich schlichtweg ganz der Sogbewegung hingeben.


Halten wir hier ein wenig inne und sehen uns Heinrichs Kritik am Ereignis-Denken ein wenig näher an. Von besonderer Brisanz ist für ihn vor allem die Nähe von Heideggers Ereignis-Denken zum Katastrophischen, denn so vordergründig gelassen, wie dieses erscheinen mag, ist es bei weitem nicht. Heinrich hat Recht, wenn er auf dessen „ent-setzende“ Kraft aufmerksam macht. Das Ereignis, in seiner Gewalt, wenn man so möchte, hebt alle vorherigen „Setzungen“ auf, d.h., die bisherigen Zusammensetzungen und Verweisungszusammenhänge, in denen sich der Mensch vorfindet (welche dieser heute oftmals schon gar nicht mehr zu überblicken vermag) werden aufgebrochen. Das Verlangen nach „Ent-Setzung“ wird Heinrich zum Synonym für die modere Form der Ereignis-Sucht, welche durch das Angebot der medialen Welt – mit ihrer Möglichkeit an virtuellem Rückzug – noch verstärkt wird; die Lust am Katastrophischen hat den sexuellen Reizen bereits den Rang abgelaufen. Bei all der Richtigkeit, die man Heinrichs Überlegungen zusprechen kann, bleibt hier doch jegliche Form einer Ereignis-Philosophie negativ konnotiert, und so wird vielleicht auch das Potenzial, das ein derartiges Denken mit sich bringen kann, übersehen. Blickt man beispielsweise in die gegenwärtige Diskurslandschaft, so ist der Begriff des Ereignisses nicht nur mit Heidegger verbunden, sondern auch in der französischen Gegenwartsphilosophie von Bedeutung, deren wohl zurzeit am meisten diskutierter Exponent Alain Badiou heißt. Bei ihm, nicht unähnlich dem Denkweg Heideggers, geht es ebenso um die Neuartikulation einer Ontologie, die sich auf der Höhe ihrer Zeit befindet, jedoch mit dem wesentlichen Zusatz, dass dies mit Rückgriff auf die Mathematik geschieht und er sich entschieden der „Linken“ zuordnet. Bei Badious Ereignis – gerade entgegen Heinrichs These von der Katastrophen-Sucht – geht es aber nicht um die Auslöschung jeglicher Subjektivität im Schlund des Sogs, sondern gerade um den Umschlag, oder vielleicht besser gesagt, die Transformation bisheriger Verhältnisse, die sich erst durch ein dem Ereignis entwachsendes (und diesem die Treue haltendendes) Subjekt einstellt. Zwar ließe sich hier mit Heinrich – und vielleicht wäre dies auch sein Einwand – von einer Faszination für das Abgründige (im Sinne eines nicht im Vorhinein kalkulierbar und kausal rückführbaren Realen) sprechen, welcher Heinrich in seinem Text gekonnt nachspürt, jedoch scheinen mir hier seine Überlegungen auch eine Grenze zu erreichen. Denn das Ereignis ist nicht nur – wie Heinrich es sieht – verklärter Ort des Mysteriums und Schlund, welcher jegliche Form von Subjektivität in sich hineinsaugt, es ist vielmehr auch der (notwendige) Bruch innerhalb einer gegebenen Ordnung, die in unseren Tagen einen nihilistischen und „rasenden Stillstand“ (P. Virilio) erreicht hat.


Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ließe sich vielleicht auch sagen, dass die Versuche jener „süchtigen Subjekte“ (derer es unserer Gesellschaft nicht ermangelt) auszusteigen, nicht nur im Sinne einer phantasmagorischen Erfüllung des eigenen Genießens (bis in den Tod) verstanden werden können, sondern auch einen revoltierenden Aspekt zum Ausdruck bringen. Dies mag Heinrichs abschließenden Überlegungen im Text nahekommen, denn auch er sieht die Möglichkeit das Verhalten der Süchtigen nicht allein auf gesellschaftliche Prozesse und deren Endzeitphantasien zurückführen zu müssen. „[…] es wäre vorschnell, zu urteilen, sie agierten nur deren Probleme aus, steuerten nur eben auf ihre eigene, private Katastrophe zu.“ Es ließe sich nämlich hierin auch ein erster – wenn auch verzweifelter – Versuch sehen, mittels Sucht einer Gesellschaft zu entkommen, für die die Erfüllung (durchaus auch im Sinne der „Unsterblichkeit“) des eigenen Verlangens zum höchsten Maßstab geworden ist. Mit dieser abschließenden Ambivalenz hält Heinrich seine Überlegungen offen und bietet so den Raum, um in ein gemeinsames Gespräch einzusteigen; es sei ihm dafür gedankt.


Martin Eleven MA ist Organisationsassistent bei RaT und forscht zu Psychoanalyse, Philosophie und Religion.

Bildquelle: https://www.ca-ira.net/verlag/klaus-heinrich/

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