„Genderismus“ und worum es wirklich geht

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Der Genderbegriff löst zeitgenössisch vielfach heftige Debatten aus. Feministen und Feministinnen werden belächelt oder als Männer-und Familien-hassend diffamiert. Übersehen wird dabei (manchmal auch von beiden Seiten) worum es geht: ein Plädoyer für den Blick auf die Wirklichkeit zahlreicher Menschen von Irene Klissenbauer.

Die Gender- und Geschlechterforschung, eine Disziplin, die sich mit dem Verhältnis von Geschlecht zu Kultur, Gesellschaft sowie Wissenschaft auseinandersetzt, ist seit einigen Jahren erheblichen Angriffen ausgesetzt. Diese speisen sich aus unterschiedlichen Strömungen, wie etwa dem konservativen intellektuellen Milieu, der politischen Rechten, Teilen der Evolutionsbiologie ebenso wie konservativ-religiös geprägten Richtungen, die in dem Gender-Diskurs einen Angriff auf die Schöpfungsordnung sehen.

So werden Frauenhäuser als (mit-)verantwortlich für die Zerstörung von Ehe und Partnerschaften verurteilt, Gender Mainstreaming als gesellschaftspolitische Strategie betitelt, deren Ziel es sei die Familie aufzulösen, die Forschung zur Geschlechtergerechtigkeit als Pseudowissenschaft und die UNO ebenso wie die EU als Betreiber einer sexuellen Revolution diffamiert.

Gestritten wird in diesem Kontext auch über die Sinnhaftigkeit des Binnen-I  sowie über die Notwendigkeit von Frauenquoten, deren eigentliches Ziel es ist die Chancengleichheit für Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Manche der Vorwürfe sind – dies lässt sich relativ einfach zeigen – schlichtweg falsch: was Familien zerstört sind nicht Frauenhäuser, sondern die Gewalt, der psychische und physische Terror, vor dem eben solche schützen.

Andere sollten – jedoch ohne polemische Verurteilungen auf allen Seiten – zumindest diskutiert werden. Wichtig wäre es hierbei vor allem alle Fragen und Ängste, die sich auch hinter den unterschiedlichen Diffamierungen zeigen, stellen und benennen zu können, damit ein produktiver Dialog mit allen Beteiligten wirklich gelingen kann.

Dafür wäre auch differenziert aufzuzeigen, dass das, was in derartigen Kreisen als „Genderismus“ verurteilt wird, keineswegs eine einheitliche Weltanschauung ist, sondern, dass hiermit häufig viele verschiedene Phänomene, Theorien, aber auch Forschungsbereiche miteinander vermengt und pauschal als verurteilenswert abgelehnt werden. Eine derartige Differenzierung mag schwieriger vermittelbar sein, leichter und ebenso notwendig, ist auf den Ursprung der Gender- und Geschlechterforschung zu verweisen:

Worum es wirklich geht

Wie zynisch genannte Vorwürfe und Pauschalverurteilungen sind, zeigt sich nämlich dann, wenn man sich den Ausgangspunkt und die Motivation der Gender- und Geschlechterforschung vor Augen führt:
Die Geschlechter- und Genderforschung entspringt der Frauenbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts, die zunächst Gleichheit in Belangen der Bildung und Politik forderte und in einem zweiten Schritt die Kategorie der Differenz betonte, weil Frauen und Männer eben nicht völlig ident, sondern zum Teil höchst unterschiedlich sind.

Was gefordert wurde und auch zentrales Anliegen der jüngeren Frauenbewegungen war und ist: eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen dieselben Rechte, Verantwortlichkeiten und Chancen haben. Dass dem nicht so ist und damit, dass die Gender- und Geschlechterforschung weder Pseudowissenschaft noch irrelevant ist, zeigt sich etwa angesichts des großen Bereichs der Frauenrechte (und dies ist nur ein Beispiel, das hierfür angeführt werden kann):

Obwohl Frauen in etwa die Hälfte der Menschheit ausmachen und 52% aller Arbeitsleistungen erbringen, verfügen sie nur über 10% des Welteinkommens. Ein Grund warum Frauen besonders armutsgefährdet sind ist, und hier zeigt sich eine weitere Ungleichbehandlung, dass Mädchen in zahlreichen Ländern immer noch keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zur Bildung haben.

Frauen und Mädchen sind in all ihren Lebensstadien von Benachteiligungen betroffen:

Weibliche Embryos werden selektiv abgetrieben, Mädchen werden schlechter ernährt, ihre Genitalien werden verstümmelt, sie werden zwangsverheiratet, aufgrund von (vermeintlich) verletzter Ehre getötet, sie werden wie Ware gehandelt und unter unmenschlichen Bedingungen gehalten und ausgebeutet.

Frauen und Mädchen sind in besonderer Weise von Gewalt betroffen und das häufig gerade in intimen Beziehungen, die die Möglichkeit aus den Gewaltverhältnissen auszubrechen, erschweren oder zum Teil aufgrund gesellschaftlicher Verhältnisse sogar unmöglich machen.

Nicht nur in fernen Ländern

In Österreich hat jede fünfte Frau körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, jede dritte Frau wird sexuell belästigt. Beinahe 30 Prozent erleben versuchte oder vollzogene Vergewaltigung oder werden zu sexuellen Handlungen genötigt, die sie nicht wollen.

Österreich ist sowohl Transit- als auch Zielland für Menschenhändler. Die Opfer sind zum Großteil weiblich, werden zur Prostitution, Hausarbeit oder Bettelei gezwungen und auch noch selbst kriminalisiert, wenn sie ohne Dokumente (die ihnen sehr oft von den Menschenhändlern und Menschenhändlerinnen abgenommen werden) angehalten werden.

Die politische, gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe von Frauen entspricht nicht im Entferntesten ihrem Bevölkerungsanteil. Dies hat auch damit zu tun, dass es immer noch Frauen und Mädchen sind, die einen Großteil der unbezahlten Arbeit (Pflege von Familienangehörigen, Hausarbeit, Kindererziehung u.a.m.) leisten. Dies ist wiederum Grund dafür, warum Frauen, vor allem als Alleinerziehende, aber auch im Alter im Besonderen armutsgefährdet sind.

Die Zahlen und Beispiele ließen sich fortsetzen…

Umso erschreckender ist es, dass die Notwendigkeit, sich für eine Verbesserung der Situation von Frauen und Mädchen weltweit einzusetzen, in vielen Teilen der Gesellschaft belächelt wird. Ebenso bestürzt, dass gerade Anhänger und auch Anhängerinnen der katholischen Kirche diese als „Bastion des Widerstandes“ gegen Forschung und Initiativen in diesen Bereichen bejubeln und damit nicht ausschließlich auf erheblichen Widerstand aus eigenen Reihen stoßen (wiewohl es ihn zumindest in der Theologie zum Glück schon gibt).

Ein Grund hierfür ist sicherlich, dass sich gerade an der Schnittstelle von Religion, Religionsfreiheit und Gender viele offene Fragen zeigen, die einer weiteren oder überhaupt erstmaligen Thematisierung bedürfen.

Mitten im Leben

Die herausragende Relevanz dieser Schnittstelle von Religion, Religionsfreiheit und Gender zeigt sich nicht nur im sogenannten wissenschaftlichen Elfenbeinturm, sondern im alltäglichen Leben: Der Streit um religiöse Symbole wie Niqab, Burka oder islamisches Kopftuch im öffentlichen Raum zählen hierzu, ebenso wie die Diskussionen um Ehe- und Familienplanung (hierbei geht es um Autonomie von Sexualität und damit verbunden um selbstbestimmte Mutterschaft, um Sorgerechtsfragen, aber auch Genitalverstümmelung u.a.m.) oder die Frage welche Rolle Frauen in Kirchen und religiösen Gemeinschaften einnehmen dürfen.

Besonders herausfordernd sind diese, weil sie alle Fragen der multifaktoriellen Diskriminierung sind. Das heißt, dass in diesen Bereichen Menschen aus unterschiedlichen Gründen zugleich benachteiligt und/oder ausgegrenzt werden, sodass es einer besonderen Wachsamkeit von unterschiedlichen Seiten bedarf, um derartige Diskriminierungen im Detail wahrzunehmen und zu analysieren.

Gender als Menschenrechtskategorie

Gender ist eine Wahrnehmungs- und Analysekategorie, die zwar verunsichern kann, aber vor allem dazu beitragen will, den Aufbau einer Gesellschaft zu ermöglichen, die dem Menschen in seiner Vielfalt gerecht wird. Damit unterstreicht sie das den Menschenrechten zugrundeliegende Menschenbild, das die Gegebenheit und Notwendigkeit seiner Gleichheit, Sicherheit, Freiheit, Geselligkeit und Existenzsicherung hervorhebt und damit auf ihr Ziel, die menschliche Würde zu schützen.

Eine klare Positionierung zu den Menschenrechten und damit eine Zusage an die Gleichheit aller Menschen (etwa aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit) – gerade auch von Seiten der Religionen – würde dabei helfen, die noch offenen Fragen an der Schnittstelle von Religion, Religionsfreiheit und Gender gemeinsam – ohne Denkverbote – zu thematisieren und so auch Vorurteile abzubauen. Das Gender-Thema würde hierbei, ganz nach der Empfehlung von Marianne Heimbach-Steins für die katholische Kirche, als Zeichen der Zeit erkannt werden, dessen Anliegen es ist gesellschaftliche Ungerechtigkeiten wahrzunehmen.

Die aus diesen vielfältigen Themenfeldern erwachsenden Fragen sind sowohl ethisch als auch theologisch höchst herausfordernd und das Ringen um (möglicherweise neue) Formen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens vorprogrammiert. So müssen sich Religionen etwa die Frage stellen, inwieweit sie die Menschenrechte in ihren eigenen Reihen und damit eben auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau umsetzen. Dabei geht es um das gelebte Bewusstsein der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau, um die praktische Umsetzung der Anerkennung der menschlichen Würde aller und damit um nicht weniger als die eigene Glaubwürdigkeit.

Die Rolle der katholischen Kirche?

In pluralistischen Gesellschaften kommen Religionen und auch nicht-religiöse Weltanschauungsgemeinschaften um derartige Fragen nicht herum, vor allem dann nicht, wenn sie Religions- und Weltanschauungsfreiheit für sich selbst bzw. ihre Anhänger und Anhängerinnen fordern. Zwar ist die Gewährleistung der Religions- und Weltanschauungsfreiheit – und das zu Recht! – nicht an bestimmte Pflichten gebunden, aus der Anerkennung und damit Einforderung dieses Rechts in seinem modernen Verständnis folgt jedoch, dass man dasselbe Recht auch allen anderen Menschen zuerkennen muss. Tut man dies nicht, ist man kein Verfechter und keine Anhängerin der Religions- und Weltanschauungsfreiheit, sondern maximal des veralteten Modells der religiösen Toleranz. Darüber hinaus dürfen einzelne Menschenrechte, wie etwa das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit und die Frauenrechte, nicht gegeneinander ausgespielt werden, da diese immer so zu interpretieren sind, dass sie einander verstärken und nicht zerstören.

Gender als Wahrnehmungs- und Analysekategorie, die auf Gerechtigkeit zielt, kann und muss hierbei als wichtiges Hilfsmittel gesehen werden, um die angedeuteten Herausforderungen in politischen, religiösen ebenso wie in akademischen Bereichen zu verstehen und nach neuen interdisziplinären Wegen zu suchen, um diese erfolgversprechend wahrnehmen zu können.

Gerade die katholische Kirche sollte hierbei eigentlich eine Vorreiterrolle einnehmen, denn wo ihre Anhänger und Anhängerinnen Christus wirklich als Gewand angelegt haben gibt es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich, denn sie sind alle einer in Jesus Christus. (vgl. Gal 3,26-28).

 

Irene Klissenbauer ist Universitätsassistentin (post doc) am Institut für Systematische Theologie und Ethik, Fachbereich Sozialethik und RaT-Mitglied.

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