Der gerettete Retter: Mose und die Frauen in Exodus 1-2 in patristischen und rabbinischen Interpretationen

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Ao. Univ.-Prof. Agnethe Siquans stellt in ihrem Beitrag Interpretationslinien des Buches Exodus dar, die auf die jeweilige Rolle der handelnden Frauen hin gelesen werden.

Die ersten beiden Kapitel des biblischen Buches Exodus erzählen von der Vermehrung des Israeliten in Ägypten und vom Versuch der Ägypter, diese einzudämmen, sowie von der Geburt, Gefährdung und Rettung des Mose.Nach der Ermordung eines Ägypters flieht Mose nach Midian, wo er den sieben Töchtern des Priesters Jitro begegnet, von denen er eine, Zippora, später heiratet. In den Anfangskapiteln des Exodusbuches spielen Frauen eine bedeutende Rolle. Im weiteren Verlauf der Erzählung verschwinden sie fast völlig aus dem Text. In Ex 1 und 2 sind es die beiden Hebammen Schifra und Pua, die Mutter und die Schwester des Mose, die Tochter des Pharaos und die sieben Töchter Jitros, die die Geburt, Kindheit und Jugend des Mose begleiten. Einige davon sind wesentlich daran beteiligt, dass er überhaupt überlebt. Die Hebammen leisten gewaltlosen Widerstand und weigern sich, dem Befehl des Pharaos, die männlichen Neugeborenen der Hebräer zu töten, Folge zu leisten. Die Mutter versteckt den Säugling drei Monate lang und setzt ihn dann in einem Binsenkörbchen auf den Nil. Die Tochter des Pharaos scheint sich um die Befehle ihres Vaters ebenfalls kaum zu kümmern und holt den kleinen Knaben aus dem Fluss, wobei sie sofort erkennt, dass es sich um ein hebräisches Kind handelt. Seine Schwester beobachtet die ganze Szene und bietet schließlich der Pharaonentochter an, eine hebräische Amme für das Baby zu holen. So ist Mose zunächst gerettet und kann unter dem Schutz der Frauen aufwachsen. Der gewaltlose Widerstand der Frauen gegen die geballte Macht des ägyptischen Königs macht dies letztlich möglich.

Moses erster Kontakt mit der Außenwelt, mit dem Konflikt zwischen ägyptischen Herren und hebräischen Sklaven führt zu einer neuerlichen Bedrohung. Nachdem Mose einen ägyptischen Aufseher erschlagen hat, wird er vom Pharao mit dem Tod bedroht und muss fliehen. In Midian angekommen kann er erstmals seine zukünftige Aufgabe erproben, indem er die sieben Töchter Jitros gegen die Hirten verteidigt, die ihnen das Wasser streitig machen. Mose ist auf dem Weg vom Geretteten zum Retter.

Patristische und rabbinische Texte haben diesen Text, die Leerstellen, die er enthält, die Fragen, die er aufwirft, in sehr unterschiedlicher Weise interpretiert. Mit einigen dieser Auslegungen befasst sich das vom FWF geförderte Forschungsprojekt „Der gerettete Retter: Exodus 1-2 in patristischer und rabbinischer Interpretation“.

http://exodus-projekt.univie.ac.at

Im Folgenden soll die Rolle, die die jeweiligen Texte den Frauen zugestehen, an einigen Beispielen in den Blick genommen werden.

Die allegorische Geschlechterdeutung bei Origenes

Origenes behandelt die Hebammenerzählung und die Geburts- und Rettungsgeschichte des Mose in seiner zweiten Homilie zu Exodus. Er interpretiert das biblische Buch allegorisch und setzt es auf diese Weise in Beziehung zu seinen christlichen ZuhörerInnen. Die in Ex 1-2 erzählte Geschichte wird auf den Glaubensweg der Christen und Christinnen bezogen. Das fällt ihm umso leichter, als auch schon Paulus im ersten Korintherbrief (1 Kor 10) den Exodus (konkret den Durchzug durch das Schilfmeer) auf die Taufe und die Wunder in der Zeit der Wüstenwanderung auf Christus gedeutet hat.

Sehr auffällig und in dieser Form einmalig ist Origenes‘ Deutung des Befehls des Pharaos. In Ex 1 lesen wir, dass der Pharao ausdrücklich befahl, die männlichen Neugeborenen zu töten, die weiblichen aber am Leben zu lassen. In Origenes‘ allegorischer Interpretation (die schon auf Philo von Alexandrien zurückgreift) werden die männlichen Kinder (viri) zu den Tugenden, die der Pharao vernichten will. Die weiblichen Kinder (feminae) repräsentieren die Laster, die Pharao liebt und fördert. Für Origenes ist damit klar, dass die Hebammen nicht nur die männlichen Kinder am Leben gelassen, sondern umgekehrt auch die weiblichen getötet haben. Denn in der Kirche haben die Laster keinen Platz. Auch Origenes‘ ZuhörerInnen werden aufgefordert, nur das Männliche in ihrem Inneren zu kultivieren. Origenes trägt in die Erzählung vom gewaltlosen Widerstand der Hebammen explizit Gewalt ein: Auch die Hebammen töten Kinder. Das biblische Buch ist hier hingegen sehr zurückhaltend: Dort ist von keinem einzigen getöteten Kind, weder männlich noch weiblich, die Rede.

Die Tochter des Pharaos wird von Origenes typologisch als die Kirche aus den Völkern gedeutet. Sie wendet sich von ihrem Vater, dem Teufel ab, und kommt zum Fluss, der für die Taufe steht. So ist sie auch Vorbild für die AdressatInnen des Origenes, die sich vom Heidentum zum Christentum bekehrt haben. Antijüdische Invektiven bleiben in dieser Deutung leider auch nicht aus. Die Mutter des Mose wird als die Synagoge, also das Judentum gedeutet, das Mose, der das Gesetz verkörpert, ausgesetzt hat. Erst die Tochter des Pharaos = die Kirche aus den Völkern hat die wahre, nämlich geistige Bedeutung des Gesetzes erkannt.

Ephräm der Syrer kommentiert für ein weibliches Publikum

Interessant ist, dass Ephräm der Syrer überhaupt nicht zwischen männlichen und weiblichen Kindern differenziert (obwohl das der biblische Text vorgibt). Für ihn ist entscheidend, dass die Hebammen das Leben fördern und keine Kinder töten. Allerdings spricht er von Haufen von toten hebräischen Kindern, die sich am Flussufer auftürmen. Er erreicht damit eine drastische Gegenüberstellung von Leben und Tod, wobei der Pharao den Tod repräsentiert, während Gott mit Hilfe der Hebammen für das Leben kämpft (und letztlich siegt). Ephräms Kommentar orientiert sich in diesem Abschnitt stark am Wortsinn des Bibeltextes und integriert eine Reihe von Traditionen, die sonst aus jüdischen Auslegungen bekannt sind. So greift er zum Beispiel den Gedanken des Philo auf, dass Moses Mutter an seiner Erziehung beteiligt ist. Bei Ephräm wird die Rolle der Frauen gegenüber dem Bibeltext wenig verändert, eher noch hervorgehoben. Das könnte damit zusammenhängen, dass Ephräm möglicherweise für ein weibliches Publikum geschrieben hat.

Die aktiven Frauen im babylonischen Talmud

Im babylonischen Talmud findet sich ein Abschnitt (Sota 11a-13a), der eine zusammenhängende Auslegung von Ex 1,8-2,9 bietet. Während etwa in der Mechilta des Rabbi Jischmael oder im Midrasch Tanchuma die Frauen kaum eine Rolle spielen, werden sie hier besonders hervorgehoben. Mirjams Rolle als Prophetin wird vom Schilfmeer (Ex 15,20-21) in die Kindheit verlegt und mit der Geburt des Mose verknüpft. Mirjam und ihre Mutter Jochebed werden als die beiden Hebammen Schifra und Pua identifiziert und ihre Sorge für die Neugeborenen unter Einbeziehung weiterer Bibelstellen ausführlich dargestellt. Auf diese Weise wird Mirjam sogar zu einer Ahnmutter des Königs David. Mirjam wird (als kleines Mädchen) als Ratgeberin ihres Vaters geschildert.

Die Vermehrung und damit Erfüllung des göttlichen Segens ist das wesentliche Metier der Frauen. Die hebräischen Frauen sind es, die die Initiative ergreifen und sich um Nachkommenschaft kümmern. Gott belohnt ihre Aktivitäten, indem er sie durch Wunder unterstützt und für die hebräischen Kinder sorgt, als es den Frauen selber aufgrund der Verfolgung durch die Ägypter nicht mehr möglich ist.

Gerade im Umfeld der Geburt von Kindern und der Versorgung der Familie wird die Bedeutung und auch die Verantwortung der Frauen im Talmud besonders hervorgehoben. Zugleich aber werden sie auch auf diesen Bereich beschränkt, wie etwa Mirjam, die nur als kleines Mädchen prophezeit, bei den großen Ereignissen am Schilfmeer, wo sie im Bibeltext als Führungsgestalt auftritt (Ex 15), aber übergangen wird. Für das rabbinische Judentum sind Familie und Nachkommenschaft, Zusammenhalt und Fortbestand der Gemeinschaft wichtige Anliegen. Das ist sicher mit ein Grund, warum die Rolle der Frauen im Vergleich zum Bibeltext weiter ausgebaut wird.

Die unterschiedlichen Interpretationen des Textes machen deutlich, welche Rolle der historische und kulturelle Kontext der Auslegenden. Die Offenheit des Textes, seine Leerstellen und Ambivalenzen werden aufgegriffen und mit der eigenen Gegenwart in Verbindung gebracht. Das ermöglicht eine je neue Aktualisierung und Plausibilisierung des Bibeltextes, die auch die Interessen und didaktischen Intentionen der Interpreten (explizit oder implizit) vermittelt.

 

Agnethe Siquans ist ao. Univ.-Prof. am Institut für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Sie führt derzeit das hier vorgestellte FWF-Einzelprojekt „Der gerettte Retter“ durch. 

 

 

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