Michel de Certeau: Ein kurzes Portrait

 

Foto Groeller
Foto von Silke Lapina

Der französische Jesuit und Religionshistoriker Michel de Certeau (1925-1986) avanciert gerade zum akademischen Geheimtipp. Dabei zählt er sicherlich zu den im deutschsprachigen Raum noch bisher weniger bekannten Autoren, die man gemeinhin unter der Überschrift des Poststrukturalismus versammelt weiß. Martin Eleven gibt ein kurzes Portrait von Michel de Certeau.

Am besten könnte man Michel de Certeau vielleicht als intellektuellen Grenzgänger bezeichnen, der sich wenig um traditionelle Einteilungen in jeweilige Fachdisziplinen und ein Denken in Schubladen gekümmert hat. Dieser Aspekt macht sich vor allem in seinen unzähligen Büchern und mehr als vierhundert Artikeln bemerkbar, die nicht nur durch ihre herausragende literarische Qualität und ihren beinahe lyrischen Stil bestechen, sondern allesamt als Reiseberichte einer intellektuellen Wanderschaft gelesen werden können; so ließen sie sich etwa mit den Werken Walter Benjamins oder mit den Schriften seiner Zeitgenossen Michel Foucault und Jacques Derrida vergleichen. Zumeist handelt es sich dabei aber um Arbeiten die sich aus der Gelegenheit heraus ergeben haben und die die von ihm rezipierten Texte und Autoren in einen neuen Kontext stellen, neue Fragen aufwerfen und Probleme in andere Forschungsfelder verschieben. Auch wenn viele Schriften Michel de Certeaus einer Zeit entstammen, die von uns heute meist nur noch als Ära der (nach) 68er Bewegungen belächelt wird, haben sie nichts an Aktualität verloren; im Gegenteil, sie haben sich einen „frischen Wind“ und ein Gefühl des Aufbruchs bewahrt und scheinen ihrer Zeit selbst voraus zu sein. Dies zeigt ebenso die wohlwollende Bezugnahme des gegenwärtigen Papstes – er hatte bekanntlich Certeau in einem Interview als von ihm bevorzugten Theologen ausgewiesen – wie auch die aktuellen Rezeptionen von säkularer Seite.

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Foto von Silke Lapina

Michel de Certeau ist ein Denker der Zwischenräume, Übergänge und Passagen. Kein Wunder also, dass sich sein Werk einer einheitlichen Beschreibung entzieht. Oft findet sich der Leser vor die Frage gestellt: Handelt es sich hierbei um Theologie, Geschichtsschreibung oder Kulturwissenschaft? In den meisten Fällen lässt sich keine einfache Antwort auf diese Frage geben, denn Certeau geht es zumeist um eine historische Betrachtung der Vergangenheit sowie um eine politische Analyse der Gegenwart gleichermaßen, die vor religiösen Phänomenen ebenso wenig halt macht wie vor auf den ersten Blick trivial erscheinenden Handlungen wie dem „Gehen in der Stadt“. Möchte man seine Arbeitsweise aber dennoch ein wenig näher bestimmen, so könnte man vielleicht von einer empirisch-historisch orientierten Kulturwissenschaft sprechen; allerdings, und dies wird den meisten Lesern sicherlich nach den ersten Seiten ihrer Lektüre seines umfassenden Werkes klar sein, lässt sich dabei kein einheitliches Theoriegebäude ausfindig machen und aus seinem Werk herauslösen. Vielmehr hat man es beständig mit Textlektüren ausgewiesener Quellen tun – wie am Beispiel seiner religionshistorischen Studien ersichtlich wird – oder um Re-lektüren der Werke und Theorien anderer Autoren.

Ein Historiker ohne eigenem Ort

Certeau begriff sich zwar selbst in erster Linie als Historiker, d.h. aber nicht, dass es ihm dabei um einen einfachen Rückbezug auf eine bereits abgeschlossene Vergangenheit gegangen wäre, sondern eher darum – und dies wäre vielleicht in Anlehnung an Benjamin und Foucault weiterzudenken und weiterzuverfolgen – die Probleme der Gegenwart im Lichte einer (noch uneingelösten) Vergangenheit zu betrachten. Man könnte somit wie bei Foucault von einer Art Archäologie sprechen, nur, dass der Historiker im Sinne Certeaus dabei vielmehr einem Clochard ähnelt; sammeln doch beide, aufgeregt und bisweilen von einer unbändigen Lust ergriffen, die Überreste einer Welt, die für sie stets eine imaginäre bleiben wird, eine Welt, die ihnen den Zutritt auf ewig verwehrt. So aussichtslos diese Bestimmung auch klingen mag, gerade jene Erfahrung des Verlustes ermöglicht, das Andere der Vergangenheit in Erscheinung treten zu lassen. Fasziniert ordnet so der Historiker das gesammelte Material und konstruiert dieses um eine abwesende Vergangenheit, eine Differenz, die sich jeder gewünschten Generalisierungen und Chronologiesierung wiedersetzt und die sich nur in Verschiebungen und Brüchen, ja, vielleicht überhaupt nur in einer Suspendierung des Sinns bemerkbar macht. Dieses Fremde entzieht sich einem völligen Zugriff und der Repräsentation, es zeigt damit umso deutlicher, das dem Wesen der Geschichtsschreibung zugrunde liegende Paradox: gerade dort, wo die Geschichtsschreibung sich als abhängig von diesem fremden Rest erweist, stellt sich ebenso heraus, dass dieser gerade seiner eigenen Inszenierung bedarf. Ein Riss bannt die Aufmerksamkeit des Historikers, wie Certeau auch sagt, und lässt ein Subjekt seine Arbeit beginnen. Aus der Dichte eines anonymen Gemurmels ohne Anfang und Ende nimmt es den Platz ein, den ihm die Aussagen des Vergangenen zugewiesen haben – doch könnte eine Autorität diesen Diskurs auch letztlich verbürgen?

Wiederholt hat man in Bezug auf Certeau von einer Heterologie, einer „Wissenschaft vom Anderen“ gesprochen; die Geschichte, die Psychoanalyse und die Ethnologie waren dabei bevorzugter Gegenstand seines Interesses. Diesen Heterologien ist der Umstand gemeinsam, dass sie ihrem Prinzip nach davon ausgehen, dass das, was spricht bzw. gesprochen wurde, eigentlich nicht weiß, was es denn sagt. Als „Wissenschaft vom Anderen“ geben sie sich als legitime Übersetzer des gesprochenen Wortes aus und verwandeln die Stimme in Schrift. Man könnte sagen, dass sich Certeau stets in den Zwischenräumen dieser Heterologien bewegt hat, so als wollte er die verstummten Stimmen wieder zu Gehör bringen, ohne sich dabei jedoch einen „eigenen Ort“ zuzusprechen, von welchem sein eigener Diskurs eine Legitimation hätte finden können. Diese wichtige methodische Einstellung – diese „Ortlosigkeit“ wie sie auch jüngst von dem deutschen Historiker Marian Füssel in seiner Einführung „Zur Aktualität von Michel de Certeau“ bezeichnet wurde – die sein gesamtes Werk durchzieht und die sich gerade dadurch auszeichnet, dass er sich einen direkten Zugriff auf das Material, über das er sprechen oder schreiben möchte, stets verwehrt, bekennt im Grunde genommen (und hierin gibt es ebenso eine geistige Verwandtschaft zu Benjamin und Foucault), dass es nirgendwo ein Original (Ursprung) gibt – oder je gegeben hat – auf das direkt zugegriffen werden könnte und keine große Erzählung, sei sie wissenschaftlich oder religiös motiviert, wird letztlich über diesen Verlust, über die Unmöglichkeit einer lückenlosen Abbildung und Repräsentation der Wirklichkeit (oder des Gewesenen) jemals hinwegtäuschen können. Michel de Certeaus Arbeiten – so könnte man etwas vereinfacht sagen – verdanken sich allesamt diesem Rest, dieser „produktiven Abwesenheit“, jenem „Etwas“ das sich unserem direkten Zugriff verwehrt; uns aber trotz dieses Entzugs gerade sprechen macht.

Certeau und die Psychoanalyse

Am deutlichsten hebt diese Einstellung wohl seine groß angelegte religionshistorische Studie, die er der frühneuzeitlichen Mystik gewidmet hat und die unter dem Titel „La Fable mystique“ (Mystische Fabel) erschienen ist, hervor. Hierin zeigt sich nicht nur Certeaus beständige Reflexion auf seine eigene Vorgehensweise als Historiker vielleicht am eindrucksvollsten, sondern auch sein besonderer Fokus auf die von ihm in den Blick genommene Unterscheidung von Mündlichkeit (Fabel) und Schriftlichkeit (Fiktion). Diese Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, die von seiner Nachlassverwalterin und langjährigen Kollegin Luce Giard, neben dem Denken in Differenzen und seinem Fokus auf Orte und Räume, als eines der zentralen Elemente seine Denkens hervorgehoben wurde, ist auch in Bezug zu seiner Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse von wichtiger Bedeutung. Nicht nur bewegte sich Michel de Certeau viele Jahre im Pariser psychoanalytischen Milieu (er gehörte ja bekanntlich zu den 134 Gründungsmitgliedern der von Jacques Lacan 1964 ins Leben gerufenen École freudienne de Paris), sondern er rezipierte und kommentierte auch ausgiebig die Werke Freuds wie Lacans. Dabei versetzte er beide in eine spannende Disjunktion, nämlich Freud auf die Seite der Fiktion, der Schriftlichkeit (jüdische Tradition) und Lacan auf Seiten der Fabel und der Mündlichkeit (christliche Tradition). In seinem beeindruckenden Artikel „Lacan: eine Ethik des Sprechens“ hat er diesen nicht nur in die Nähe zu den besagten Mystikern der Neuzeit gerückt, er sieht in ihm auch die gleiche Geste des Aufbruchs verwirklicht und situiert ihn damit klar auf Seiten des gesprochenen Wortes (parole). Ähnlich den erwähnten Mystikern, geht es bei der Fabel um einen ständigen Aufbruch, das Wort selbst ist beständig auf der Suche nach einem Körper. Es hat selbst keinen „eigenen Ort“. Für Certeau ist damit das gesprochene Wort aufs engste mit den religiösen Traditionen verbunden.

Man könnte hier in diesem Zusammenhang vielleicht auch an Jacques Lacans Aufbruch, oder besser gesagt Abbruch denken, als er gerade dabei war sich dem vielleicht religiösesten aller seiner Seminare im Jahre 1963 zu widmen, jenem über die „Namen-des-Vaters“, als ihm die Lehrbefugnis von Seiten der Vereinigung, der er angehörte, entzogen wurde. Lacan nahm diesen Bruch zum Anlass, das Seminar nach nur einer Sitzung zu beenden. Jahrelang bewahrte er ein Schweigen darüber. Ein Schweigen, das an die Unaussprechlichkeit des einen Namens (haschem) erinnert. Doch erinnern Lacans Konsequenzen aus diesem Rauswurf, die zur Neugründung einer Schule, der École freudienne führte, mit ihren eigenen Gepflogenheiten und Ausdrücken, die meist nur Eingeweihten zugänglich sind, auch an die Mystiker mit ihrem oft anstößigen und vulgären Gebaren die durchdrungen sind von einem „Wollen“, das für sie selbst zum Apriori wurde.

Zur Rezeption

Diese Geste des Aufbruchs, dieses rastlose Wandern, scheint aber nicht nur ein beständig wiederkehrendes Lieblingsthema Michel de Certeaus gewesen zu sein, es charakterisiert ebenso auch hervorragend seine eigene Arbeitsweise. Sein beständiges durchwandern der unterschiedlichen Disziplinen hat sicherlich zu seiner großen Aufmerksamkeit für die Verschiebungs- und Versetzungsprozesse innerhalb unserer Gesellschaft und deren Wissensprozeduren beigetragen. Bisher wurde er aber in diesem Zusammenhang zumeist als Kulturtheoretiker wahrgenommen und rezipiert, was sicherlich nicht gänzlich falsch ist, nur leider allzu oft zu einer Ausklammerung seiner religionsphilosophischen Überlegungen geführt hat. Mit Sicherheit sind die religionsphilosophischen Fragestellungen auch auf den ersten Blick in seinen säkular anmutenden Werken, wie „L’invention du quotidien“ (Kunst des Handelns) nicht immer sofort ersichtlich – sie sind eher implizit darin verhandelt –, es erscheint aber dennoch lohnenswert, die darin enthaltenen und erarbeitenden Theorien (die Unterscheidung von Strategie und Taktik, sowie von Ort und Raum, um nur die mittlerweile zu Theorie-Klassiker gewordenen Begriffe zu nennen) in Zukunft mehr in Bezug zu seinen theologischen Gedanken zu setzen.

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Foto von Silke Lapina

Michel de Certeau ist kein einfacher Denker, dessen Theorien einem einfach in den Schoß fallen würden und es bedarf sicherlich einiges an Lektürearbeit, um sich einen Zugang zu seinem Werk zu verschaffen. Doch diejenigen die ein wenig ausharren (eine Übung des Begehrens?) werden belohnt mit Einsichten, die nur darauf warten vertieft und in Verbindung zu den gegenwärtigen Problemen unserer Gesellschaft (unseres „Alltags“) gesetzt zu werden. Man darf nur hoffen, dass seine Rezeption in Zukunft noch weiter zunimmt im deutschsprachigen Raum; ganz besonders natürlich aus geschichtstheologischer Perspektive.

 

Martin Eleven hat Philosophie in Wien studiert; derzeit arbeitet er an seiner Masterthesis im Fach „Advanced Theological Studies“. Darüber hinaus leitet er einen Lesekreis zum Thema Mystik und Psychoanalyse am Fachbereich der Theologischen Grundlagenforschung. Am 11.11.2017 organisierte er in Zusammenarbeit mit der Forschungsplattform RaT einen Workshop mit dem Titel „Zwischenraum: Psychoanalyse und Mystik bei Michel de Certeau“ bei dem der Wiener Psychoanalytiker Georg Gröller und Jungwissenschaftlerinnen und Jungwissenschaftler die Ergebnisse ihrer Auseinandersetzung mit Michel de Certeau präsentierten.

Alle Fotos wurden von Silke Lapina zur Verfügung gestellt: Silke Lapina ist Dokumentar- und Portraitfotografin. Für das Studium der Kultur- und Sozialanthropologie zog die gebürtige Pinnebergerin 2014 nach Wien. Sie arbeitet an der Schnittstelle zu Kulturtheorie und Ästhetik.

 

http://www.silkelapina.com/

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