Interdisziplinäre Religionsforschung: Warum alles nicht so einfach, aber trotzdem der Mühe wert ist

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Forschung soll dazu beitragen, Fragen zur Rolle von Religion in unseren Gesellschaften zu beantworten. Um gemeinsam eine umfassendere Perspektive zu entwickeln lohnt es sich, sie aus mehr als einer wissenschaftlichen Disziplin heraus zu stellen. Was einfach klingt, erweist sich in der Praxis aber oft als steiniger Weg. Ein Plädoyer von Astrid Mattes warum sich Interdisziplinarität dennoch lohnt.

Die weitgehende Absage an die lange Zeit den (Wissenschafts-)Diskurs beherrschende Säkularisierungsthese stellt mehr als einen Lichtblick für die Religionsforschung in all ihren Facetten dar. Eine regelrechte Renaissance erfahren Themen, die Religionsphilosophie, Religionssoziologie und nicht zuletzt Theologien zwar immer schon beschäftigten, aber nun mehr und mehr in den Mainstream der Sozial- und Geisteswissenschaften rücken. Migrationen, Konversionen und Individualisierungsprozesse erweitern die religiöse Landschaft, wodurch historisch gewachsene Strukturen auf die Probe gestellt werden. Und auch gelebte Religiosität stellt zunehmend eine Herausforderung für die – zu Religion dieser Tage auf Distanz stehenden – Gesellschaften Europas dar. Gleichzeitig wird zugeschriebene und reklamierte Religionszugehörigkeit zum Spielball der Politik und ein Merkmal zur Grenzziehung zwischen „uns“ und „den anderen“.

Neue alte Fragen an die Religionsforschung

Die Fragen, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts an die Religionsforschung stellen, werden zeitgleich zum Gegenstand von gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozessen sowie von Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen Religionsgemeinschaften. Nicht selten werden diese Fragen außerhalb des akademischen Feldes hoch emotional geführt und stark politisiert. Deutlich zeigt sich dabei das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Expertise: ReligionsforscherInnen werden befragt, wenn es zu begutachten gilt ob oder ob nicht eine Gruppe eine Religionsgemeinschaft ist, wenn Religions-Symboliken eingeschätzt werden sollen, wenn religiöse Fundamentalismen analysiert werden müssen oder der Ruf nach der Benennung von Grundwerten laut wird. Dieser Bedarf an Religions-Expertise dürfte angesichts der zuvor skizzierten polarisierenden Fragestellungen auch weiter wachsen. Wer aber liefert diese Expertise?

ForscherInnen aus unterschiedlichen Disziplinen haben ganz vielfältige Zugänge zu diesen Fragen. Expertise gibt es etwa (und sicherlich nicht nur) in den Rechtswissenschaften, der Philosophie, den Theologien, den Sozialwissenschaften und den Kultur- und Religionswissenschaften. Die Ausgangspunkte und Zielvorstellungen der Religionsforschung in den einzelnen Disziplinen liegen häufig weit auseinander.

Religion als Kernthema, zentrales Konzept oder special interest

Jene Disziplinen, für die Religion ein Kernthema darstellt, insbesondere die Theologien, begegnen den an sie herangetragenen Fragestellungen häufig mit der Vorannahme, dass Religion eine Sonderstellung als spezifische Weltanschauung, als spezielle Form der Vergemeinschaftung, als eigener Typus der Lebenspraxis einnimmt und insgesamt ein genuin eigenes Phänomen darstellt. In den Rechtswissenschaften wird diese Sonderstellung insofern auch angenommen, da Religion grundrechtlichen Schutz genießt und zahlreiche legislative Regelungen besondere Bestimmungen bezüglich Religionsfragen beinhalten. Diese Sonderstellung wird jedoch rechtsgeschichtlich als das Ergebnis historischer Aushandlungsprozesse und Ausdruck der normativen Grundlagen liberaler Demokratien verstanden und nicht im Phänomen Religion begründet. Eben solche Normen beschäftigen politische Theorie und Philosophie, wenn nach dem guten Miteinander einerseits und der Beschaffenheit von Subjekten andererseits gefragt wird, was sowohl innerhalb religiöser Sinngebungsstrukturen überlegt wird als auch mit distanzierterem Blick auf diese. Die sozialwissenschaftliche Religionsforschung stellt hingegen meist den Anspruch Religion als soziales Phänomen „von außen“ zu betrachten und ist an religiösen Organisations- und Gemeinschaftsformen, Machtstrukturen, Willensbildungsprozessen und Gesellschaftsvorstellungen interessierter. Ähnlich wie in der kulturwissenschaftlichen Perspektive, sind häufig auch diskursive Konstruktion von (Religions-)Zugehörigkeit und ihre Konsequenzen von Interesse.

Wenngleich Religion als disziplinäres Kernthema noch keine phänomenologische Perspektive bedeutet, ist insbesondere theologische Religionsforschung doch zumeist religiös musikalisch, um Max Webers berühmter Formulierung zu bemühen. Diese Musikalität können sich andere Disziplinen in der Zusammenarbeit zu Nutze machen. Umgekehrt kann die größere Distanz zum Forschungsobjekt ein Mehrwert sein, den es aber zu kommunizieren gilt. Hier tun sich schnell Tücken der interdisziplinären Forschung auf, beginnend bei der Frage nach gemeinsamen Grundkonzepten.

Wie Disziplinen wirken

Obwohl auch innerhalb der einzelnen Disziplinen große Auffassungsunterschiede vorherrschen können, sorgt die disziplinäre Bindung doch für eine gemeinsame Sprache. Begrifflichkeiten sind zumeist ohne umfassendere Klärung verständlich und auch für die jeweiligen Disziplinen typische Arbeits- und Publikationsformen bieten Rahmenbedingungen, die gemeinsames Arbeiten erleichtern.

Auch universitäre Strukturen tragen dazu bei, dass sich interdisziplinäre Herangehensweisen oft  scheinbar nicht bezahlt machen, weil die Mehrleistung in den Institutionslogiken nicht sichtbar wird. Einrichtungen wie die interdisziplinären Forschungsplattformen und Zentren an der Universität Wien sind sicherlich ein erster Schritt, um dieser Situation strukturell entgegen zu wirken. Gleichzeitig bleibt der Spielraum durch die an Universitäten allgegenwärtige Ressourcenknappheit, die zur Regel gewordenen prekären Anstellungsverhältnisse und die Ökonomisierung von Forschung gering. Wir sind darauf angewiesen, dass die Mitglieder der Plattform trotz des notwendigen Aufwandes miteinander arbeiten wollen, dass Institute und Fakultäten die Leistung anerkennen und würdigen und dass die Universitätsleitung die Förderung interdisziplinärer Projekte weiterhin vorantreiben möchte. Vor dem Hintergrund all dieser Herausforderungen ist es dann Aufgabe einer interdisziplinären Forschungseinrichtung wie RaT, Pfeiler für den inhaltlichen Brückenbau bereitzustellen.

Seil

Der steinige Weg der Interdisziplinarität

Wie schwierig interdisziplinäres Arbeiten tatsächlich ist, wissen alle, die es bereits versucht haben. Ähnlich wie in den Debatten um interreligiösen Dialog stellt sich hier die Frage, wie man zu echter Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven gelangen kann, ohne rein additiv zu arbeiten. Diese anderen Wissenschaftstraditionen ernst zu nehmen und  ihnen ebensolchen wissenschaftlichen Anspruch zuzuerkennen wie man ihn für die eigene Forschung in Anspruch nimmt, ist gleichzeitig Voraussetzung und Herausforderung. Obwohl man meinen könnte, dass das Zugestehen von Ebenbürtigkeit in der interdisziplinären Forschung leichter fällt als im interreligiösen Dialog – immerhin sollte in der Wissenschaft der Wahrheitsanspruch wegfallen – gibt es oft große Berührungsängste. Und wie so oft hilft es, einander kennenzulernen, den anderen zuzuhören und sich in bisher unvertraute Überlegungen hineinzudenken.

Der Lohn für diese Anstrengung ist ein besseres Verständnis des eigenen Forschungsgegenstandes. Forschungsergebnisse werden robuster und im Allgemeinen besser, weil sie vielseitiger, aus mehreren Perspektiven heraus begründet sind. Diese Ergebnisse erreichen dann oft auch neue ZuhörerInnen, da sich der Pool der Interessierten erweitert. Und nicht zuletzt ist Interdisziplinarität auch eine Notwendigkeit unserer Zeit. Weder die Universitäten an sich noch einzelne ForscherInnen sitzen heute noch im Elfenbeinturm. Außerhalb der Universitäten herrscht wenig Bewusstsein und wohl kaum Verständnis für Hürden in der Zusammenarbeit. Zudem ist die Nachfrage nach Religionsforschung nicht an Disziplinen, sondern an inhaltlicher Expertise orientiert.

Diese Expertise wird durch Interdisziplinarität umfassender und sensibler für verschiedene Blickwinkel. Gerade in den komplexen Fragestellungen, die an die Religionsforschung herangetragen werden, ist Interdisziplinarität notwendig, um die gesellschaftliche Aufgabe, die WissenschaftlerInnen haben, verantwortungsvoll wahrzunehmen. Daher gilt es über disziplinäre Tellerränder zu schauen, die eigenen Annahmen zur Diskussion zu stellen und die „Extra-Meile“ der Interdisziplinarität nicht zu scheuen.

Astrid Mattes ist Politik- und Religionswissenschaftlerin und Mitglied des Organisationsteams von RaT.

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