Religion und Krieg

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Thomas Schulte-Umberg vom Institut für historische Theologie der Universität Wien gibt einen aktuellen Einblick in ein stets virulentes Thema.

In der zweiten Hälfte 1960er Jahre geschah in den von vornehmlich irischer Einwanderung geprägten Vierteln Chicagos etwas ungeheuerliches, undenkbares, noch nie dagewesenes. Katholische Priester und Nonnen, von ihnen gehörten viele Schulorden an, protestierten mehrfach gegen Rassismus und auch den Vietnam-Krieg, versicherten, „Jesus wants Peace, not War“. Die Reaktion der Masse katholischer Zuschauer war eindeutig, Priester und Nonnen wurden beschimpft, in einem Fall eine Nonne von einem Stein zu Boden gestreckt. All das war im Kosmos des amerikanischen Katholizismus unerhört und hatte zudem die Pointe, dass sich unter den empörten Zuschauern Eltern befanden, die noch vor wenigen Jahren von ihren Kindern belehrt wurden, ‚Sister‘ hätte im Unterricht dies und jenes als im strengkatholischen Sinn unerlaubt bezeichnet, was die Eltern da so in ihrem Alltag praktizierten.

Die Geschichte hat mehr als nur anekdotische Bedeutung. So war etwa das katholische Schulsystem in den USA, das größte private Schulsystem der Welt, unter großen Mühen seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden unter der Prämisse, entgegen protestantischer Dominanz den eigenen Glauben und die eigene Lebensweise zu verteidigen und zu entfalten. Es wurde eine ‚Do-it yourself‘, keine staatliche Unterstützung verlangende Erfolgsstory; freilich eine im kommunitär denkenden katholischen ‚Spirit‘, die vielen Menschen sozialen Aufstieg ermöglichte. Katholiken waren in den USA auch dadurch seit den 1940er Jahren in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht zuletzt standen sie, Umfragen belegen es, in ihrem Patriotismus niemanden nach. Die daraus resultierende Unterstützung für das amerikanische Engagement in Vietnam wurde gestärkt durch die Tatsache, dass viele Hunderttausende Katholiken aus Nord-Vietnam vor dem kommunistischen Regime flohen. Keine Frage, auf wessen Seite amerikanische Katholiken standen oder stehen sollten. Dieser Krieg schien ein gerechter.

Bekanntlich änderte sich diese Haltung seit den 1960er Jahren grundlegend und dauerhaft. Neben einzelnen markanten Persönlichkeiten wie den Gebrüdern Berrigan oder Netzwerken wie „Clergy and Laity concerned about Vietnam (CALCAV)“ wären langfristige, wiederum durch Umfragen belegte massive Änderungen im Verhältnis zum Krieg hervorzuheben. Ein Ausdruck des letzteren ist, dass die amerikanischen Streitkräfte bis heute ihre Probleme haben, eine hinreichende Zahl an katholischen Militärseelsorgern zu gewinnen. Die zahlreichen Lehraussagen amerikanischer Bischöfe zu den Themen „Krieg und Frieden“ seit den 1970er Jahren waren differenziert, wuchtig und in ihrer Wirkung eindeutig. Um es zusammenzufassen: Einen Krieg, der ein gerechter, d.h. im traditionellen Sinn unter bestimmten Bedingungen erlaubter war, schien es eigentlich nicht mehr geben zu können und zu dürfen.

Was den Wandel des amerikanischen Katholizismus seit den 1960er Jahren bewirkt hat ist in Facetten und Teilaspekten erforscht, im Großen und Ganzen aber wohl immer noch nicht recht verstanden. Fest steht jedoch, unbeschadet der amerikanischen Kriege seit den 1990er Jahren, ein fundamentaler Wandel in den Einstellungen zu Krieg und Frieden. Und das nicht nur in den USA, sondern bei vielen Christen weltweit. Oder etwa nicht?

In einem bewegenden Buch zu den seelischen Kriegsfolgen bei US-Soldaten im zweiten Irakkrieg lässt der amerikanische Journalist David Wood einige Militärgeistliche zu Wort kommen. Sie üben, nach Berufsgeist und persönlichen Eigenschaften variierend, ihre Aufgaben dicht bei der Truppe aus, werden unmittelbar mit Verwundung, Tod, Verlust von Kameraden, Schuld, Verrat seitens Vorgesetzter, Kriegsverbrechen, Versagen, Zweifeln am Tun konfrontiert. Das Buch beginnt mit der Schilderung eines konsolatorischen Reinigungsrituals. Ein Militärgeistlicher versammelt in einer improvisierten Kapelle die Männer einer Einheit, deren Tour im Irak endet, und fordert sie auf, ihre Erlebnisse der vergangenen zwölf Monaten kurz auf Karteikarten zu notieren. „Write down want you want to leave behind …“ In einem steinernen Taufbecken werden die gesammelten Karten verbrannt, ein Versuch, mit der Bewältigung der Kriegstraumata hier und jetzt zu beginnen.

Dieser Akt lässt sich leicht verkleinern, als Instrumentalisierung von Religion in einem Krieg bezeichnen, der sicherlich falsch, von Verbrechen begleitet war, wie vielleicht überhaupt alle Kriege es sind oder waren. Eine solche Haltung baut auf dieser Seite des Atlantiks freilich auf Verdrängungsmechanismen auf. Erst die Kehrtwende der christlichen Kirchen in Westeuropa im Verhältnis zum Krieg seit den 1960er Jahren ließ bei der Mehrzahl der Gläubigen ein Kriegsanstrengungen beförderndes Wirken in der Vergangenheit als Sünde gegen das Wesen des Christentums erscheinen, etwas, das nun zum Glück wahrhaft vergangen war und getrost als abgetan behandelt werden sollte. Wer so argumentiert, vergisst die eigene Geschichte und das fundamentale Potential von Religion im Krieg.

Gewiss, im Gedenken an den Ersten Weltkrieg ging es nochmals um kriegsverherrlichende Prediger, Sakralisierungsstrategien, waffensegnende Geistliche (ja, es gab sie), Tiroler Frömmigkeit im Krieg, den Rosenkranz im Schützengraben und anderes mehr. Was den Kern der Rolle von Religion in diesem Krieg – und in anderen Kriegen – ausmacht, wird eher weniger gefragt. Religion war und ist im Krieg ein ‚Moralvervielfältiger‘, wichtig für das Durchhalten, das Leben und Sterben, die Beständigkeit und Auflösung von Kollektiven, für die Bearbeitung der Folgen des Krieges, den Krieg bekräftigend und begrenzend. Unbeschadet der Frage nach der Erlaubtheit von Kriegen wird Religion in diesem Sinn immer in Kriegen eine Rolle spielen, sei sie offen präsent oder nicht. Schreibt der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan im Sommer 2014: „Seit im Donbass Krieg ist, bin ich mit vielen echten Kaplanen in Berührung gekommen. Sie sind scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, früher, vor dem Krieg, hat es sie einfach nicht gegeben. Aber vor dem Krieg hat es auch keinen Krieg gegeben.“

Abbildung von Daniel Berrigan: copyright AP Photo / Ron Frehm

Thomas Schulte-Umberg ist Universitätsassistent (Post-Doc) am Institut für Historische Theologie, Katholisch-Theologische Fakultät und Mitglied des Forschungszentrums „Religion and Transformation in Contemporary Society“ der Universität Wien. Er forscht zum Thema „Religion und Kriegsmoral im 20. Jahrhundert“, derzeit mit Schwerpunkt Erster Weltkrieg. Zusammen mit Angela Kallhoff hat er das Themen-Heft „Moralities of Warfare and Religion“ des „Journals for Religion and Transformation in Contemporary Society“ herausgegeben.

 

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