Der lange Weg nach Bethlehem: Weihnachten als Inbegriff christlicher Spiritualität

Krippenspiel. Kinder der rumänischen Pfarre Antonius d. Gr. 15. Bez. Regie Patricia Moga Dez. 2016

Dr. Ioan Moga, Assistenzprofessor am Institut für Historische Theologie und Priester der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, schildert das Weihnachtsfest aus persönlicher und theologischer Perspektive als Ort der Begegnung.

Vorweg: Der Grossteil der vierzehn Autokephalen Orthodoxen Kirchen (darunter auch die Rumänisch-Orthodoxe, zu der unser Autor gehört) feiert Weihnachten nach dem „neuen“, gregorianischen Kalender, d.h. mit den Westkirchen am 25. Dezember. Die Russischen, Georgischen, Serbischen Orthodoxen Kirchen sowie das Patriarchat von Jerusalem halten jedoch am „alten“, julianischen Kalender fest: für sie fällt deshalb 25. Dezember 13 Tage später, d.h. am 7. Jänner.

Kindheitserinnerungen: ein Fest der offenen Türen

Zu meiner Kinderzeit, in den 1980er Jahren, im kommunistisch regierten, aber von der orthodoxen Frömmigkeit immer noch stark geprägten Rumänien, hatte Weihnachten wenig mit kitschigem Glitzer, kommerzieller Geschenk-Hektik und rotgekleideten Männern (oder Frauen) zu tun. Auch nichts mit wiederholten Adventsfeiern, die man alle schon Wochen vor dem eigentlichen Fest zu absolvieren hatte. Weniger noch mit dem im Westen oft thematisierten Druck eines traditionellen Familienessens, bei dem alles perfekt sein muss.Es war vielmehr die Freude, als Sternsinger mit vielen anderen Kindern im verschneiten Dorf von Haus zu Haus zu ziehen und ein Paar Nüsse oder Früchte empfangen zu dürfen. Es war auch die Lebendigkeit, als Teil einer Priesterfamilie die Gruppen von Jugendlichen zu begrüßen und zu bewirten, die ebenfalls kamen und Weihnachtslieder sangen. Und es war schließlich die Besonderheit (in Siebenbürgen) bei einer Liturgie früh am Morgen (4.00 Uhr) teilnehmen zu können; danach durften wir Hausgemachtes (vor allem Süßes) essen.

Alles in allem war Weihnachten ein Fest der Begegnung, ein Fest der offenen Türen. Weniger der enge Kreis der Familie rund um einen Baum, als vielmehr der große Kreis der Kirche oder der Dorfgemeinschaft. Auch später, als wir in einer Stadt lebten, blieb es dabei. Zu Weihnachten öffnete man seine Türen und ging in andere Häuser, damit man sich gegenseitig die Weihnachtsbotschaft in unzähligen Liedern verkünde. Der Weihnachtsmann war weniger ein Thema: ich erinnere mich an eine Zeit, wo wir (vier Kinder damals) alle gemeinsam nur eine Schachtel Bonbons bekamen. Ein anderes Jahr waren es Mützen aus Hasenfell. Ein anderes Mal Socken aus Wolle. Praktisch und warm. Mehr gab´s nicht.

Freude aus Einfachheit und aus einer Fülle des Miteinanders – so würde ich meine ersten Weihnachtserinnerungen zusammenfassen. Objektiv betrachtet war es ja auch die Armut, die diese Einfachheit möglich machte. Eines ist sicher: aufgrund dieser äußeren Einfachheit und der Zeit die sich die Menschen füreinander nahmen, war der Weg nach Bethlehem ein kurzer Weg. Sich in die einfachen, anonymen, ja armen Bedingungen von Bethlehem einzufühlen und darin ein großes Mysterium zu erblicken – das war alles andere als schwer.

Jeder hat so seine nostalgisch beladenen Weihnachtserinnerungen und für jeden von uns sind sie ein Vergleichsmuster zum heutigen kommerzialisierten Weihnachtsfest. Früher war ja alles besser – weil einfacher. Nicht wahr?

Es gibt für alle einen Weg nach Bethlehem – kurz oder lang

Doch Weihnachten will auch in dieser, heutigen Zeit gefeiert werden. Jede Zeit birgt in sich eine weihnachtliche Schönheit. Eine herrliche Schönheit hinter allem Glitzerschein dieser Welt. Wir genießen die Vorteile einer wohlhabenden, friedlichen Gesellschaft – Gott sei Dank. Dabei gibt es zwei mindestens Grundoptionen, sich dem Mysterium von Bethlehem zu nähern:

Entweder bringen wir das Weihnachten in unsere Verhältnisse hinein und geben uns zufrieden mit allen kommerziellen Klischees, die dieses „neue, selbstgemachte Bethlehem“ bekommen hat – kuschelig, üppig, hektisch, geschenkobsessiv und voll mit Stereotypwünschen, die wir gar nicht mehr reflektieren, geschweige denn herbeiführen können (Frieden, Freude usw.). Denn, wer soll letztlich dafür verantwortlich sein, dass Weihnachten „fröhlich“ ist?

Oder wir machen uns selbst auf den Weg zum echten Bethlehem, zu etwas Neuem – weil einfach, in seiner Einzigartigkeit unverfügbar, nicht von Menschen allein gemacht, aber für und mit den Menschen vollbracht. Damit meine ich natürlich nicht eine Flugreise nach Israel. Seit Pfingsten, der Herabkunft des Heiligen Geistes, hat das christliche Leben keine geographische oder ethnische Zentrierung mehr, es ist der inneren und äußeren Universalität verpflichtet – das hören manche selbst nach 2000 Jahre nicht gern. Es ist viel einfacher, sich auf materielle, nationale und geographische Gegebenheiten zu fixieren, als den mühsamen Weg nach innen zu nehmen und die ganze Spannung eines ständigen, wegen der eigenen Unzulänglichkeit auch fragilen Dialogs mit einer unsichtbaren Realität auszuhalten.

Doch gerade weil wir nach Pfingsten leben und Kinder des Neuen Bundes sind, ist Bethlehem in erster Linie ein geistiger Ort, Inbegriff der Begegnung zwischen Mensch und Gott. Das Festliche von Weihnachten liegt darin, dass wir als Menschen ein himmlisches Geschenk in unserer Mitte empfangen, wobei die Besonderheit und die Erhabenheit des Moments gerade nicht vom irdischen Ambiente (egal ob Krippe oder Luxuswohnung), sondern vom himmlischen Angekommenen gegeben ist. Mit anderen Worten: Er macht das Fest für uns, Er ist unser Fest.

Jede Seele wird zu einer Maria

Gerade weil Weihnachten eine Begegnung mit Gott ist, setzt dieses Fest eine Zeit der Vorbereitung voraus. Zumindest für die Kirchenväter der Alten Kirche war die Feier von Weihnachten (d.h. die innere Vergegenwärtigung des Mysteriums der Menschwerdung Jesu Christi) keine Selbstverständlichkeit, kein Automatismus. Deshalb 6 Wochen Fastenzeit, deshalb die ganze Hymnographie, die uns darauf einstimmt, deshalb die Umkehr usw. All dies sind nur Ausdrücke eines Prozesses, der in der Zeit vor Weihnachten stattfindet, damit wir am Weihnachtabend im echten Bethlehem ankommen. Der Hl. Gregor von Nyssa sah gerade darin das Mysterium der Jungfrauengeburt:  Was bei der unbefleckten Maria dem Leibe nach geschehen ist, indem in Christus durch die Jungfrauengeburt die Fülle der Göttlichkeit aufleuchtete, genau das kann auch bei jeder Seele, die sich in konsequenter Weise jungfräulich erhält, vor sich gehen, auch wenn der Herr nicht mehr leiblich anwesend sein wird.“ Jede Seele soll marianisch werden, jede Seele soll „theophor“ – Trägerin Gottes werden. Das geht nur über die Wiederentdeckung der Einfachheit und der Reinheit des Lebens.

Mit „Einfachheit“ und „Reinheit“ (bei Gregor von Nyssa „Jungfräulichkeit“) ist in erster Linie ein Zustand der Seele beschrieben, und weniger die sozialen oder materiellen Begebenheiten der Geburt, am Rande der Gesellschaft, gemeint. Denn zu Weihnachten steht im Mittelpunkt die Tatsache, dass ein Mensch – Maria – die Ankunft Gottes in der Welt überhaupt ermöglicht hat. Die Höhle oder der Stall in Bethlehem mag ein kontextabhängiger Ort sein („…legten ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ Luk 2,7), die Gottesmutterschaft ist jedoch alles andere als etwas Zufälliges. Etwas von diesem Bewusstsein Marias, im Dienste Gottes zu stehen und mit diesem Grundvertrauen seine Herzensreinheit und Zuversicht zu bewahren, ist Teil des Weges nach Bethlehem.

Das gemeinsame Leben nach der „Ankunft in Betlehem“

Das klingt schön, kann aber genauso gut eine rhetorische Floskel bleiben: „Christus soll in euren Herzen geboren werden“. Hört man eigentlich auch ziemlich oft in diesen Tagen. Das bringt jedoch nichts, wenn sich dabei nichts ändert: weder in mir, noch in meinem Verhältnis zum Nächsten. Schwierig wird es also, wenn dieser innere Prozess des Wegs nach Bethlehem – den jeder für sich sehr verschieden auslegen kann – sich auch im Miteinander bewähren muss. Gerade dieses offene Miteinander war für uns als Kinder das Schönste an Weihnachten. Von asketischen Umkehrprozessen und mystischen Vorgängen verstanden wir ja wenig. Aber die echte Atmosphäre der Gemeinschaft konnte nicht täuschen: die Erwachsenen hatten Zeit für Gott und für uns. Dieses Grundelement von Weihnachten – das Sich-Öffnen für die Gemeinschaft – ist genauso wichtig wie der innere, spirituelle Weg der Vorbereitung.

Bethlehem in der Diaspora: unsere Kinder bringen uns es bei

Umso schwieriger ist ein echtes Miteinander zu Weihnachten für Orthodoxe in der Diaspora. Nicht nur wegen der unterschiedlichen Kalender, sondern auch weil dabei jeder/jede sich auf seine/ihre kulturellen und nationalen Bräuche konzentriert. Viele sehnen sich nostalgisch nach dem Miteinander in den Heimatländern. Dass ist schön und gehört zum multikulturellen Charakter der Orthodoxen Kirche; diese Vielfalt des inkulturierten Glaubens zu verlieren, wäre alles andere als wünschenswert. Doch auch das Schaffen einer deutschsprachigen, orthodoxen Weihnachtskultur ist unumgänglich. Während sich viele von uns nach dem verlorenen Paradies unserer Kindheit sehnen, wissen unsere Kinder schon längst, dass sie hier und jetzt, und nicht im mehr oder weniger entfernten Serbien, Griechenland, Rumänien, Russland oder Bulgarien ihre echte Bethlehem-Erfahrung brauchen.

Dafür muss man keine pastorale Strategie entwickeln. Es genügt – für den Anfang – das Bewusstsein, dass Bethlehem überall und in jeder Sprache schön und unvergesslich sein kann.

 

Dr. Ioan Moga ist Assistenzprofessor und und Inhaber der Tenure-Track-Stelle „Orthodoxe Theologie“ an der Universität Wien sowie Priester an der St. Antonius-Pfarre der Rumänisch-Orthodoxen Kirche ebenda.

Der hier veröffentlichte Beitrag erschien bereits in der Wiener Orthodoxen Kirchenzeitung.

 

 

 

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