Repräsentation(en) in der Krise

dietmayer

Aus Sicht der Habsburger war klar, dass ihre irdische Macht einen göttlichen Willen repräsentiert, was Kunstwerke wie dieses Melker Deckenfresko verdeutlichen. Wer wen wodurch repräsentieren kann und soll, ist heute oft viel uneindeutiger und war Ende Juni Thema der internationalen RaT -Tagung „A Crisis of Representation“. Ein Tagungsbericht.

Von 25. bis 27. Juni veranstaltet die Forschungsplattform in Melk eine Tagung zur Krise der Repräsentation in Politik, Religion und Kultur, hervorgerufen oder befördert durch Neoliberalismus, Ethno-Nationalismus, religiösen Konservatismus. So vielfältig wie die dabei zusammenkommenden Themen waren auch die Gäste der Veranstaltung. So waren unter den internationalen Vortragenden der US-amerikanische Philosoph und Theologe Carl Raschke, der französische Politikwissenschaftler und Islamforscher Olivier Roy und  der britische Religionsphilosoph Philip Goodchild. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Plattform und weiteren Gästen wurden Fragen zu Gründen von und Wegen aus der Krise der Repräsentation aus philosophischen, theologischen sowie politik-, religions-  und islamwissenschaftlichen Perspektiven beleuchtet.

Politik, unvermittelt und unmittelbar

Vermittlung ist ein zentrales Element von Demokratie, wie die Formen der Repräsentation durch unterschiedliche Kammern in den Parlamenten, die politischen Parteien und Interessensvertretungen, aber auch die umfassenden diplomatischen Protokolle für sämtliche offizielle Abläufe zeigen. Nach wie vor sind diese Protokolle vorgesehen, gleichzeitig finden politische Prozesse zunehmend unvermittelt statt. Der Präsident der USA verkündet außenpolitische Entscheidungen nächtens via Twitter, vorbei an allen vorgesehenen Formen der Repräsentation. Jakob Deibl bespricht aus dieser Beobachtung heraus die Krise der Repräsentation als eine Krise der Balance von Vermittlung und Unmittelbarkeit. Immer häufiger mündet diese fehlende Balance in Fundamentalismen, welche als unvermittelte Unmittelbarkeit verstanden werden können.

Unvermittelt und unmittelbar wollen auch die AkteurInnen der Neuen Rechten in Europa Politik machen. Hans Schelkshorn betont in seinem Vortrag aber, dass die oft als populistisch bezeichneten politischen Strömungen keineswegs ideologiefrei sind oder einfach ihre Forderungen an Stimmungslagen in der Bevölkerung anpassen. Im Gegenteil, die Neue Rechte ist essentiell geprägt von der Zielvorstellung einer autoritären Transformation der bestehenden Ordnungen und ihrer Repräsentationsformen. Religion spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie zum Bezugspunkt für Grenzziehungen zwischen jenen wird, die Teil des Volkes sind, und jenen, die davon ausgeschlossen sind. Dies wird etwa in der Politik Viktor Orbans deutlich: Religion ist dabei abstrakte Referenz, um ein Wir-Gefühl zu erzeugen, eine konkret befüllte und rechtlich verfestigte Kategorie, aber als Kirche immer wieder auch eine Akteurin in diesen Ausschließungsprozessen.

Wer repräsentiert wen in einer globalisierten Welt?

Anhand einer Erzählung und einer Fallstudie diskutiert Oliver Marchart ein negatives Konzept von Repräsentation und seine Anwendungsmöglichkeiten. In der Kurzgeschichte „El Congreso“  von Jorge Luis Borge wird verdeutlicht, wie schnell die Idee einer allumfassenden Repräsentation an ihre Grenzen stößt. Der Versuch einen Weltkongress zu bilden, in dem alle repräsentiert werden,  scheitert. Auch in der Praxis zeigt sich, dass deskriptive Repräsentation ihre Grenzen hat. So etwa im heute so sehr strauchelnden Bosnien-Herzegowina, wo angestrebte Repräsentation zur Vertiefung von gesellschaftlichen Gräben führt. Daher braucht Demokratie ein anderes Konzept, in welchem der Souverän immer selbst-aussetzend, eine Leerstelle ist, um das Spiel der Repräsentation zu ermöglichen.

Ökonomische Aspekte der Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Glauben stehen im Zentrum von Phillipp Goodchilds Ausführungen. Das Gedankenexperiment eines Endes des Kapitalismus erlaubt dabei, Zusammenhänge erkennbar zu machen: Der Verlust von Vertrauen kann mit Hilfe von Religion, die wiederum zu interpersonellem Vertrauen zu führen vermag, aufgefangen werden. Die Religiösen sind demnach jene, die Krisenzeiten eher überstehen können. Hier ist auf die Zunahme zahlreicher sehr unmittelbarer Religionsphänomene – z.B. evangelikale Bewegungen oder Neo-Hinduismus – zu verwiesen.

Wie Globalisierung Kultur verändert, insbesondere im Hinblick auf islamische Kulturen, diskutiert Olivier Roy. Fundamentalismus, die Neue Rechte und Populismus sind Ausdrucksformen der durch Globalisierung veränderten Kultur. Der Gedanke, Fundamentalismus käme aus der Vergangenheit, ist nicht zuletzt deswegen ein Trugschluss. Fundamentalismus, wie andere extreme Bewegungen, entwickelt sich als Opposition zu veränderter Kultur und ist deshalb gegenwartsbezogen. Die Diversifizierung der Werte und Normen im Zuge der 1960er Jahre hat zu einer Trennung von Religion und Kultur beigetragen, die wiederum zunehmend von autoritären normativen Regimen ersetzt werden. Daher braucht es den Austausch zwischen Religion und Kultur, nicht nur jenen, zwischen Gläubigen und Nicht-Glaubenden.

Raum für Aushandlung einer neuen Erzählung

Auf die Notwendigkeit des öffentlichen Raums zur Aushandlung eines Miteinanders weist Kurt Appel in seinem Vortrag hin. Er führt aus, dass der Tod bzw. die Toten systematisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden. Damit einher geht eine Krise des öffentlichen Raums, die durch einen zweifachen Prozess charakterisiert ist: der Privatisierung des Öffentlichen und der gleichzeitigen Öffentlichmachung des Privaten – was die Gefahr einer Annihilierung von Identität in der grenzenlosen Virtualisierung mit sich bringt. An dieser Stelle kommt den Religionen eine große Bedeutung zu, weil für sie der Umgang mit den Toten eine essentielle Bedeutung hat und sie Potentiale für die Stärkung des öffentlichen Raums enthalten. Für Europa ist es notwendig, die Vision eines jüdisch-christlich-islamisch-säkularen Miteinanders im öffentlichen Raum zu entwickeln, in dem sich Ausgangspunkte für ein europäisches Narrativ finden könnten. Es gilt, kreative Wege zu finden, mit Entfremdungsprozessen umzugehen. Die Toten aus den notwendigen öffentlichen Räumen nicht auszuschließen, ist dabei zentral.

Die Veränderungen privaten und öffentlichen Raums im Zuge der Krise der Repräsentation stehen auch im Zentrum der Ausführungen von Marcello Neri. Auch hier ist die Ökonomisierung des öffentlichen Raumes Thema. Deutlich wird, dass die Grenzen zwischen einer durch Vermittlung geprägten öffentlichen und durch Unmittelbarkeit geprägten privaten Sphäre in Auflösung begriffen sind. Bürgerinnen und Bürger werden ihrer bisher maßgeblichen Zugehörigkeiten entkleidet, da ihnen die Repräsentation von Zeit, Raum und Macht entzogen wird. Unter diesen krisenhaften Bedingungen blüht Neoliberalismus auf.

Anspruch und Wirklichkeit: Repräsentation in der multiplen Krise

Rüdiger Lohlker lenkt den Blick auf Saudi Arabien und die „Kolonialisierung der Kolonialisierenden“. Ausgangspunkt für die Überlegungen ist das 19. Jhdt., das durch die Entstehung von Nationen und nationalistische Kriege geprägt war. Das internationale Recht, das sich aus diesen Erfahrungen heraus entwickelte, war zunächst nicht für den Schutz außereuropäischer Akteure gedacht. Repräsentation in der kolonialisierten Welt erfolgt durch einen souveränen Anführer, der für alle Subjekte spricht. Lohlker nennt das eine nicht repräsentative Repräsentation. Saudi-arabische Repräsentationsansprüche für die Region, ausgedrückt in zahllosen Maßnahmen zur Verbreitung des wahabitischen Islams und durch die Finanzierung von Dschihadismus machen Saudi-Arabien zu einer Art Kolonialmacht der globalen Politik und Wirtschaft, die Förderung durch westliche Staaten erfährt.

Carl Raschke spricht über Wirtschaft und neue Kommunikationsformen, die die Krise der Repräsentation befördern, da sie nur allzu oft einen zerstörerischen Charakter entwickelt, bis hin zur Zersetzung des Demos. Technischer Forstschritt ist durch eine Kommodifzierung geprägt, im Rahmen derer Algorithmen und Fake-News Agenturen ein Abreagieren der Einzelnen ermöglichen, ohne die Konsumorientierung einzuschränken. Die zentrale Frage dieser neuen Ära sei demnach die Wiederfindung echter Präsenz in Sprache und Sozialbeziehungen und daraus folgend auch in der Politik.

Neue Götter und alte Götzen

Aufbauend auf Überlegungen zum biblischen Exodus-Narrativ spricht Peter Zeillinger über das Verhältnis von Repräsentation und Souveränität. Die Figur Moses in der Bibel versteht Zeillinger dabei nicht als Modell für einen zukünftigen König Israels, sondern als Modell für einen zukünftigen Richter und Deuter der Gesetze Israels. Er übernimmt die Rolle des Mediators zwischen dem Volk Israel und YHWH. Die bisherige Repräsentationsweise souveräner Macht sieht Zeillinger darin unterbrochen durch die Repräsentation, die nicht auf einen Herrscher, sondern vielmehr auf die offene Leerstelle der Zukunft verweist. Dadurch wird die Relevanz eines geistesgeschichtlichen Ereignisses verdeutlicht, in dem sich die Krise der Repräsentation mit einer unaufschiebbaren, in der Gegenwart drängenden Zukunft verbunden erweist.

In einer Abschlussrunde, ziehen Daniel Minch, Joshua Ramos und Roger Green ein Fazit und sprechen Fragen an, die bisher so nicht behandeln wurden. In diesem Sinn fragt Daniel Minch, wie Gott in der Krise der Repräsentation repräsentiert wird. Er diskutiert Geld als neuen deus, eng verknüpft mit der Vereinfachung unterschiedlicher komplexer Glaubensvorstellungen. Joshua Ramos weist auf die Verbindungslinien der einzelnen Vorträge hin. Die als existentiell empfundenen Bedrohungen durch schwindende Sozialsysteme, unsichere Arbeitswelten und die veränderte Wahrnehmung solcher Prozesse durch die Digitalisierung von Kommunikation sind gemeinsame Elemente der Krise der Repräsentation. Roger Green fasst die wesentlichen Argumente der Tagung zusammen und hebt hervor, dass im Rahmen der Tagung die Notwendigkeit neuer Narrative deutlich wurde. Diese im öffentlichen Raum auszuverhandeln ist ein zentraler Schritt heraus der Krise der Repräsentation.

 

Die Tagung „The Crisis of Representation“ fand vom 25.06.2017 – 27.06.2017 im Stift Melk statt und wurde von der interdisziplinären Forschungsplattform RaT veranstaltet.

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