Was kann Polemik? Überlegungen zu Gewaltpotential und Unterhaltungswert

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Kann Polemik gewaltfrei und Unterhaltsam sein? Was waren Motive und Interessen der Autoren, die den reichhaltigen Textkorpus an christlich-jüdischer Polemik verfasst haben? Karoly Daniel Dobos schreibt über seine Forschung und eine internationale Tagung zu jüdisch-christlicher Polemik an der Universität Wien.

Die jüdisch-christliche Polemik-Literatur ist vielfältig und ein aktuelles Forschungsthema, das auf reges Interesse stößft. Das zeigte sich nicht zuletzt auf der international hochkarätig besetzen Konferenz “Can Polemics Innovate? Change and Continuity in Jewish–Christian Polemics from Late Antiquity to Modernity“, die am 14. und 15. November an der Universität Wien stattfand. Zu diesem Anlass möchte ich auch aus meiner Forschungsarbeit berichten.

Im italienischen Teil des Habsburger Reiches während des 17. und 18. Jahrhunderts eine reichhaltige, auf Hebräisch geschriebene, jüdische antichristliche polemische Literatur, die in der Forschung fast völlig ignoriert blieb, obwohl die etwas mehr als fünfundvierzig bisher identifizierten Texte, die in mehr als 160 Handschriften erhalten sind, die Bedeutung der Gattung deutlich zeigen. Im Rahmen meines Projektes versuche ich diesen Textkorpus einerseits in der Geschichte der frühneuzeitlichen jüdischen Literatur zu kontextualisieren, andererseits das Phänomen des erhöhten Interesses an christlich-jüdischer Polemik unter den italienischen Juden der Spätbarockzeit im Rahmen der spezifischen kultur- und sozialgeschichtlichen Bedingungen Italiens verständlich zu machen. Die Fragen, die mir in diesem Zusammenhang am wichtigsten scheinen, lauten:

  1. Jüdische antichristliche Polemik hatte in der frühen Neuzeit eine lange Vorgeschichte. Darum stellt sich die Frage, ob die Grundthemen und die grundlegenden Funktionen der polemischen Gattung wirklich über eine so lange geschichtliche Periode unverändert blieben. Wenn nicht, wann traten die auffälligsten, deutlich nachweisbaren Veränderungen ein?
  2. In dem oben genannten polemischen Textkorpus spiegelt sich ein stark assimiliertes italienisches Judentum wider, das trotz der Phänomene der Ghettoisierung und der von Zeit zu Zeit aufflammenden Bekehrungswut der post-tridentinischen katholischen Kirche seine Identität nicht weniger italienisch als jüdisch definierte. Ferner scheinen bestimmte Teile dieses polemischen Schrifttums den Akkulturationsprozess nicht einfach zu widerspiegeln, sondern sie müssen den Adaptationsprozess fremder Kulturgüter sogar beschleunigt oder befördert haben.

Abb 1

Jeremy Cohen, Abraham and Edita Spiegel Family Foundation Professor of European Jewish History, Universität Tel Aviv sprach im Zuge der Tagung “Can Polemics Innovate? Change and Continuity in Jewish–Christian Polemics from Late Antiquity to Modernity“ an der Universität Wien.

Während der Laufzeit des Projekts stellte sich heraus, dass man in der Frühen Neuzeit bei einigen polemischen Kompositionen tatsächlich eine Funktionsänderung wahrnehmen konnte. Die Eigenart der früheren mittelalterlichen Traktate, ihre strikt argumentative, theologische/populärphilosophische oder exegetische Funktion trat in diesen Jahrhunderten deutlich zurück. Stattdessen scheinen einige Kompositionen mit polemischem Inhalt ganz neue Funktionen angenommen zu haben.

Erzählen, Lachen, Streiten: Unterschiedliche Textabsichten

Bei einigen Texten wurde eine rein literarische (oder unterhaltende) Absicht offenbar. Mir gelang es, sieben literarische Parodien zu identifizieren, die den hebräischen liturgischen Hymnus Jigdal Elohim Hai („Der lebendige Gott möge verherrlicht sein“) in parodistischer Form überarbeiten. Diese parodistischen Überarbeitungen, die meist in poetischer Form gehalten wurden, verspotteten die dogmatischen Grundlehren des Christentums, vor allem aber machten sie die Person Jesu zum Ziel des Gelächters. Weiterhin habe ich drei ähnliche parodistische Überarbeitungen des Hymnus Adon Olam („Herr der Welt‟) gefunden (und zur Publikation vorbereitet). Ganz ähnlich verhält sich ein längerer Prosatext von Jonah ha-Kohen Rapa (17–18. Jh.) mit dem Titel Pilpul al-zeman, zemanim, zemanehem („Argumentation über Festtage, ihre Festtage‟), den ich genau datieren konnte. Das Werk arbeitet den Text der Pessach-Haggada parodistisch um.

Es gab aber auch andere literarische Texte polemischen Inhalts, die sich nicht als Parodien bezeichnen lassen. In deutlichem Gegensatz zu den vorher erwähnten Kompositionen sind die Vertreter dieser Gruppe keine Überarbeitungen bereits bekannter liturgischer Texte, sondern neue poetische Schöpfungen, wie die Makkot le-Kesil Meah („Einhundert Schläge zum Narren‟) von Aaron Haim (Vita) Volterra (g. 1763), ein Spottgedicht in 100 Zeilen, das ohne den Kommentar des Verfassers kaum verständlich ist. Oder einige anonyme Kompositionen in Versform mit den Titeln Beri, Lecha Emet Barur… („Mein Sohn, untersuche die Wahrheit für dich selbst!‟) oder Jeschua me-Natzriya ‘Avar Datenu („Jesus von Nazareth lehnte unsere Religion ab‟).

Bei solchen literarischen Texten, die sich, im Gegensatz zu früheren Texttypen, in direkten polemischen Konfrontationen (weder als Verteidigungs-, noch als Angriffsmittel) als völlig nutzlos erwiesen, stellt sich sofort die Frage, warum sie in dem frühneuzeitlichen Italien doch noch in beträchtlicher Anzahl produziert wurden? Aus einer rein textlinguistischen Perspektive lassen sich die früheren mittelalterlichen polemischen Schriften (sowohl die philosophischen als auch die exegetischen Variationen, sowohl die offensiven, rein polemischen als auch die abwehrenden, mehr apologetisch orientierten) als operative, zweckorientierte Texte einstufen. Das heißt, in ihrem Fall kommt es mehr auf den Zweck als auf den Inhalt und die stilistische Korrektheit der Texte an. Im starken Gegensatz dazu lassen sich die oben erwähnten literarischen Texte mehr als expressiv und senderorientiert beschreiben. Diese Texte als literarische Produkte verhalten sich stärker formbetont und ausdrucksorientiert. Das einzig Neue, das diese Texte zu bieten haben, bezieht sich auf ihre Funktion.

 

Abb 2

Prof. Ora Limor, Department of History, Philosophy and Judaic Studies, The Open University of Israel präsentierte ihre Forschung zu jüdisch-christlicher Polemik im Hauptgebäude der Universität Wien.

Die bisher geschilderten Texte artikulieren altbekannte theologische Probleme in anspruchsvoller literarischer Form. Ihre komplizierte, oft schwer verständliche Rhetorik, die biblischen, gelegentlich auch rabbinischen Anspielungen, die innovativen Wortbildungen und Wortspiele, die gleichzeitige Mobilisierung von zwei oder mehreren literarischen Kompositionen in den parodistischen Schriften setzen ein anderes Publikum als den typischen mittelalterlichen Leser voraus, der in den Texten nur nach Ratschlägen oder Ermahnungen vor dem Hintergrund der Herausforderungen des missionarischen Eifers sucht. Der Autor sowie der ideale Leser dieser Texte findet mehr Freude an der literarischen Formulierung eines altbekannten Arguments mit komischen Wortspielen und zweideutigen Referenzen als in der vernunftmäßigen Argumentation, die in den philosophischen Abhandlungen der mittelalterlichen Periode hochgeschätzt wurde.

Allerdings wirft die parodistische Struktur der Kompositionen weitere Fragen auf. Nach einer anerkannten literarischen Definition ist Parodie „eine relativ polemische, anspielungsreiche Nachahmung einer anderen Kulturproduktion.“ Aber nachdem wir in unserem Beispiel die nachgeahmten Texte als absichtlich verzerrte Versionen von hoch verehrten jüdischen liturgischen Kompositionen identifiziert haben, stellen sich sofort die Fragen: Was war das eigentliche Ziel dieser polemischen Parodien? Können wir sicher sein, dass es die alleinige Absicht des Verfassers war, Jesus und die Glaubensartikel der Christen lächerlich zu machen, oder ist darüber hinaus eine absichtliche Zweideutigkeit in den Texten zu vermuten? Sollte diese offenkundig häufig wiederkehrende Erscheinung – das Parodieren heiliger Texte – nicht als ein Zeichen der wachsenden Skepsis und Enttäuschung über die traditionellen Lehren beider Religionen oder sogar als ein verdeckter Angriff auf die traditionellen Formen des Judentums interpretiert werden?

Von der Parodie zur Wissenschaft

In einigen Texten kann man die erste Phase des langen Entstehungsprozesses einiger wissenschaftlicher Disziplinen beobachten. Das sich über die herkömmlichen Grenzen der Polemik erstreckende wissenschaftliche Interesse des Autors deutlich spürbar.

Der hochgebildete Rabbiner von Venedig, Jehuda Arjeh me-Modena (1571–1648), verfasste im Jahr 1643 eine merkwürdige polemische Streitschrift mit dem Titel Magen wa-Herev („Schild und Schwert). In Modenas Schrift tritt der traditionelle, philosophisch-rationalistische Ansatz gegenüber der herkömmlichen Bibelauslegung in den Hintergrund, allerdings bürgerte er, als Zeichen einer neuen Ära, eine neue Dimension in der polemischen Literatur ein: das Geschichtsbewusstsein. Modena, ganz im Geiste der späteren historisch-kritischen Jesusforschung, versuchte die Grundzüge des Lebens Jesu und seine ursprüngliche Lehre von den späteren Konstruktionen der Evangelisten oder der ersten Theologen zu trennen. Er stellte Jesus als liberalen Pharisäer dar, der bestimmte halachische Regeln wie das Händewaschen missachtete, weshalb er in Konflikt mit anderen Pharisäern geraten war. Er habe sich als Sohn Gottes bezeichnet, aber damit kein göttliches Wesen gemeint, sondern sich als von Gott erwählten, den Propheten überlegenen Torahlehrer verstanden. Erst spätere Heidenchristen hätten seine Lehren falsch gedeutet, ihn zu einem gottmenschlichen Mischwesen gemacht und die Dogmen der Trinität, Erbsünde und Erlösung geschaffen.

Ebenso wichtig wie die oben angeführte historische Methode ist ein weiteres Merkmal des Buches. Polemik wird traditionell für eine Disziplin gehalten, deren Zielsetzung entweder die Hervorhebung bzw. die Stärkung bestehender religiöser oder kultureller Grenzen ist oder eben die Setzung neuer Grenzen in entscheidenden Perioden der Gruppenbildung. In diesem Zusammenhang ist es höchst interessant zu beobachten, wie Modena, statt des erwarteten Modells der Grenzziehung, immer wieder Kompromisse suchte. Mit der Verletzung der unausgesprochenen Regeln der polemischen Gattung gab sich Modena alle Mühe – und zwar mehrmals in seinem Magen wa-Herew – einige christliche theologische Vorstellungen für seine jüdischen Leser nicht nur verständlich, sondern sogar zulässig zu machen. Er versuchte z. B., trotz erheblicher Unterschiede zwischen den beiden Konzeptionen, die er nie totschwieg, den dogmatischen Begriff der Erbsünde mit der jüdischen Vorstellung vom bösen Trieb zu identifizieren. Gleichfalls behauptete er, dass der scheinbar unlösbare Konflikt zwischen dem jüdischen Glauben an einen einzigen Gott und der christlichen Vorstellung der Dreieinigkeit gelöst werden könne, wenn die Trennung der drei göttlichen Personen als wesenintern, also im Inneren und nicht außerhalb der Gottheit vorliegend vorgestellt werden könne. An bestimmten Stellen sieht Modenas Büchlein so aus, als ob er statt Grenzziehung lieber Brücken gebaut hätte. Bestimmte Abschnitte des Buches kann man als erste Zeugnisse eines erwachenden Interesses an der späteren vergleichenden Religionswissenschaft interpretieren.

Abb 3

Israel Yuval, Professor of Jewish History an der Hebräischen Universität war im Rahmen der von RaT und dem Institut für Judaistik organisierten Konferenz zu Gast in Wien.

Seit den 1990er Jahren ist es üblich, eine bestimmte Gruppe christlicher antijüdischer Texte als polemisch-ethnographisch zu bezeichnen. Solche Texte, die vor allem in Deutschland, zwischen der ersten Hälfte des 16. und der Mitte des 18. Jahrhunderts in beträchtlicher Anzahl entstanden, beschreiben anstatt der eingebürgerten theologischen Probleme lieber die Rituale, die täglichen Gewohnheiten, also den für Christen immer merkwürdig erscheinenden Lebensstil der Juden. Ein allgemeines Merkmal dieser Literatur ist die öfters geradeheraus artikulierte, manchmal verhüllte kritische Haltung des Autors, der die unbekannten Gewohnheiten des Fremden der Lächerlichkeit preisgibt.

Es ist bisher nicht gelungen, eine parallele Entwicklung in der jüdischen polemischen Literatur aufzuzeigen. Demgegenüber nehme ich an, dass der oben erwähnte parodistische Prosatext von Jonah ha-Kohen Rapa, mit dem Titel Pilpul al-zeman, zemanim, zemanehem sich als eine jüdische Parallele der polemisch-ethnographischen Gattung auffassen lässt. Sein Autor stellt die Verehrung der Heiligen oder Heiligenreliquien, die Wallfahrten zu den Maria geweihten Orten, die bedeutungslose Auseinandersetzung der verschiedenen Ritterorden in komischen Beschreibungen in gereimter Prosa dar.

Psychoanalytische Perspektiven

Im Jahr 1782 wurde das Drama eines Rabbiners im Pesaro, mit dem Namen Matitjahu Nissim (Donato) ben Jacob Israel Terni (1745 –z. 1810), in der rabbinischen Hochschule (Jesiwa) auf die Bühne gestellt. Das Drama mit dem Titel Derech Emunah („Der Weg des Glaubens“) ist ein merkwürdiges Produkt. Die Schauspieler diskutieren solch herkömmliche Themen der jüdisch–christlichen Auseinandersetzung wie die Trinität, die Menschwerdung Jesu, die Dauer des jüdischen Exils. Es ist wieder nicht die alte polemische Thematik, die dieses Schauspiel bemerkenswert macht. Was das Theaterstück wirklich interessant macht, ist die Tatsache, dass beide Gesprächspartner Juden sind. Einer spielt die traditionelle Rolle des Christen, er versucht den anderen davon zu überzeugen, dass die jüdische Religion nach dem Auftreten Jesu keinen Wert mehr hat. Ihre traditionellen Aussagen sind veraltet, ihre angeblichen Wahrheiten falsch. Der andere versucht hingegen die jüdische Religion, im Wesentlichen unter Verwendung der klassischen Argumente, zu verteidigen und seinen Partner auf seine Seite zu ziehen.

Ich versuche, dieses Drama als einen frühen psychoanalytischen Versuch zu verstehen, in dem der Autor ganz bewusst mit einander widersprechenden Emotionen spielt. Meiner Meinung nach stellen die zwei Schauspieler des Dramas die verschiedenen gegensätzlichen, dennoch zugleich existierenden Emotionen einer frustrierten Seele, wie Zweifel, Angst und Enttäuschung auf der einen Seite, und Hoffnung, Selbstbewusstsein und Mut auf der anderen, dar.

Die oben beschriebenen neuen Perspektiven bemühen sich, eine bedauerliche Lücke in der Geschichte des jüdisch-christlichen Wechselverhältnisses zu füllen, zugleich dürften sie unser Verständnis für die Beziehung zwischen der jüdischen Minderheit und ihrem Umfeld in Europa zu einer Zeit, die bis heute nachwirkt, revolutionieren.

 

Karoly Daniel Dobos hat die Ergebnisse seioner Forschung auf der von RaT mitveranstalteten Konferenz „Can Polemics Innovate? Change and Continuity in Jewish–Christian Polemics from Late Antiquity to Modernity“ (14/15 November 2017) präsentiert. Die Untersuchung wurde am Institut der Judaistik unter der Leitung von Prof. Gerhard Langer betrieben.

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