Entzauberung der „Festung Europa“ Über die anhaltende Aktualität der vor rund 70 Jahren veröffentlichten Lingua Tertii Imperii Victor Klemperers

 

Sebastian M. Spitra, vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte gibt einen aktuellen Beitrag zu einem historischen Thema, das sich an der Schwelle von Sprache, Politik und Kult bewegt.

„Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million“ ist eine der vielen abstoßenden Liederstrophen, die im Zuge des Skandals um den FPÖ-Spitzenkandidaten bei der diesjährigen niederösterreichischen Landtagswahl publik wurden. Diese Affäre zeigt erneut auf, dass antisemitistische Gesinnungen samt ihren sprachlichen Ausdrucksformen gesellschaftliche Plattformen finden und nach wie vor präsent sind. Umso wichtiger ist es von wissenschaftlicher Seite, an die maßgeblichen Beiträge zur Erforschung ihrer Ursprünge zu erinnern.

Vor fast genau 70 Jahren veröffentlichte Victor Klemperer mit seinem „Notizbuch eines Philologen“ eine beeindruckende und auf seine Zeitzeugenschaft gegründete Analyse der Sprache des Dritten Reichs. Der eigentliche Titel des Werks „LTI“, die Abkürzung für Lingua Tertii Imperii, war eine Anspielung auf die Sprachgepflogenheiten der NS-Diktatur mit ihrem Hang zu bürokratischen Abkürzungen und militaristischen Kürzeln.

Durch die geschickte Verflechtung mit seinen autobiographischen Betrachtungen der Jahre 1933 bis 1945 wurde das Werk ab den 1960er Jahren zum Bestseller, aber zunächst nur in Ostdeutschland. Bis zur Abwicklung der DDR wurden dort 250 000 Exemplare verkauft. In der Bundesrepublik waren es bloß 30 000. Ein Umstand, der vor allem auf das im Kalten Krieg polarisierende Nachkriegsengagement des Dresdners Klemperers für Kulturbelange in der DDR zurückzuführen ist. Sein Nachlass enthielt Skizzen zu einer Lingua Quarti Imperii der Ostdeutschen Diktatur, die er nie publizierte und Klemperer grenzte sich öffentlich auch nicht vom Regime ab. Bis heute erfuhr das Werk zahllose Übersetzungen, einige Verfilmungen sowie über 30 Auflagen, die letzte erst voriges Jahr bei Reclam.

Klemperers Aktualität ist mit Händen zu greifen. Die philologischen Analysen des Romanistik-Professors erschließen kenntnisreich eine Gegenwart, die verblüffend parallele politische Diskurse führt. Die sprachliche Koinzidenz bedeutet dabei natürlich nicht zwangsläufig eine solche auf politischer Ebene, sondern entblößt die Abgeschmacktheit manch gegenwärtiger rhetorischer Strategie. Klemperer gab zu bedenken, dass Sprache Gedanken, Gefühle und gar das seelische Wesen zu lenken vermag, je selbstverständlicher man sich in ihr und den in ihr vorgefundenen Metaphern bewegt. Drei gängige mediale Debatten zeigen dies und sollten uns für die politische Macht sprachlicher Suggestion sensibilisieren.

Die scheinbar neue Redeweise von „Bewegung“ anstelle von Parteien ist ein erster Paradefall der Gegenwart, der seine irritierenden Vorläufer im NS-Vokabular findet. Derzeit hat diese Selbstbezeichnung nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch in Frankreich mit Emmanuel Macrons „Mouvement En Marche“ und in den USA durch das „Tea Party Movement“ Fuß gefasst. Die Selbstbezeichnung „Bewegung“ impliziert als politische Selbstbeschreibung einen Willen, der zur Handlung drängt, womit man sich von oft als „verkrustet“ beschriebenen Parteistrukturen abgrenzt. Als Nebeneffekt wird eine Erwartungshaltung der Tat geschaffen, die eine Gegenwartsdiagnose enthält, die Stillstand suggeriert. Klemperer notierte: „So sehr ist Bewegung das Wesen des Nazismus, daß er sich selber geradezu als ‚die Bewegung‘ bezeichnet …“ Eine solche Redeweise beginnt gefährlich zu werden, wo die parlamentarische Demokratie und der Rechtsstaat als Störfaktoren für Bewegung und damit für politisches Handeln gehandelt werden: Säulen der parlamentarischen Demokratie wie Gewaltenteilung, Kompromissfindung, Diskurs und Verfahren werden zu Hemmnissen abgewertet.

Zweitens ist die „Festung Europa“ eine Metapher, die damals wie heute einen fixen Platz in der Vorstellungswelt von Bürger und Bürgerinnen einnimmt. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von der NS-Propaganda eingeführt, um den Nationalsozialismus als unüberwindliches Verteidigungsbollwerk zu inszenieren und die Grenze von „wir“ und „den anderen“ in die Köpfe der Menschen einzuschreiben. Im Streit um Einwanderung und Flüchtende im Herbst 2015 erlebte diese metaphorische Befestigung von Europa erneut Konjunktur. Klemperer zeigt anhand des NS-Wortgebrauchs pointiert, wie hierbei die universelle geistige Idee von Europa, das für Werte wie Gleichheit, Freiheit und Solidarität steht, in einen geographisch abschließbaren Raum umgedeutet wird. Aus geistiger Offenheit wurde durch dieses Sprachbild territoriale Begrenzung.

Die „Festung Europa“ erzeugt das Bild eines externen Anderen, vor dem man sich abschirmen muss, anstatt den Finger auf interne Probleme der Koordination und Herausforderungen der Integration zu legen. Hier zeigen sich aber auch die Grenzen von Klemperers Interpretationen. Beim Dresdner Emeritus hatte sich Ende der 1940er Jahre noch kein Bewusstsein der dunklen kolonialen Seite herausgebildet, den der europäische Universalismus in der Neuzeit verursacht hat. Die europäische Zivilisationsmission war ein hegemoniales Projekt, wie die postkoloniale Theorie spätestens seit den 1970er Jahren gezeigt hat.

Es sind aber nicht nur solche Blitzlichter auf die Sprache, die den Erfolg von Klemperers LTI begründeten. Der 1881 geborene Sohn eines Rabbiners und spätere Professor mit Schwerpunkt für französische Literatur in Dresden verwob die sprachlichen Betrachtungen eindrücklich mit seiner eigenen Biographie. Schon 1912 zum christlichen Glauben konvertiert, wurde er nach den Nürnberger Rassegesetzen der NS-Diktatur dennoch als Jude gebrandmarkt. Dass Klemperer die damit verbundene Verfolgung, Peinigung und Gewalt jener Zeit überlebte, verdankte er seiner Ehe zur Konzertpianistin Eva Schlemmer, einer „Arierin“ nach den Rassengesetzen. Diese „Mischehe“ rettete Klemperer lange genug vor der Deportation, um im Chaos der Bombenangriffe auf Dresden in der Nacht vom 13. auf 14. Februar 1945 aus der Sammelunterkunft für jüdische Zwangsarbeiter fliehen zu können.

Während der NS-Schreckensherrschaft erlebte Klemperer am eigenen Leib, wie sich ein harmloses Attribut zu einem Stigma entwickeln kann. In der NS-Zeit war das die Zuschreibung „jüdisch“: Die auf antisemitische und rassistische Pseudo-Theorien gestützten sprachlichen Verfemungen drückten sich im vermehrten Gebrauch höhnischer Komposita von „jüdisch“ aus. So gab es nicht nur das „jüdisch-kapitalistische Ausbeutungssystem“ sondern auch die „jüdisch-marxistische Weltanschauung“ und die „jüdisch-bolschewistische Kulturlosigkeit“. Klemperer wies darauf hin, wie die negativ besetzten Sprachbilder der Nomen auf das Jüdische abfärbten und innerlich damit verbunden wurden. In jeder erklärten Gegnerschaft der NS-Diktatur schien damit das „Jüdische“ vermeintlich hervor.

Die rhetorischen Strategien der extremen Rechten sind dem heute in ihrem universalen Feindbild der Ausländer oder des Islam durchaus vergleichbar. Auch die semantischen Verknüpfungen mit den Begriffen „Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingskrise“ und „Flüchtlingsansturm“ funktionieren in Teilen ähnlich. Die Assoziationen mit Krise, Ansturm und Überforderung werden auf den rechtlichen Status des Flüchtlings semantisch übertragen, womit dieser zugleich implizit in Frage gestellt wird.

Victor Klemperer starb 1960 in Dresden. Zwar gibt es seit 2013 mit Horst Dieter Schlossers „Sprache unter dem Hakenkreuz“ ein neues wissenschaftliches Standardwerk zum NS-Sprachgebrauch, doch werden Klemperers Analysen dadurch keineswegs obsolet. Die anhaltende Bedeutung seines Buchs liegt im Berichten der durchlebten Erfahrungen mit dieser totalitären Sprache, oszillierend zwischen flammender Brutalität und sprödem Bürokratismus, und ihren Auswirkungen auf den eigenen Leib. Besondere Tragik entfalten dabei jene Episoden, die von Mitopfern der NS-Diktatur schildern, die deren Sprachmuster unbewusst übernahmen und sich bis zuletzt selbst in ihnen aufhielten – Grund genug, den fahlen Schein mancher politischer Rhetorik auch heute noch zu entzaubern.

 

Sebastian M. Spitra ist Universitätsassistent (prae-doc) am Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien. Er forscht unter anderem zum Kulturgüterschutz und zur internationalen Rechtsgeschichte.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s